El Sainete
Madrid
ESP

„Gutes Bier?“

„Geht in Madrid mittlerweile an fast jeder Straßenecke – die haben jetzt eine richtig schöne Auswahl an Bierbars!“

„Und gutes Essen?“

„In Madrid schon immer. Sie liegen manchmal etwas versteckt, die guten Restaurants, aber man findet sie in allen Stadtteilen!“

„Und richtig gutes Bier zum richtig guten Essen?“

„Schwiiierig … Meistens doch eher Wein …“

Bis vor kurzem konnte der Dialog der Madrid-Kenner noch so ablaufen, aber mittlerweile nicht mehr, denn es gibt jetzt El Sainete.

Sainete – wörtlich „Leckerbissen“, im übertragenen Sinne ein kurzes, humoristisches Theaterstück. Jetzt aber auch ein Bierrestaurant mitten in Madrid.

„Bierrestaurant“ – große Hallen, Bierbänke und -tische, dralle Bedienungen im Dirndl, Maßkrüge und Schweinehaxen? Weit gefehlt. Stattdessen ein Restaurant in ein paar alten Kellern mit einer ultramodernen Bar im Erdgeschoss. Minimalistisch-modernistisches Design.

Der Empfehlung von Pepín und Cristina vom Bottle-Shop Be Hoppy bin ich gefolgt, und stehe nun vor dem El Sainete. Von außen unscheinbar bis unnahbar. Eine helle Steinwand, die Fenster und die Eingangstür mit schwarzen Metallgittern geschützt. Ein moderner Knast?

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sehr schlichtes Äußeres des El Sainete

Ich betrete die helle, modern eingerichtete Bar, sehe mich um. Versuche, den Stil einzuordnen, scheitere aber grandios. Ist aber auch egal, denn viel wichtiger sind die beiden Karten: Die Speisekarte, ganz klassisch auf Papier, und die Bierkarte, auf den Flatscreens, links und rechts neben der Bar. Der Bar, die sich schier unendlich lang zieht, von endlosen Reihen sauber gespülter Verkostungsgläser überdacht, mit Nummern von 1 bis 20 versehen. Zwanzig Biere vom Fass. Eine breite Vielfalt, lauter verschiedene Stile. Nicht nur aus Spanien, sondern aus Europa und der Welt. Und vor allem: Nicht, wie in manchen anderen Bierbars, sechs, sieben, acht verschiedene India Pale Ales, noch mal so viele American Pale Ales, und das war’s dann, sondern eine richtige Bandbreite quer durch die Bierstile der Welt.

Altes Lambic? Check! Von Oud Beersel.

Pilsener? Check! Sogar unfiltriert!

Berliner Weiße? Check! Wenn auch nicht aus Berlin …

Porter? Check! Neben dem normalen Porter sogar in einer smoked Version.

Saison? Check! Echt aus Belgien!

Hefeweizen? Check! Aus Kelheim.

India Pale Ale? Check! Na gut, sogar in mehreren Versionen …

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die Bar bietet für jeden Geschmack das passende Bier

Die Bierkarte ist also schon mal klasse. Ich male mir gerade aus, welches Bier ich mir gleich zum Essen bestellen werde. Jetzt aber der Blick in die Speisekarte. Kurz und übersichtlich, klar gegliedert.

Und: Zu jedem Gericht werden drei Biere vorgeschlagen, jeweils mit dem Prädikat acompañamiento, contraste oder corte. Also Begleitung, Kontrast oder Prägung. Welche Rolle soll mein Bier spielen?

Um Zeit zu gewinnen, bestelle ich mir zunächst ein eher neutrales Bier, das Hanami, ein Imperial Pale Lager der Madrider Wanderbrauerei Nómada. Schlank, kaum fruchtig oder estrig, dafür kräftig hopfig. Mit seiner Bittere ein guter Aperitif. Denke ich. Und während ich noch so über mein Bier sinniere und überlege, was ich mir denn nun bestellen soll, kommt ein Gruß aus der Küche. Ein schön verzierter Teller mit einer aromatischen Pastete und kleinen Gebäckstückchen, kleine, luftgefüllte, knusprige Teigstückchen. Sehr lecker.

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ein Gruß aus der Küche

Mittlerweile habe ich gewählt und bestellt. Heilbutt und Muscheln in einer thailändischen Soße. Ebenfalls optisch sehr ansprechend. Und lecker! Das Hanami passt nach wie vor perfekt. Ein Bissen des würzigen Essens, wahlweise eher der kräftige Heilbutt oder die eher milderen Muscheln, beide sehr kremig und dicht, danach kontrastierend ein Schluck des schlanken, bitteren Biers, und erneut ein Bissen des würzigen Essens. Wunderbar.

Die Bedienung kommt vorbei und lobt meine Auswahl – eben dieses Bier hätte sie mir auch zu diesem Essen empfohlen. „Na prima“, denke ich, „Glück gehabt und mich nicht blamiert…“

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Heilbutt und Muscheln

Eigentlich bin ich jetzt satt, und eigentlich ist es ja auch noch zu früh für ein zweites Bier. Der Tag ist noch lang. Aber uneigentlich reizt mich der Nachtisch. Japanische Zitronen unter einer Art frischem Baiser, auf einem Biskuit-Teig? Ich kann durch ein kleines Fenster sehen, wie die Nachspeisen zubereitet werden. Der Baiser-Teig wird zu guter Letzt mit dem Bunsenbrenner abgeflämmt, leicht karamellisiert, wie bei einer Crème Brûlée. Ach, und schon werde ich schwach und bestelle mir genau dieses Dessert.

Und was trinke ich dazu? Ich frage die nette Kellnerin. „Tja, eigentlich genau das Hanami“, sagt sie, „denn das ist auch im Teig mit verarbeitet!“ – „Aber ich hätte gerne etwas Anderes, das Hanami hatte ich ja nun schon…“

Die Antwort sieht sie als Herausforderung, bittet mich an die Bar und gemeinsam mit dem Barmann empfiehlt sie mir mehrere Biere. Ich schmecke mal hier, schmecke mal da. Geduldig servieren die beiden mir ein Probiergläschen nach dem anderen. Diskutieren mit mir. Fachsimpeln. Fragen. Empfehlen. Fragen wieder. Und schließlich enden wir beim Rübæus der Founders Brewing Co. aus Michigan. Fein und fruchtig, wunderbar harmonierend mit den Zitronenaromen im Baiser. Klasse!

Dass die beiden sich fast eine Viertelstunde Zeit für mich genommen haben, mit mir diskutiert haben, auch hinterher meine Meinung wissen wollten, nachdem ich das Dessert gegessen und das Bier getrunken hatte – das habe ich so noch nirgends erlebt. Ganz großes Kino!

Innerlich verneige ich mich vor dieser Hingabe an das Food-&-Beer-Pairing,und mit allerhöchstem Lob verabschiede ich mich von den jungen Leuten, die sich so um mich gekümmert haben.

Eines der besten Bier- und Speise-Erlebnisse seit langer, langer Zeit. Wenn nicht sogar das beste überhaupt bisher!

Beschwingt spaziere ich durch die kleinen Gässchen Madrids, zurück zur nächsten U-Bahn-Station. Spüre noch den Geschmack des Desserts und die Fruchtsäure des Biers auf der Zunge. Höre noch die netten Worte der Kellnerin und des Barmanns. Und ich weiß, wenn ich wieder einmal nach Madrid komme, dann ist diese Station ein Muss für ein perfektes Essen!

Das feine Bier-Restaurant El Sainete ist täglich ab 12:00 Uhr durchgehend geöffnet; kein Ruhetag. Zu den stetig wechselnden Speisen, für die der Koch Fran Vicente verantwortlich zeigt, gibt es Bier oder Wasser. Andere Getränke führt das Restaurant erst gar nicht. Neben den zwanzig Fassbieren gibt es viele Dutzend Flaschenbiere, um wirklich jede denkbare Bier- und Speisenkombination abdecken zu können. Bei der Auswahl hilft das exzellent geschulte und bierbegeisterte Personal. Zu erreichen ist El Sainete am besten mit der Metro, Linie 1 (hellblaue Linie), Station Tirso de Molina.

Bilder

El Sainete
Calle de Segovia, 8
esq. Calle del Cordon, 5
28005 Madrid
Spanien

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