Biermanufaktur ENGEL GmbH & Co. KG
Crailsheim
DEU

Ach, was waren das noch für Zeiten, als Reklame höflich und dezent daherkam, als man nicht mit Augenkrebs verursachendem Magenta geblendet, von einem unappetitlich-übergewichtigen Fußballtrainer vom Billigfliegen abgeschreckt wurde („Wenn der in der Economy neben mir sitzt, um Himmels willen, dann wird es aber eng…“) oder mit albernem XXXL-Geschrei im Autoradio vom Verkehr abgelenkt wurde. Nein, es gab Zeiten, da kam Reklame bescheiden daher. Ein simpler Text nur:

Einem geehrten Publikum in Stadt und Land erteile ich die Anzeige, dass ich nächsten Sonntag, den 29. Juli 1877, meine angekaufte und neueingerichtete Gastwirtschaft und Bierbrauerei zum Engel eröffnen werde. Ich lade zu deren Besuch höflich ein und werde bestrebt sein, mir auch auf meinem neuen Besitztum die Zufriedenheit meiner werten Gäste zu erhalten suchen durch pünktliche und billige Bedienung, gute Speisen und Getränke (…) Indem ich nun meine Gastwirtschaft zu zahlreichem Besuch empfehle, zeichne hochachtungsvoll: Fach zum Engel.

Fast 140 Jahre ist es natürlich her, dass die Biermanufaktur ENGEL GmbH & Co. KG in Crailsheim, von deren Website ich dieses Zitat kopiert habe, so aufgetreten ist, und mittlerweile hat sich sehr viel geändert. Aber eine bescheidene, solide und regionale Atmosphäre ist geblieben. Im Engel-Keller, dem Brauerei-Gasthof der Engel-Brauerei, ist alles noch beim alten. Eine gemütliche Gaststube mit dunklem Mobiliar vor weiß gestrichenen Wänden, dezent und elegant dekoriert; ein großer Ofen in der Mitte des Raums, der für eine behagliche Wärme sorgt. Dazu eine freundliche Bedienung und gute, regionale Küche. Und natürlich das Bier der eigenen Brauerei. Einzig das leuchtende Karmesinrot, in dem Brauerei und Gasthof außen gestrichen sind, ist vielleicht ein wenig zu grell – wenn auch weit weniger penetrant als das telekomische Magenta.

MiniaturRund ein Dutzend Biere bietet mir die Karte an, etwa die Hälfte davon vom Fass, und für den entdeckungsfreudigen Gast bietet man einen kleinen Tester mit 3 x 150 ml zur freien Auswahl unter den Fassbieren an. Sehr schön, das macht die Bestellung einfach, und im Nu stehen drei appetitliche Biergläser vor mir. Engel Gold, Engel Keller-Hell und Engel Keller-Dunkel. Klassische Biere, ohne Experimente. Sauber im Geschmack, genau richtig temperiert serviert, nicht zu hoch gespundet – jedes der drei Biere könnte ich gerne auch im Halbliter-Glas bestellen und trinken, und dann vielleicht noch eins.

Aber ich bin beruflich unterwegs, mache hier nur Mittagsrast, und auch wenn ich selber nicht fahren muss, geht das natürlich nicht.

Das Essen steht dem Bier in Qualität in nichts nach. Ebenfalls klassisch deutsch, regional geprägt. Rehrücken, gebacken in Gewürzbrot und Kohlblättern. Der Beweis dafür, dass auch gutbürgerliche Kost nicht langweilig sein muss, sich nicht auf Schnitzel und Haxe beschränken muss. Ganz ausgezeichnet.

Was uns ein wenig irritiert, ist, dass wir trotz guten Biers und guten Essens die einzigen Gäste sind, und ich spreche die Wirtin darauf an. Während der Mittagszeit würde sich der Betrieb des Gasthofs zwar eigentlich nicht lohnen, aber irgendwie gehöre doch zu einer ordentlichen Brauerei auch ein guter Gasthof dazu, kommen wir ins Philosophieren. Es seien aber immer weniger Gastronomen bereit, eine Art Quersubventionierung zwischen unrentablem Mittagstisch und gut florierendem Abendgeschäft vorzunehmen. Es sei denn, in Form der unsäglichen Business-Lunches, wo man für kleines Geld ein schnelles Mittagessen bekäme, dem man aber wiederum deutlich anmerken bzw. anschmecken würde, dass an Zeit und Geld gespart werden müsse.

Ach nein, dann doch lieber etwas Ordentliches, etwas Solides. Die Frage sei nur, wie lange man sich das noch leisten können wird – die Konkurrenz durch Pizza, Gyros, Döner und All-you-can-eat Asienbüffets wird immer größer.

Sei’s drum – heute, am 20. Januar 2016, haben wir noch Glück gehabt. Es ist keine Rede von Schließung. Die Küche ist gut, und die Zeit für dieses ordentliche Mittagessen zum Glück auch da – der nächste Termin noch ausreichend weit weg.

Die Biermanufaktur ENGEL GmbH & Co. KG wird mittlerweile in der vierten und fünften Generation als Familienbetrieb geführt – seit fast 140 Jahren. Obwohl sie im Zweiten Weltkrieg – genau wie der ganze Ort Crailsheim – fast völlig zerstört worden ist, gelang es, sie wiederaufzubauen und erfolgreich zu betreiben. Heute braut die Biermanufaktur ENGEL GmbH & Co. KG über das Jahr hinweg rund fünfzehn Biere – allesamt klassische deutsche Bierspezialitäten, von denen einige schon mit dem European Beer Star ausgezeichnet wurden. Pilsener, Bockbiere, Dunkelbiere, Weizen und Festbiere. Ein breites, klassisches Portfolio. Überraschend ist der große Fassbieranteil – rund 60% des Bierausstoßes geht nach Angaben der Brauerei in Fässern in die Gastronomie.

Der Brauerei-Gasthof Engel-Keller ist täglich ab 11:00 Uhr durchgehend geöffnet; warme Küche gibt’s vom 11:00 bis 14:30 Uhr und wieder ab 17:00 Uhr. Montags ist Ruhetag. Zu erreichen sind Brauerei und Gasthof in wenigen Minuten vom Bahnhof Crailsheim, der etwa 700 m entfernt liegt. Wer mit dem Auto kommt, findet gebührenfreie Parkplätze direkt vor der Tür.

Bilder

Biermanufaktur ENGEL GmbH & Co. KG
Haller Straße 29
74 564 Crailsheim
Baden Württemberg
Deutschland

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