Pivotéka Illegal Beer
Praha
CZE

Schon eigenartig, wo es den Bierreisenden manchmal hinzieht, denke ich am 1. August 2015, als ich durch die Ve Smečkách in Prag laufe, ein kleines Rotlichtviertel. Die Stadt ist fast menschenleer, ein Sonnabend im Hochsommer – wer immer es sich leisten kann, ist der Stadt entflohen, sitzt irgendwo auf dem Land in einem Häuschen am See und lässt es sich gut gehen. Selbst die Nutten haben nichts zu tun, stehen vor dem Puff, rauchen und winken mir freundlich zu.

Doch mein Ziel ist ein anderes (andernfalls ich diesen Text auch nicht schreiben würde, sondern von meiner Ehefrau längst erschlagen worden wäre…), und zwar die kleine Bierbar Illegal Beer. Direkt am Rande des Rotlichtviertels liegt sie, völlig unscheinbar, ja, auf den ersten Blick ein wenig billig aussehend. Aber das hat die Erfahrung ja schon oft gezeigt, die von außen unattraktivsten Bierbars sind oft die besten, und Geheimtipp bleibt Geheimtipp.

MiniaturEin schlichter, kleiner Raum, vier einfache Holztische mit ebenso einfachen Holzstühlen. Minimaldekoration mit ein paar Bildern mit Bierbezug an der Wand. Der Fußboden gefliest, aber schon abgetreten, mit vielen Schäden. Der gehört mal wieder renoviert, denke ich im ersten Moment, muss meine Meinung aber nach einem genaueren Blick auf die Fliesen sofort revidieren. Hopfenranken und -dolden sind das Motiv dieser Fliesen – und das rechtfertigt natürlich, den Fußboden unangetastet zu lassen, auch wenn er schon ein wenig schäbig ist.

Noch ist kein anderer Gast da außer mir – die Tür war gerade erst aufgeschlossen worden. Neugierig mustere ich die verhältnismäßig kurze, aber edle Bierliste. Ein normales, helles Lager für den Durst, daneben eine Handvoll ausgezeichnete tschechische Craft-Biere für den Genuss. Mehr geht hinter der winzigen Theke nicht. Daneben aber ein Kühlschrank mit einer sehr ordentlichen Auswahl an Flaschenbieren.

„Hallo, ich bin Filip. Was darf ich Dir anbieten?“ ertönt es plötzlich neben mir. Fast unbemerkt war der junge Eigentümer aus der Küche gekommen. „Wenn Du nur ein einziges Bier trinken möchtest, dann empfehle ich Dir das 12° A.P.A. von Clock. Das ist eine noch ganz junge Brauerei, aber mit genialen Bieren.“

Während Filip mir das A.P.A. zapft, wundere ich mich – ob man mir ansieht, dass ich heute nur ein Bier trinken will? Den ganzen Tag schon in Prag unterwegs war, schon einige Biere verkostet habe, und statt noch mehr Bier eher ein großes Wasser bräuchte? Ich weiß es nicht, aber der Tipp mit dem Clock 12° ist prima. Herrliche Fruchtaromen aus den verwendeten Hopfen, eine zitrusartige Frische im Antrunk und eine kräftige, blitzsaubere Hopfenbittere im Abgang. Ein schönes Bier. Und auch nicht zu kräftig für einen so heißen Sommertag. Den Durst löschend und aromatisch trotzdem ein Erlebnis.

Ausgeschenkt wird in ein schönes Verkostungsglas, es stimmt alles, bis ins Detail.

Kristina, Filips Partnerin kommt hinzu, und wir kommen ins Gespräch. Vor etwa hundert Jahren, als das Gebäude entstanden war, beherbergten die Räume zunächst eine Schlachterei, und erst in den letzten Jahren waren hier eher Cafés und Bierbars drin. Für eine Allerwelts-Bierbar ist das Umfeld nicht so ideal, aber jetzt, als Craft-Bier-Bar mit einer kleinen, aber feinen Auswahl, sei man optimistisch, sich hier halten zu können. Und während der Woche, da habe man sich auch schon richtig gut etabliert, erzählen die beiden weiter. Die Prager kämen halt gerne direkt nach der Arbeit auf ein Bier, meistens auch zwei oder drei, und da sei der kleine Laden oftmals rappelvoll.

„Aber bei nur vier verschiedenen Bieren?“ Ich runzele die Stirn. Nein, nein, die Fässer wechseln so schnell durch, es seien halt nur immer vier gleichzeitig, aber es gebe eben ständig was Neues!

Was Neues! Das ist das Stichwort. Obwohl ich es nicht vorhatte, aber jetzt probiere ich noch ein zweites Bier. Das 13° Single Hop Ale von Valášek. Bedauernd zuckt Filip mit den Schultern. „Die machen so ein Geheimnis aus dem Hopfen, selbst auf hartnäckiges Nachfragen haben sie mir nicht verraten, welchen sie für dieses Single Hop Ale genommen haben…“ – „Scheint mir eher eine klassische, vielleicht englische Sorte zu sein,“ grüble ich, und Filip stimmt zu. Harzige Aromen dominieren, Fruchtaromen nur ganz dezent im Hintergrund, vielleicht auch etwas erdigere Töne. Vollkommen anders als das Clock-Bier, aber ebenso gut.

Langsam kommen weitere Gäste, auch alles Craft-Bier-Experten. Im Nu stecken wir mitten in einer Diskussion über die neue tschechische Craft-Bier-Szene. Schwärmen von kleinen und ambitionierten Brauereien wie Chomout oder Kocour, überlegen, wo Honza Kočka sein letztes Nomad-Bier gebraut haben könnte, und wo man sonst in Prag noch die Clock-Biere bekäme. Eine kleine, aber nette Runde.

Schweren Herzens breche ich irgendwann auf. Und als ich durch das Rotlichtviertel zurück zur Straßenbahn laufe, stehen die Nutten immer noch auf der Straße und rauchen. Oder schon wieder. Nix los. Außer in der kleinen Craft-Bier-Bar Illegal Beer – da ist es mittlerweile voll.

Und ich weiß, hier war ich nicht zum letzten Mal!

Die Craft-Bier-Bar Illegal Beer ist täglich ab 17:00 Uhr geöffnet, sonntags ist Ruhetag. Vom Wenzelsplatz aus sind es etwa 200 m zu Fuß, man sollte sich vom halbseidenen Rotlichtumfeld und den bärbeißigen Rausschmeißern vor den benachbarten Sex-Bars nicht abschrecken lassen, die Adresse stimmt schon. Mit der Straßenbahnlinie 22 erreicht man die Straße von der anderen Seite aus, dann ist der Fußweg etwas familientauglicher.

Nachtrag 12. November 2016: Über ein Jahr ist in’s Land gegangen. Zwar war ich in der Zwischenzeit das eine oder andere Mal wieder in Prag gewesen, aber in den Bereich rund um den Wenzelsplatz hat es mit seither noch nicht wieder verschlagen. Heute aber soll es sein, und ich bin gut beraten, mit meiner holden Ehefrau den Weg von der anderen Seite her zu gehen, das Rotlichtviertel also zu meiden.

miniatur-2Weder Filip noch Kristina sind heute da, stattdessen ein junger Mann, an dessen Namen ich mich – Asche über mein Haupt – nicht erinnern kann. Auch er berät uns fachkundig, beschreibt uns die Bierstile und empfiehlt uns gezielt die Sorten. Ein eigenes Bier habe man mittlerweile, das Illegal 15° American Pale Ale, gebraut nach eigenem Rezept, das immer mal wieder variiert wird, in der Brauerei Raven. Klar, dass wir uns das nicht entgehen lassen, und wir werden nicht enttäuscht. Leckere Fruchtnoten, kräftige und solide Bittere, angenehmer Malzkörper. Schön!

Aber auch das artverwandte Gunslinger von Raven, ebenfalls mit 15°, steht ihm in nichts nach. Bier Nummer 3, das Porch Punker Oatmeal American Pale Ale von Wywar fällt demgegenüber ein wenig ab, aber dafür überrascht und das letzte, vierte Bier für heute. Unorthodox Brewing bietet mit dem 14°igen Blood River Roibos Lager ein spannendes Bier, in das die fruchtig-süßen Roibos-Aromen fein hineingewoben sind. Wesentlich besser als erwartet.

Erneut also ein schöner Besuch im Illegal Beer – und hoffentlich wird es nicht erneut über ein Jahr bis zu meinem nächsten Besuch dauern.

Bilder

Pivotéka Illegal Beer
Ve Smečkách 590/16
110 00 Praha
Tschechien

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