Výčep Na Stojáka Jakubák
Brno
CZE

Ein Bierlokal für Rückenkranke?

Zunehmend mehr meiner Arbeitskollegen lassen ihren Arbeitsplatz mit elektrisch höhenverstellbaren Schreibtischen ausstatten, um so abwechselnd im Sitzen und im Stehen arbeiten zu können. Mögen auch einige von ihnen tatsächlich Rückenprobleme haben, so ist es bei vielen wohl auch eher ein Statussymbol, denn ich habe sie auch nach Lieferung des sündhaft teuren Schreibtischs noch nie im Stehen arbeiten sehen…

miniatur-1Aber Biertrinken im Stehen? Das Lokal Výčep Na Stojáka verfolgt genau dieses Konzept. Ausschank am Stehtisch, oder Stehausschank würde man den Namen dieses Bierlokals wohl übersetzen. Zentral im Gastraum eine Theke mit fünf Zapfhähnen, an denen regelmäßig Biere aus kleinen und kleinsten Brauereien angeboten werden, und ansonsten im ganzen Raum Stehtische. Rechteckige, wie man sie manchmal in den Hallen von Bahnhöfen findet. Keine einzige Sitzgelegenheit im ganzen Lokal. Das Konzept ist darauf ausgelegt, sich bequem an den Tisch zu lehnen, auch den Fuß auf die Fußstütze unter dem Tisch zu stellen, und dann im Stehen sein Bier zu genießen.

Bei gutem Wetter gerne auch draußen auf dem Bürgersteig, direkt vor dem Eingang des Lokals. Und für die Raucher auch bei schlechtem Wetter.

So steht man denn beim Bier zusammen und erzählt, kommt sich näher, schließt neue Freundschaften.

miniatur-2Natürlich gibt es findige fußmüde Gäste, die rasch feststellen, dass man die Fensterbänke des Lokals als Sitzgelegenheit missbrauchen kann, und so sind die Kopfenden der Stehtische dann doch meistens von sitzenden Gästen belegt. Gleiches gilt auch für den Bürgersteig. Wenn man bei den wenigen durch die verkehrsberuhigte Zone fahrenden Autos rechtzeitig die Füße einzieht und sein Bier in Sicherheit bringt, kann man auch auf dem Bordstein sitzen, statt auf dem Bürgersteig zu stehen. Ist im Konzept so nicht vorgesehen, aber trotzdem gemütlich und kommunikationsfördend.

Heute, im frühen Herbst, zur Oktoberfestzeit, sind zwei der fünf Zapfhähne mit deutschem Bier belegt: Paulaner Oktoberfestbier und Paulaner Hefeweißbier. Zu für tschechische Verhältnisse schon sündhaft hohen Preisen: 69,- CZK für den halben Liter, also rund 2,50 EUR. Fast das Doppelte von dem, was für die lokalen Biere verlangt wird. Aber den Menschen gefällt’s, und mehr als nur einer bestellt sich auch gleich eine zünftige Maß. Fünf Euro, gerade mal die Hälfte des offiziellen Wiesn-Preises im weit entfernten München.

Der dritte Zapfhahn ist standardmäßig mit einem extra für das Lokal gebrauten Bier belegt, dem Stojácké Poupě, einem zwölfgrädigen Hellen aus der Beskydský Pivovárek in Ostravice. Bleiben heute also nur zwei originelle Regionalbiere. Ich entscheide mich kühn für das angebotene India Pale Ale, das Hendrych H16 aus der Familienbrauerei Hendrych in Vrchlabí. Lecker schmeckt’s, schöne harzige Hopfennoten, dezente Zitrusfruchtaromen, ein fester Körper. Gut trinkbar. Dazu gibt’s scharf gewürzte Hähnchenschenkel, denn leckeres Bier macht hungrig. Wahlweise gäbe es derzeit auch Münchner Weißwürste oder Bayerische Rostbratwürste.

miniatur-3Ach, und schon bin ich im Teufelskreis gefangen. Das Bier hat hungrig gemacht, das scharfe Essen macht wiederum durstig. Ich schiele zur für Bierbars obligatorischen Kreidetafel hinüber und sehe, wie der Barmann das Hendrych H16 auswischt und stattdessen den merkwürdigen Namen Ogar Vaří Kozi anschreibt. Ich bin mit meinem Tschechisch am Ende. Ogar braut Bockbier, oder was soll das heißen? Fest steht, es handelt sich um ein India Pale Ale der Pivovar Manner. Und ebenfalls um ein leckeres. Etwas fruchtiger, etwas leichtfüßiger als das H16 gerade eben. Im direkten Vergleich passender zum scharfen Essen, weil es das Brennen auf der Zunge besser löscht.

Man legt viel Wert auf die Pflege des Biers. Nicht nur, dass man durch ein Fenster in den Kühlraum schauen und sich vom ordnungsgemäßen Zustsand der Fässer überzeugen kann, nein, auch die Temperatur im Kühlraum wird über ein Display den Gästen im Schankraum angezeigt. Beruhigende 6° Celsius zeigt das Thermometer.

Liegt’s am Zwang zum Stehen, liegt’s an der Tageszeit, oder liegt’s an irgendetwas anderem, aber die Atmosphäre hier im Výčep Na Stojáka gefällt uns gut. Und vielen anderen auch. Die Schlange an der Theke wird lang und immer länger. Die Stehtische füllen sich, und draußen auf dem Bürgersteig ist angesichts des wunderbar warmen Wetters sowieso alles voll. Lautes Geschnatter, Gläserklirren, fröhliches Lachen. Herrlich. Hier bleiben wir ganz einfach sitzen.

Beziehungsweise stehen.

Die Bierbar Výčep Na Stojáka Jakubák (es gibt noch eine zweite, daher muss man den Hinweis auf die Lage an der Jakobskirche hinzufügen – Jakubák) ist täglich ab 12:00 Uhr, sonnabends und sonntags ab 14:00 Uhr durchgehen geöffnet; kein Ruhetag. Zu erreichen ist sie komfortabel mit der Straßenbahn, Linie 1 oder 11, Haltestelle Janáčkovo Divadlo, gerade einmal 150 m entfernt.

Bilder

Výčep Na Stojáka Jakubák
Běhounská 16
602 00 Brno
Tschechien

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