Minipivovar a Restaurace Parník
Přerov
CZE

Tschechien ist ein Binnenland, ohne jeden Zugang zu den Weltmeeren. Und doch haben die Menschen hier ein seltsam enges Verhältnis zur Seefahrt, und manchmal hört man schon spöttisch, dass das an der glorreichen Vergangenheit der tschechischen Kriegsmarine liegen müsse.

Der was?

Eben!

Überall in Tschechien grüßt man sich salopp mit „Ahój!“, liebt es, beim Schippern mit dem Ruderboot über den Dorfweiher eine weiße Kapitänsmütze aufzuziehen, und jeder noch so kleine Bootsanleger an irgendeinem Flüsschen verströmt marines Flair. Bis Mitte der neunziger Jahre hatte Tschechien sogar noch eine eigene Hochseehandelsflotte mit eigenem Gelände im Hamburger Freihafen. Mittlerweile gibt es aber nur noch Binnenschiffe und Ausflugsboote.

Das kleine Städtchen Přerov in Mähren, am winzigen Flüsschen Bečva gelegen, hat offensichtlich eine besonders große Fraktion von Möchtegern-Seebären, denn mitten im Ortskern, weit weg vom Ufer des Flüsschens, befindet sich eine kleine Gasthausbrauerei mit dem Namen Parník (Dampfer), deren Biere Seemann, Kapitän oder Pirat heißen, und auf deren Etiketten sich Anker, Kapitänsmützen und Jolly-Rogers-Fahnen befinden.

Im Jahr 2009 wurde das hypermoderne Gebäude der Minipivovar a Restaurace Parník errichtet. Die wie ein Schiffsbug leicht nach oben geschwungene Außenfront ist komplett verglast, und ich befürchte das Schlimmste, als ich den Schankraum betrete. Bei rund 35° Außentemperatur muss es hier doch heiß wie in der Sauna sein. Aber ich habe mich getäuscht. Das verspiegelte und nach neuestem Stand der Technik in mehreren Schichten aufgebaute Isolierglas verhindert selbst bei hochsommerlichen Temperaturen wie heute, dass sich der Innenraum unerträglich aufheizt. Ganz im Gegenteil, es ist angenehm kühl.

Miniatur (1)Das von außen hereinfallende Licht ist durch die Verspiegelung leicht bläulich, es beißt sich ein wenig mit dem dunklen Kupfer des einfachen und ungewöhnlich konstruierten Sudwerks mitten im Raum. Das sonst so warm leuchtende Kupfer wirkt eher kalt und steril, und der Eindruck wird durch die großen, schmucklosen Kupferplatten, die das Sudwerk fast wie eine Kommandobrücke aussehen lassen, noch verstärkt.

Der Rest des Schankraums ist aber gemütlich. Kleine Sitzgruppen, bullaugenförmige Fenster und natürlich die maritime Dekoration: Fischernetze, Rettungsringe, Schiffslaternen, Steuerräder. Im oberen Stockwerk sitzen die Gäste auf bequemen Rattanmöbeln direkt vor den Panoramafenstern, und hier wirkt das leicht bläuliche Licht passend, simuliert ein wenig das Blau des Meeres, auch wenn der Blick auf den Parkplatz und eine Tankstelle nicht mit dem auf die tobende See zu vergleichen ist. Das einzige, was hier in Přerov braust, ist nicht der Sturm auf dem Ozean, sondern lediglich der Stadtverkehr.

Miniatur (3)Die junge Kellnerin bringt mir ein Jedenáctka, ein elfgrädiges Helles, mit dem Namen Námořník, Seemann. Dunkelgelb, leicht trüb, nicht allzu hoch gespundet. Weich im Antrunk, mild gehopft, mit einem Hauch Diacetyl. Ein Bier, wie es für Tschechien typischer nicht sein kann. Sein etwas stärkerer Bruder, das zwölfgrädige Kapitán, sehr ähnlich, ein bisschen kräftiger gehopft vielleicht, etwas weniger Diacetyl. Beide Biere sind mit 4,2 bzw. 4,7% angenehm trinkbar.

Das Essen dazu ist rustikal und preiswert. Hähnchenschnitzel mit Kartoffeln beispielsweise, eine riesige Portion, für gerade mal vier Euro. Und für den, der fahren muss – in Tschechien gilt ja die 0,0‰-Grenze – gibt es Kofola vom Fass, die aus süßem Malz hergestellte Brause, mit der schon in sozialistischer Zeit versucht wurde, Coca Cola zu kopieren, und die sich bis heute auf dem Markt behauptet hat.

Eine angenehme, ruhige Atmosphäre herrscht hier. Kein Lärm, keine Hektik. Eine schöne Gasthausbrauerei ohne Firlefanz – einfach nur, um ein Bier zu trinken und etwas zu essen. Ohne Experimente.

Miniatur (2)Bevor ich mich wieder auf den Weg mache, werfe ich noch einen Blick durch das Fenster in den Gärraum. Rechteckige Metallbottiche, offene Gärung. Dahinter die Lagertanks, mit Kreide beschriftet. Ebenfalls alles von bläulichem Licht erhellt.

An der Theke erstehe ich noch ein paar PET-Flaschen, frisch gefüllt und für kleines Geld, zum Mitnehmen. Zwei, drei Tage lang hält sich das Bier in diesen braunen Kunststoffflaschen problemlos, so dass ich zuhause auch die anderen Sorten noch verkosten kann.

Vom nautischen Design abgesehen nichts Besonderes, nichts Exotisches, aber eine nette, kleine Gasthausbrauerei von der Art, wie sie eigentlich in jeden Dorfkern gehören würde!

Die Minipivovar a Restaurace Parník ist täglich ab 11:00 Uhr durchgehend geöffnet; sonntags ist Ruhetag. Zu erreichen ist sie problemlos mit der Bahn oder dem Bus, sie liegt nur wenige Schritte von Bahnhof und Busbahnhof der Stadt Přerov entfernt. Es gibt aber auch gebührenfreie Parkplätze direkt vor der Tür.

Bilder

Minipivovar a Restaurace Parník
Tovární 1021/5
750 02 Přerov
Tschechien

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