Plzeňský Prazdroj, a. s. / Restaurace Na Spilce
Plzeň
CZE

Eine sehr schöne kleine Industriebrauerei mit einer hochmodernen Abfüllanlage für Fässer, Einweg- und Mehrwegflaschen und Dosen, einem hochprofessionellen Besuchermanagement und einem Bier, das weltweit in immer gleicher Qualität zu bekommen ist.

Eine recht große, aber klassisch arbeitende Handwerksbrauerei, in der immer noch im Dekoktionsverfahren gebraut wird und auch Teile der Produktion in offenen Holzbottichen in tiefen Sandsteinkellern vergoren werden, um sicherzustellen, dass das moderne Produkt geschmacklich dem aus dem alten Produktionsverfahren entspricht.

Beide Brauereien befinden sich in Plzeň in der Tschechischen Republik, gar nicht so weit entfernt von der deutschen Grenze.

Moment Mal!

Beide Brauereien?

Nein, natürlich nicht, denn was sich auf den ersten Blick wie die Kurzbeschreibung zweier verschiedener Brauereien liest, ist natürlich nur die unterschiedliche Sichtweise auf ein und dieselbe Brauerei, nämlich die Plzeňský Prazdroj, a. s.

Die Braustätte, in der das moderne Pilsener als Bierstil geprägt, vielleicht sogar erfunden worden ist.

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das Jubiläumstor

Wir stehen vor dem berühmten Eingangstor, das uns in das Brauereigelände führt. Zum 50jährigen Jubiläum der Brauerei ist es 1892 errichtet worden, ist also nicht ganz so alt wie die Brauerei selber, und als wir es durchschreiten, stehen wir plötzlich in einer Stadt in der Stadt. Wir verlassen Plzeň und betreten eine andere Welt. Linker Hand ein kleiner Biergarten, eine Wiese, ein Kiosk, ein Brunnen. Die Menschen sitzen an den Tischen und auf den Bänken und genießen in der warmen Frühlingssonne ihr Pilsner Urquell. Frisch, wie es frischer nicht sein kann.

Und rechter Hand hinter dem ersten kleinen Verwaltungsgebäude das berühmte Bier-Restaurant Restaurace Na Spilce, Zum Gärkeller. Unter den langgestreckten Gewölben des ehemaligen Gärkellers kann man hier sitzen, klassische tschechische Küche genießen und das Pilsner Urquell frisch aus den Ausschanktanks genießen, die hinter einer Glaswand präsentiert werden. Mit dem ovalen Mannloch in der Mitte und den zwei Anschlüssen darüber sehen die liegenden Tanks fast aus wie kupferfarbene Karpfen.

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ein Bierkarpfen?

Zwei große Säle gibt es in Restaurace Na Spilce: Der linke für Gruppen, langgestreckte Tische für ganze Reisegruppen, mit etwas mehr Platz dazwischen, so dass die Bedienungen in Windeseile das Bier und das Essen herantragen können. Und der rechte für individuelle Besucher. Kleine und gößere Tische, für Einzelpersonen, Paare, Familien. In beiden Bereichen ist der Service schnell und effizient, aber freundlich. Das Essen ist lecker und das weltberühmte Bier, hier gerne auch in der ungefilterten Version, ist so perfekt gelagert und gezapft, wie es nur am Ort seiner Entstehung möglich ist. Massenbetrieb? Ja, aber in Perfektion. Und daran kann selbst das Angebot nichts ändern, für einen Preis von 399,00 CZK, ungefähr 15,00 EUR, sich für drei Stunden hinsetzen und in dieser Zeit so viel Bier trinken zu dürfen, wie mit aller Gewalt reingeht.

Nachdem wir die Wartezeit auf unsere Führung hier im Restaurace Na Spilce gemütlich überbrückt haben, gehen wir weiter zum Besucherzentrum. Ein hochmodernes Empfangsgebäude, eine kleine Uraltbrauerei ist hier ausgestellt. So mag es in den kleinen Hausbrauereien Pilsens ausgesehen haben, bevor die Plzeňský Prazdroj, a. s. seinerzeit gegründet worden ist.

Nahezu jeder Bürger der Stadt hatte das Braurecht, aber trotz der Konkurrenz untereinander war die Bierqualität schlechter und schlechter geworden. Als schließlich zahlreiche Fässer wegen Ungenießbarkeit öffentlich entleert werden mussten, fassten sich die Bürger ein Herz, schlossen sich zusammen, gründeten eine gemeinsame Bürgerbrauerei und stellten einen bayerischen Braumeister ein, Josef Groll. Dieser ließ eine große Brauerei konstruieren, entwickelte ein Rezept mit sehr hellem Malz und aromatischem Hopfen, der angesichts des extrem weichen Pilsner Wassers besonders gut zur Geltung kam, und im Dekoktionsverfahren entstand fortan das berühmte Pilsener Bier.

So lautet in Kurzform die Geschichte der Entstehung der Brauerei, und so schildert es uns auch die Brauereiführerin, die uns nun in Empfang nimmt. Während sie uns aus der Geschichte erzählt, kommen wir an einer winzigen Versuchsbrauerei vorbei. Sie sieht aus, wie eine klassische Brauerei mit Kupfergeräten, scheint aber auf Spielzeugmaßstab geschrumpft zu sein. Gerne würden wir mehr über dieses kleine Sudwerk erfahren, wofür es genutzt wird, ob es wirklich wie die große Brauerei auch funktioniert, doch wir eilen weiter.

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eine kleine Versuchsbrauerei

Es geht zunächst mit dem Bus ein paar hundert Meter bis in das Abfüllzentrum. In einer riesigen Halle werden hier Einweg- und Mehrwegflaschen befüllt, und in der linken Hälfte der Halle auch Dosen. Es ist immer wieder beeindruckend, die Flaschen und Dosen auf den Laufbändern durch die Maschinen rasen zu sehen, wie sie in Blitzesschnelle gereinigt, befüllt, verkorkt und etikettiert werden. Faszination moderner Technik!

Nach der Rückfahrt folgt eine kurze Schau der Rohstoffe. Malz, Hopfen, Hefe und Wasser werden uns in Dioramen präsentiert und näher gebracht, und dann geht es weiter ins Sudhaus. Zunächst in das alte Sudhaus. Die Kupferpfannen und Bottiche stehen hier in weiß verfliesten Sockeln, eine lange Doppelreihe. In sechs oder mehr Suden wurde hier parallel gebraut. Zeitaufwändig wird immer wieder ein Teil der Maische aufgekocht, zurückgepumpt, erneut ein Teil der Maische gezogen. Dieses aufwändige Dekoktionsverfahren wird fast nirgends mehr im großen Maßstab angewandt.

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das alte Sudhaus

Aber so schön dieses Sudhaus auch ist, aus Wirtschaftlichkeitsgründen ist es seinerzeit stillgelegt worden, wird aber so wie es ist, in Schuss gehalten und wirkt, als könne es jeden Moment wieder in Betrieb genommen werden.

Aber auch das neue Sudhaus, das wir nun betreten, sieht wunderschön aus. Erneut eine lange Reihe von Kupfergeräten, ergänzt auf der Seite aber durch gigantische Stahlgeräte mit gewaltigem Durchmesser. Hocheffiziente Technik, aber das Brauverfahren mit Kochen der Teilmaische wird auch hier unverändert durchgeführt. Ein gewaltiger Aufwand, zeitlich wie energetisch.

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das neue Sudhaus

Wir lassen das Sudhaus hinter uns und betreten nun die tiefen Sandsteinkeller, die sich kilometerweit unter der Brauerei entlang ziehen. Hier wurde früher das Bier in der Kühle der Keller gelagert und vergoren, und angeblich wurde der Eiskeller auch noch bis weit in die Neuzeit jeden Winter mit Natureis aufgefüllt, um die Gänge hier noch weiter herunter zu kühlen.

Heute wird nur noch ein kleiner Teil der Gänge genutzt. Wir laufen ein paar hundert Meter kreuz und quer und kommen schließlich in den Bereich, wo in großen Holzbottichen in der Tat die Würze noch offen vergoren wird. Feine, weiße Kräusen sehen wir, und die Kohlensäure kitzelt in unseren Nasen. Wie vor 150 Jahren entsteht hier das Bier, und die Anwendung der extrem traditionellen Methode dient dazu, zu kontrollieren, ob auch das Bier, das in den großen zylindrokonischen Gär- und Lagertanks reift, geschmacklich immer noch dem Original entspricht. Solange beide Biere gleich schmecken, darf sich der Chefbrauer in Pilsen entspannt zurücklehnen.

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die offene Gärung in Holzbottichen

Hier, in den endlosen Kellern, dürfen wir nun auch endlich das ungefilterte Bier frisch aus dem Tank verkosten. Und auch wenn es gar nicht wirklich aus den gewaltigen Holzfässern, die hier aufgereiht stehen, gezwickelt wird, sondern aus einer geschickt im Fass integrierten Bierleitung kommt, so schmeckt es doch unvergleichlich gut. Die Kombination aus Frische und Atmosphäre macht es zu etwas ganz Besonderem, und wir genießen jeden einzelnen Schluck dieser eiskalten Spezialität.

Damit endet die Führung dann aber leider auch, und rasch hat uns das Tageslicht wieder.

Massenabfertigung? Ja, das schon, aber in einer so professionellen Weise, dass es nicht stört.

Massenproduktion? Eigentlich auch, aber nach einer aufwändigen und traditionellen Methode.

Was bleibt, ist der Eindruck einer Brauerei, der es gelungen ist, trotz gewaltiger Produktionssteigerung den Gedanken an die handwerkliche Produktion des Biers am Leben zu halten, an den traditionellen Verfahren festzuhalten und ein Produkt zu kreieren, das den Vergleich mit sogenannten Craft-Bieren nicht zu scheuen braucht.

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der krönende Abschluss der Tour: die Verkostung

Das war nicht immer so, denn vor fünfzehn Jahren hatte man Pilsner Urquell auch vorübergehend in Lizenz an anderen Orten brauen lassen, bei Lech im polnischen Poznań, beispielsweise. Aber man merkte rasch, dass dies die Marke verwässerte und bei den Kunden nicht wirklich ankam. Rasch fokussierte man sich wieder auf die Werte, die ein echtes Pilsner Urquell ausmachen.

Bei aller Effizienz und Professionalität ist die Führung durch die Brauerei Plzeňský Prazdroj, a. s. ein Erlebnis, dass man sich gönnen sollte. Und die Peinlichkeit, dass ich über viele Jahre hinweg schon hunderte Brauereien besucht habe, auf die Frage nach der Plzeňský Prazdroj, a. s. aber immer kleinlaut den Kopf schütteln musste, ist nun endlich ausgestanden…

Die Brauerei Plzeňský Prazdroj, a. s. ist täglich von 08:00 bis 18:00 Uhr für Führungen geöffnet. Neben Tschechisch, Deutsch, Englisch und Russisch werden auch andere Sprachen angeboten. Eine Führung dauert gut anderthalb Stunden. Davor oder danach empfiehlt sich ein Besuch im Restaurace Na Spilce, dem Brauereirestaurant, das täglich von 11:00 bis 22:00 Uhr, freitags und sonnabends bis 23:00 Uhr geöffnet ist. Man kann mit dem Auto kommen und den Wagen auf dem Besucherparkplatz im Brauereigelände abstellen, der Hauptbahnhof, der nur rund 300 m entfernt ist, bietet aber bessere Alternativen: Bahn oder Straßenbahn.

Bilder

Plzeňský Prazdroj, a. s. / Restaurace Na Spilce
U Prazdroje 7
304 97 Plzeň
Tschechien

2 Kommentare

    • Dankeschön! Für mich wurde es wirklich höchste Zeit, dort einmal vorbeizuschauen – es kann ja schließlich nicht sein, dass mir eine der berühmtesten Brauereien der Welt in meiner „Sammlung“ noch fehlt…

      Mit bestem Gruß,

      Volker

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