Pivovar Moravia
Brno
CZE

Moravia, der lateinische Name Mährens. Die Ende des 19. Jahrhunderts von den Brüdern Samuel und Bernhard Morgenstern unter diesem Namen gegründete Brauerei, die Pivovar Moravia, wuchs rasch zur zweitgrößten Brauerei Brünns heran. In den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts produzierte sie über 100.000 hl Bier jährlich und verfügte über eine eigene große Mälzerei. Um so tiefer war dann der Fall in der Weltwirtschaftskrise. Die Nachfrage ging zurück, der Ausstoß ebenso, das einzige was stieg, waren die Schulden. 1933 wurde die Bierproduktion eingestellt. Die Pivovar Moravia war Geschichte.

Über achtzig Jahre später erwacht die Marke zu neuem Leben. 2016 wurde eine neue Brauerei mit dem Namen Pivovar Moravia gegründet, und im September 2017 das erste Bier offiziell auf den Markt gebracht.

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Blick ins Sudhaus

Im Brünner Stadtteil Medlánky steht das neue Sudhaus, mitten zwischen Wohn- und kleinen Geschäftshäusern. Das stählerne Sudwerk, eher auf Funktionalität denn auf Dekorationswert getrimmt, befindet sich in einer unscheinbaren Halle in zweiter Reihe, und neben dem Firmenschild am Tor zum Hof deutet eigentlich nichts darauf hin, dass sich hier eine Brauerei mit einem Jahresausstoß von 9000 hl befindet. Man riecht nicht einmal mehr etwas, wenn gebraut wird, denn anstatt dass die Brüden in die Luft geblasen werden, werden sie kondensiert und in den Kanal abgeleitet, um die Nachbarn nicht zu belästigen.

Heute, am 14. April 2018, wird den Nachbarn allerdings schon bewusst, dass sie seit ein paar Monaten neben einer Brauerei leben. Es ist Tag der offenen Tür. Das Tor zum Hof steht offen, drinnen stehen Tische, Bänke und große KEGs als Sitzgelegenheiten, vor den beiden grünen Malzsilos stehen Holztische, und vor dem kleinen Zelt mit dem Bierverkauf hat sich eine Schlange gebildet, die bis auf die Straße reicht.

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lange Schlangen am Ausschank

Vier Biersorten sind heute im Ausschank, vom leichten zehngrädigen Jošt über die elfgrädigen Biere Rathaus und Punkevní bis zum dreizehngrädigen Osterbier, dem Velikonoční, reicht die Auswahl. Mit wohltuender Aufrichtigkeit stellt Brauer Jan Grmela fest, dass es sich bei all diesen Bieren um neue Rezepte handelt. Niemand wisse, wie die Biere von hundert Jahren wirklich geschmeckt haben, sagt er und positioniert sich damit schön ehrlich gegen die sonst immer wieder zu hörenden Geschichten.

So nett es sonst auch immer klingt, wenn eine Brauerei behauptet, man habe bei Renovierungsarbeiten im Keller hinter einer eichenen Truhe, wahlweise auch unter der dritten alten Tapetenschicht, ein Originalrezept aus dem vorletzten Jahrhundert gefunden und braue nun das Bier nach, so unglaubwürdig sind diese Märchen. Und selbst, wenn wirklich Originalrezepte vorhanden sind, so sind doch zahlreiche Parameter des Brauprozesses nicht enthalten, die Rohstoffe haben sich geändert, Hopfen, Gerste und Malz haben heute völlig andere Eigenschaften als noch vor fünfzig Jahren, geschweige denn im vorletzten Jahrhundert.

Was man hingegen machen kann, ist, zu versuchen, eine Idee des Geschmacks von vor hundert Jahren zu entwickeln und diesen Geschmack dann mit einem modernen Rezept nachzubrauen. Das mag mehr oder weniger gut gelingen, aber die Geschichte hört sich halt nur halb so spannend an.

Zum Auftakt probiere ich das Jošt, mit 10° Stammwürze und 4,0% Alkohol das richtige Bier, um den sonnigen Nachmittag einzuläuten. Immer wieder ist es erstaunlich, wie es den tschechischen Brauern gelingt, auch einem so leichten Bier einen runden Geschmack zu verleihen. Traurig denke ich daran, dass die meisten deutschen Biere mit diesem Alkoholgehalt entweder wässrig und wie nachträglich verdünnt schmecken, oder einen kartonartigen Beigeschmack haben, wie ihn oxidiertes Bier auch hat. Nichts davon ist hier zu spüren. Leuchtendes Gelb, ein Hauch einer Trübung, und ein schönes, malziges Aroma. Ungemein süffig.

Mit dem Bier in der Hand spaziere ich durch das Sudhaus. Ein paar symbolische Plastikstreifen sind gespannt, um zu verhindern, dass die Besucher auf den Geräten herumklettern oder an den Tanks irgendwelche Ventile aufdrehen, aber davon abgesehen, darf sich jeder umschauen. Drei große Geräte, zwei Gärbehälter und rund zehn große Lagertanks.

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Flaschenbiere sind hier eher selten

Was auffällt: Die geringe Rolle der Flaschen. Die Masse der Produktion wird auf Fässer gezogen, nur ein ganz geringer Anteil in Flaschen gefüllt und über den Hof oder in Getränkemärkten der Region verkauft. Typisch für Tschechien, wo der Fassanteil den des Flaschenbiers nahezu überall überwiegt. Lieber geht der Tscheche am späten Nachmittag in seine Dorfkneipe und lässt sich dort das Fassbier in eine PET-Flasche umdrücken, als dass er eine Glasflasche aus dem Supermarkt kauft. Oder er bleibt gleich am Tresen sitzen und trinkt dort. Bier ist Geselligkeit, Bier ist der Abschluss eines Arbeitstages, Bier ist Begleitung beim Ausgehen. Zwar wird auch hier zunehmend mehr Bier zuhause getrunken, aber die Kneipendichte ist dennoch deutlich höher als in Deutschland. Oftmals reicht ein kleiner Nebenraum mit einer winzigen Theke, aber einen kleinen Ausschank, eine Pivnice, gibt es in jeder kleinen Straße.

Das Punkevní, das elfgrädige Helle, das ich nun trinke, gibt sich ein kleines bisschen kräftiger und aromatischer als das Jošt. Ein bisschen mehr Malzkörper, ein bisschen mehr Hopfenbittere. Aber nur ein bisschen.

Der erste Hunger regt sich. Neben dem Bierausschank steht ein zweiter Stand; hier gibt es Lammbratwurst oder normale Bratwurst. Dazu Brot, Paprika, Senf und Meerrettich. Wer partout keine Bratwurst möchte, kann aufgeschnittenen Schinken bekommen. Exotische Speisen? Vegetarische Gerichte gar? Nein, daran scheint niemand gedacht zu haben. Aber es vermisst sie auch niemand. Wir sind in Tschechien. Die drei großen „B“ reichen völlig: Bier, Brot und Bratwurst. Für Preise, die nicht der Rede wert sind, fülle ich mir hier den Magen.

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Stillleben: Osterbier auf Sudwerkstreppe

Zum Abschluss noch ein drittes, ein letztes Bier, das Osterbier, Velikonoční. Dreizehn Grad Stammwürze bringt es mit, und es unterscheidet sich schon rein optisch von den anderen beiden Bieren. Die Farbe ist deutlich kräftiger, geht schon ins leicht Orangene. Die Trübung ist stärker, der Schaum kremiger. Schon beim ersten Schluck merkt man, dass das Bier mehr Wucht hat. Ein schöner, voller und runder Malzkörper, eine feine Bittere, und die Kohlensäure ist wunderbar gebunden, es ist nicht zu hoch gespundet. Gefährlich süffig. Drei, vier Halbe von diesem Bier könnten die nächste Mahlzeit komplett ersetzen und der Tag wäre ebenfalls gelaufen. Wirklich schmackhaft!

Während die Sonne langsam zu sinken beginnt, findet im Hof der Brauerei der Schichtwechsel statt. Familien, deren kleine Kinder zwischen den KEGs Slalom gelaufen sind oder die Brauerei bis in den letzten Winkel erkundet haben, packen ihre Sachen zusammen, beladen die Kinderwägen und Buggys und machen sich auf den Heimweg. Für einen Moment werden die Schlangen am Ausschank etwas kürzer, aber nur für einen Moment. Die Straßenbahn spuckt schon die neuen Gäste aus, jetzt ist die Jugend dran. Viel Hunger und Durst, ohne Kinder im Schlepptau. Da werden Zapfer und Grillmeister jetzt erst so richtig in Wallung kommen müssen. Die Musik wird lauter gedreht, und die Besichtigung des Sudhauses ist jetzt nicht mehr so wichtig. Jetzt wird Party gemacht.

Die Pivovar Moravia ist außerhalb besonderer Bierfeste oder gebuchter Führungen nicht für die Öffentlichkeit zugänglich; es gibt auch keinen Rampenverkauf an der Brauerei. Im Zentrallager in der ulica Másna 27/9 in einem ganz anderen Stadtteil Brünns kann man allerdings Fässer und Flaschen im Direktverkauf erwerben, und zwar montags, mittwochs und freitags von 07:30 bis 16:00 Uhr und dienstags und donnerstags von 06:30 bis 14:00 Uhr. Die Brauerei selbst ist mit der Straßenbahn Linie 1, Haltestelle Filkukova, erreichbar, von dort sind es dann noch etwa sechs bis sieben Minuten zu Fuß. Mehr als das geschlossene Tor sieht man dort aber üblicherweise nicht.

Bilder

Pivovar Moravia
Kytnerova 403/5
621 00 Brno-Medlánky
Tschechien

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