Wurst & Bier 2017
Berlin
DEU

Ich habe nichts gegen Menschen, die sich gewissen Genüssen entsagen oder ihren Alltag mit Selbstkasteiungen unterschiedlicher Intensität gestalten. Ob sie nun auf Fleischgenuss oder sogar alle tierischen Produkte verzichten, Sex vor der Ehe oder ohne Fortpflanzungswunsch ablehnen, keinen Alkohol trinken, Riten für überirdische Wesen veranstalten – für diese individuellen Ansätze gibt es oft gute Gründe, und sie sind somit zu respektieren.

Was ich aber ablehne, ist, dass diese Menschen oft (bei weitem nicht alle, aber leider oft) missionieren und andere von ihren persönlichen Vorstellungen überzeugen und ihnen gewisse Genüsse versagen wollen. Ich entscheide aber für mich selber, und ich missioniere nicht. Ich versuche nicht, Veganer zum Fleischgenuss zu bewegen, Antialkoholiker betrunken zu machen, religiöse Fanatiker von der Nicht-Existenz ihrer Götter zu überzeugen oder ähnliches.

Leben und leben lassen.

Toleranz nennt man das.

Ansonsten bestünde nämlich die Gefahr, dass es in Berlin bald nur noch eine Veranstaltung des Namens „Tofu & Clausthaler 2018“ gibt – und ich kann mir nicht vorstellen, dass sie mich persönlich ansprechen würde. Oder die vielen hundert anderen Gäste, die am 5. Februar 2017 auf der Wurst & Bier 2017 in der Markthalle Neun waren.

großer Andrang schon kurz nach Öffnung der Halle

Ja, acht Stunden lang wurde in Fleisch und Alkohol geschwelgt. Dutzende Brauer und Metzger haben in der Halle ihre Stände aufgebaut und ihre handwerklichen Produkte angeboten. Industrie- und Massenprodukte waren verpönt – individuelle Rezepturen, Handarbeit und der persönliche Stolz auf das eigene Erzeugnis waren gefragt.

Und als ich am späteren Abend mit vollem Bauch und vielleicht doch einem kleinen Bier zu viel wieder im Hotel ankam, war ich davon überzeugt, dass es manchmal doch einfach nur schön ist, zu genießen. Ohne jedes schlechte Gewissen, und ohne dass mir jemand versucht, den Genuss madig zu machen.

Muss das jeden Tag sein?

Vermutlich nicht, denn das würde sich rasch abnützen und somit keine rechte Freude mehr machen.

Aber die Wurst und Bier ist nur einmal im Jahr, bleibt immer etwas Besonderes.

Ob es das Fenchel-Bier oder die saure Berliner Weisse war, das Bier mit serbischem Bohnenkraut oder das wunderbare, röstige Stout. Das Bier mit Eukalyptus, das süßlich-malzige Lager, das knackig herbe India Pale Ale, das holzige Barrel Aged Stout. Was immer man sich auch an Geschmacks- und Aromakombinationen ausdenken mag, hier in der Markthalle Neun konnte man es bekommen. Diesseits und jenseits des Reinheitsgebots. Eine wunderbare Vielfalt.

Schaubrauen und Literatur

Und an fast allen Ständen waren die Brauer und Brauerinnen persönlich anwesend, hatten Zeit und Lust für einen Schnack über und rund um ihre Biere, stellten sich zum Teil auch öffentlichen Interviews oder führten, wie die Berliner Hausbrauer, den Brauprozess gleich ganz live vor.

Gleiches auch auf Seite der Wurst. Blut-, Leber- und Bratwurst sind simple Begriffe. Die Produkte dahinter sind es nicht. Sie können wunderbare Spezialitäten sein, geräuchert, gekocht, gepökelt, gewürzt. Mit exotischen Kräutern oder aus Fleisch von besonderen Tierrassen. Eine nicht minder große Vielfalt.

(Nebenbei bemerkt: Warum gibt es rund um die deutsche Wurst, die ja ähnlich einzigartig und weltbekannt ist wie das deutsche Bier, eigentlich keine so dumme Diskussion über ein Reinheitsgebot?)

Und auch die Metzger stellten sich den interessierten Fragen und ließen sich unter dem Motto „Triff den Metzger“ auf einer kleinen Bühne interviewen.

Lust am Bier, Lust an der Wurst

Mit hat es rundum gefallen. Selbst die Tatsache, dass pünktlich um 19:00 Uhr der Ausschank eingestellt wurde. Zwar ist es in der ersten Sekunde ein wenig frustrierend, aufhören zu müssen, aber gleichzeitig sorgt es dafür, dass es nicht zu Eskapaden kommt, dass diejenigen, die ihre Grenzen nicht kennen, den guten Eindruck der Veranstaltung nicht kaputt machen, und schließlich auch dafür, dass man noch zu einer vernünftigen Zeit wieder ins Bett kommt, auch wenn man vielleicht nicht gerade direkt gegenüber der Markthalle Neun wohnt, sondern noch eine recht weite Fahrt mit den Öffis vor sich hat.

Fazit also: Eine wunderbare Veranstaltung, die einmal mehr aufzeigte, welche Genussvielfalt diese beiden Alltagslebensmittel Wurst und Bier bieten können.

Lust am Leben, Lust am Genuss!

Bilder

Wurst & Bier 2017
Markthalle Neun
Eisenbahnstraße 42-43
10 997 Berlin
Berlin
Deutschland

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