Pivovar Nad Kolčavkou a.s.
Praha
CZE

Eine Weile sind wir mit der Straßenbahn gefahren, weit hinaus aus der historischen Altstadt Prags. Haben die japanischen Teleobjektive, US-amerikanischen Großhälse und britischen Binge-Drinker hinter uns gelassen, sind durch lange Reihen von alten Bürgerhäusern gefahren und irgendwann in einem eher gesichtslosen Wohngebiet ausgestiegen. Zwischen den Wohnblocks und Spielplätzen sind wir entlanggelaufen, an einer Lärmschutzwand, und mit Blick auf Schnellstraße und Eisenbahnlinie erwarten wir nun nicht mehr viel. Irgendwo hier soll noch eine Brauerei kommen, die Pivovar Nad Kolčavkou a.s. … Naja…

Und dann biegen wir in eine kleine Straße ein, sehen eine helle Fassade, davor ein paar jetzt in der Mittagszeit noch verwaiste Bierbänke, und aus dem vorurteilsbeladenen „Naja…“ wird ein eher neutrales „Mal sehen!“

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die helle Fassade der Pivovar Nad Kolčavkou

Wir gehen hinein in den breiten Eingang, stehen in einer Einfahrt, den der Bamberger Brauereien nicht unähnlich. Ein Tisch für Raucher und Stehbiertrinker, dahinter ein kleiner Biergarten und links geht es in den Schankraum. Es wirkt seltsam vertraut. Genauso könnte man beim Fässla in Bamberg im Eingangsbereich stehen, oder beim Mahr‘s. Und aus dem „Mal sehen!“ wird ein „Oh, nett!“

Und als wir schließlich die Schankstube betreten, links von uns das kleine kupferne Sudwerk sehen, uns an einer laaangen Kreidetafel eine schier unendlich lange Liste der hier gebrauten Biere empfängt, eine nette Bedienung uns einen Platz direkt mit Blick auf die Braukessel zuweist, und wir schließlich sehen, was für leckere Mahlzeiten auf den Nachbartischen stehen, da wird aus dem „Oh, nett!“ ein begeistertes „Hier ist es aber schön!“

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die laaange Kreidetafel mit den angebotenen Bieren

Spätestens aber nach dem ersten Bier, einem dreizehngrädigen Ale, dessen fruchtig-estriges, die Nase umwehendes Aroma, dessen fester Malzkörper und dessen feine Hopfigkeit, deren Bittere mit den Fruchtnoten der Hefe auf der Zunge einen Ringelreihen veranstaltet, wird schließlich aus dem „Hier ist es aber schön!“ ein endgültiges „Hier gehe ich so schnell nicht wieder weg!“

Ein Fünf-Sterne-Bier zum Auftakt, hier, am Rand der Stadt, im Ortsteil Praha 9, Libeň – wer hätte das gedacht? Was für ein Paukenschlag am frühen Nachmittag! Da hat sich die Fahrt mit der Straßenbahn ja doch gelohnt, und hier drinnen, zwischen Theke und Brauerei, ist der Blick auf Schnellstraße und Eisenbahntrasse schnell vergessen.

Viel zu früh ist es eigentlich dafür, aber nachdem das Ale gerade eben so gut geschmeckt hat, schiebe ich schnell noch ein India Pale Ale hinterher, ignoriere die etwas missbilligenden Blicke meiner holden Ehefrau und bin erneut begeistert. Das IPA steht dem Ale kaum nach. Etwas weniger fruchtig und spielerisch, dafür deutlich kräftiger gehopft, etwas weniger ausbalanciert, stattdessen fordernder, kerniger. Der pubertierende große Bruder des Ale.

Zwei so leckere Biere hintereinander, und das schon am Nachmittag. Was soll diesen Tag noch verderben können? Nichts mehr!

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hier entstehen die wunderbaren Biere

Zwei Biere auf nüchternen Magen? Das geht natürlich nicht, uns so fangen wir an, durch die Speisekarte zu blättern. Irgendeine Kleinigkeit suchen wir uns, einfach nur, damit das Bier nicht ganz so alleine im Magen herumschwappt. Aber was heißt in Tschechien schon Kleinigkeit? Aus dem gesunden Snack wird in der Praxis dann doch ein dreistöckiger Burger mit viel Fleisch und Käse auf dem einen Teller und eine Reihe von mit Honig glasierten Schweinebauch-Stückchen auf dem anderen. Ach, für Diät ist heute Abend noch Zeit. Nach dem Abendessen… Jetzt verlangen die beiden Ales erstmal eine kräftige Begleitung.

Das schlechte Gewissen verstummt.

Ich versuche mit den wenigen Brocken Tschechisch, die ich kann, der netten Bedienung zu entlocken, welches dritte und für heute letzte Bier sie mir denn zum Essen empfehlen könne. Sie lacht und sagt „Alle, natürlich!“, hat aber auch die Lösung parat: Es gebe doch einen Tester mit fünf kleinen Gläsern! Das ist nun etwas, was ich hier draußen in Libeň, fernab von Tourismus und Hipstertum nicht erwartet hätte. Ein kleiner Tester. Und mit fünf Gläsern auch genau so groß, dass ich die noch ausstehenden Biersorten alle verkosten kann. Ich überlege nicht lange, und Augenblicke später stellt mir die Dame mit strahlendem Lächeln das Bierbrettchen auf den Tisch.

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ein Biertester zum Abschluss

Ein zwölfgrädiges Weizen, das Pšenka, lecker und bananig-fruchtig, spritzig und erfrischend. Schmeckt selbst mir, der ich doch gar keine Weizenbiere mag. Dann das elfgrädige Světlá, ein einfaches Helles gegen den großen Durst. Frisch, klar, süffig. Kein Diacetyl! Naja, fast keins. Ein Bier ohne Diacetyl, ohne wenigstens einen Hauch dieser leicht buttrigen Duftnote, wäre in Tschechien kein richtiges Bier…

Das zwölfgrädige Světlá, der große Bruder des vorhergehenden Biers. Etwas kräftiger, besser zum deftigen Essen, weil etwas robuster, sich besser gegenüber dem Schweinebauch behauptend.

Dann das vierzehngrädige Märzen. Vollmundig, kräftig. Könnte sich auf dem Oktoberfest geschmacklich problemlos behaupten, könnte vielleicht sogar als Platzhirsch durchgehen. Nur, dass in einem der Festzelte dort die Jahresproduktion der kleinen Pivovar Nad Kolčavkou a.s. gerade mal für das erste Festwochenende ausreichen würde…

Als letztes noch die besondere Spezialität, wie mir die Kellnerin versicherte, das kräftige Schwarzbier Mrtvý Kostelník mit 15° Stammwürze. Eine Art Stout. Noch nicht wirklich Imperial, aber doch schon mehr als nur ein Allerwelts-Stout. Röstig bitter, tiefschwarz, kremiger und haltbarer Schaum. Ein ganz tolles Bier zum Abschluss der Verkostung. Mrtvý Kostelník? Wenn ich es richtig übersetze, „der tote Küster“? Heißt das Bier wirklich so? Und wenn ja, warum? Doch unsere Bedienung zuckt nur mit den Achseln. Das wisse sie nun leider auch nicht, hätte sich auch schon über den merkwürdigen Namen dieses Biers gewundert, lächelt sie.

Wir sehen uns noch einmal um. Draußen ist die Sonne jetzt richtig herausgekommen, in der Schankstube sitzen wir mittlerweile allein. Dafür füllt sich das Biergärtchen langsam, und auch an den Tischen vor dem Eingang, direkt an der Straße, sitzen die ersten Gäste.

Sieben ausgezeichnete Biere haben wir getrunken, deftig, aber sehr, sehr lecker gegessen, in einer gemütlichen Schankstube gesessen und einen netten und freundlichen Service genossen. Und die Preise? Ach, nicht der Rede wert. Hier draußen, in den Außenbezirken Prags, ist der negative Einfluss des Tourismus nicht mehr zu spüren, hier kostet das Bier wieder das, was es überall in Tschechien kostet. Kaum mehr als ein Glas Leitungswasser. Ach, es ist ein Paradies!

Die Pivovar Nad Kolčavkou a.s. ist täglich ab 11:00 Uhr durchgehend geöffnet; kein Ruhetag. Im großen, zweiteiligen Schankraum bietet sie rustikal-tschechische Bierstubengemütlichkeit, leckere Küche und freundlichen Service. Dazu gibt es bei gutem Wetter einen kleinen Biergarten. Zu erreichen ist diese wunderbare kleine Brauerei mit der Straßenbahn, Linie 14 oder 16, Haltestelle Balabenka, und von dort aus noch fünf bis sieben Minuten zu Fuß.

Bilder

Pivovar Nad Kolčavkou a.s.
Nad Kolčavkou 907/8
190 00 Praha
Tschechien

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