Braukunst Live! 2014
München
DEU

BRAU – KUNST – LIVE. Drei Silben, die mittlerweile fast schon zum Synonym für die Deutsche Craftbiere-Szene geworden sind und die in den letzten Wochen zum wichtigsten Thema auf Bierblogs, in Foren und bei Brauertreffen und Bierseminaren geworden sind. Und immer ging es um die Frage: „Bis Du dabei, oder nicht?“

Fast schien es, als ob die Antwort „Nein!“ auf diese Frage mit dem immerwährenden Ausschluss aus der Bier-Szene bestraft werden würde, so eindringlich wurde gefragt.

In der Tat: Erst zum dritten Mal hat die Braukunst Live! vom 21. bis 23. Februar 2014 stattgefunden, und steht bereits an der Spitze der großen und wichtigen Bierfestivals in Deutschland. Was in der Szene Rang und Namen hat, hatte sich für das Wochenende nach München aufgemacht und war entweder als Brauer mit einem Stand oder aber als Genießer mit Kamera und Notizblock vertreten. Es war also mehr als nur die Gelegenheit, Biere zu verkosten, es war auch ein Familientreffen der noch jungen Szene.

MiniaturBester Anlaufpunkt – zumindest in der Anfangsphase, als es noch möglich war, sich selbstbestimmt von einem zum anderen Stand zu bewegen und nicht von der Masse geschoben zu werden – war sicherlich der gemeinsame Stand der jungen deutschen Craftbrewer. Alexander Himburg (Braukunstkeller), Andreas Seufert (Pax-Bräu), Oliver Wesseloh (Kehrwieder Kreativbrauerei), Thorsten Schoppe (Schoppebräu), Thomas Wachno (Hopfenstopfer) und Fritz Wülfing (Fritz Ale / Ale*Mania) präsentierten hier ihre jeweils individuellen Biere, aber auch ein Gemeinschaftsbier, das vor einigen Wochen im Braukunstkeller entstanden war, das Collaboration Brew „Triple Nippel IPA“ mit 6,7% Alkohol. Als Start für einen vielstündigen Besuch der Braukunst Live eigentlich schon zu kräftig, zu stark, genau wie auch das Double German IPA von Alexander Himburg mit seinen 9,0% Alkohol, aber zu diesem Zeitpunkt gab es wenigstens noch die Gelegenheit, sich in Ruhe über dieses Bier zu unterhalten, einen kleinen Klönschnack zu pflegen.

Fritz Wülfing hatte wohl zum letzten Mal seinen „Fritz Ale“ Banner aufgehangen; um einen Rechtsstreit zu vermeiden firmieren seine Biere mittlerweile unter „Ale*Mania“, und der alte Banner hing demzufolge auch schon auf dem Kopf und wurde von Fritz mit Spinnen und Spinnweben verziert. Bereits als Ale*Mania und gebraut in Siegburg bot Fritz ein ausgezeichnetes Chinook IPA mit 7,5% Alkohol und 65 Bittereinheiten an. Und in naher Zukunft, so erzählte er, würden die Ale*Mania-Biere dann auch in seiner eigenen Brauerei in Bonn gebraut werden, die Vorbereitungen dafür liefen bereits auf Hochtouren.

Gleich um die Ecke stand Honza Kocka aus Tschechien, der mit der Nomad-Brauerei spannende Biere braut, unter anderem ein tschechisches IPA (Česká IPA) namens „Karel“ unter Verwendung von ausschließlich tschechischem Hopfen mit 7,6% Alkohol und mehr als 75 Bittereinheiten.

Allein in diesem Bereich der Halle hätte man nun schon in Ruhe versacken können; es lockten zunächst aber ein paar Seminare, sogenannte „Masterclasses“. Das erste Seminar von Bloggerin Mareike Hasenbeck (Feiner Hopfen) zum Thema „Hopfenzauber: Was die kreativsten deutschen Craft-Bier auszeichnet“ entführte die Teilnehmer auf eine Aroma-Reise. Nach einem viel zu kurzen einleitenden Vortrag über alte und neue Hopfensorten, über die Aromavielfalt, die sich aus den weltweit etwa 160 Sorten herauskitzeln lässt, und über Craftbrewer, die eben dies mit Hingabe tun, verkostete sie mit uns ein paar typische, extrem hopfenbetonte Biersorten. Reichlich Stoff für lebendige Diskussionen, und viel zu schnell musste der Raum für das nächste Seminar geräumt und umgebaut werden. Nun erzählten Oliver Wesseloh und Fritz Wülfing von ihren aufregenden Erlebnissen als Vorreiter der neuen Bewegung. „Junge Wilde: Die neuen, deutschen Craft-Brewer“ lautete das Thema, und untermalt wurden die spannenden, sich von Hölzchen auf Stöckchen weiterentwickelnden Schilderungen der beiden von jeweils zur Geschichte passenden Bieren. Natürlich hatten Oliver und Fritz nicht nur eigene Produkte in dieser Verkostung dabei, sondern auch eine ganze Reihe Biere befreundeter Brauer, so dass die Seminarteilnehmer einen breiten Überblick über das bekamen, was derzeit in Deutschland alles möglich ist.

Klar, dass dabei das „gute alte Reinheitsgebot“, wie es vom Deutschen Brauerbund leider immer noch propagiert wird, den einen oder anderen Seitenhieb abbekam und mehrfach deutlich gemacht wurde, dass das, was der genussorientiere Biertrinker von heute erwartet, doch wohl eher ein „Natürlichkeitsgebot“ sei, das nur gesunde und reine Produkte zulässt, und nicht ein „Reinheitsgebot“, das einen Wortlaut nach außen propagiert, der mit seiner rechtlichen Umsetzung schon lange nichts mehr zu tun hat. Aber diese Diskussion könnte alleine mehr als nur ein weiteres Seminar füllen und wurde deshalb nicht zu lange, nicht zu tief geführt.

Mittlerweile war es achtzehn Uhr, und die Halle war voll. Übervoll sogar, denn nachdem im Innenraum bereits „nichts mehr ging“ und die Biergenießer nur noch von einem Stand zum anderen geschoben wurden, hatte man am Einlass die schwere Entscheidung treffen müssen, niemanden mehr hinein zu lassen. Für das kommende Jahr gilt also, sich rechtzeitig im Vorverkauf Karten zu sichern, denn nichts wäre fataler, als nach fast sechshundert Kilometern Anreise vor verschlossenen Hallentüren zu stehen und abgewiesen zu werden!

Trotz des heillosen Gedränges gelang es uns aber noch, der etwas späteren Tageszeit angemessen, schwerere und aromastärkere Biere zu verkosten – es war höchste Zeit für fassgereifte Spezialitäten. Die Schlossbrauerei Au / Hallertau überraschte und überzeugte mit ihren Eiskeller-Bieren, in Rotwein- beziehungsweise Whiskey-Fässern ausgebauten Bockbieren. Martin Zuber von der Paulaner Brauerei hat mit seinem Projekt Brauerei im Eiswerk weitest gehende Handlungsfreiheit des Konzerns bekommen und bot mit seinem Bourbon Barrel Doppelbock das wohl weichste, rundeste und gerbstoffärmste holzfassgereifte Bier des Abends an, ein geschmackliches Feuerwerk, das mit seinem samtigen Charakter überzeugte. Aber auch die Trierer Kraft-Bräu (nein, nicht Craft, sondern wirklich Kraft – sie heißt schon immer so) hat sich mittlerweile auch von einer Standard-Gasthausbrauerei zu einem interessanten Player der Szene weiterentwickelt und mit ihrem Barrel Aged Barrique IPA ebenfalls ein schönes holzfassgereiftes Bier präsentiert. Und noch ein letztes Holzfassgereiftes gönnten wir uns noch, das Strong Ale Barrique der Regensburger Spitalbrauerei, bevor wir nach insgesamt 27 zu zweit verkosteten Bieren den Weg zurück ins Hotel antraten.

Während die jungen Wilden die Lobby des Hotels noch in eine zweite, nur geringfügig kleinere Braukunst Live verwandelten und die Nacht zum Tag machten, hieß es für uns angesichts der langen Heimreise am nächsten Morgen, die Verkosterei zu beenden.

Mein ganz persönliches Fazit: Der Trend zum IPA als dem Einstiegsbier für angehende Craft-Brewer und Craft-Bier-Fans ist ungebrochen – und das finde ich gut, entspricht dieser Bierstil doch ganz besonders meiner persönlichen Vorliebe für kräftige, volle und stark gehopfte Biere. Ihre logische Fortsetzung findet diese Entwicklung im Holzfass-Ausbau dieser Biere. Ein barrel-aged IPA oder ein barrel-aged Doppelbock nimmt die kräftigen Hopfen- und Malzaromen auf, kombiniert sie mit Holz-, Gerbstoff- oder Vanillenoten aus dem Holz des Fasses und vervollständigt das Aromaspiel mit Wein-, Whisky-, Rum- oder Calvados-Akzenten, je nachdem, was in dem Fass vorher gelagert worden war. Eine faszinierend komplexe Geschmacks- und Geruchsvielfalt, eine ganz neue Welt öffnet sich hier.

Die feine Säure, die den fassgereiften Bieren oftmals zu eigen ist, bereitet Zunge und Gaumen des Biergenießers denn auch vor auf den nächsten Trend, die Sauerbiere. Sei es Berliner Weiße, Gose, Grätzer oder Oud Bruin – feinsaure, milchsaure oder richtig kräftig gesäuerte Biere sind im Kommen, und ich wage zu behaupten, dass der Sommer 2014 eine gewaltige Palette an erfrischenden Sauerbieren präsentieren wird. Bleiben wir also am Ball, und bleiben wir in engem Kontakt.

Letzteres hat die Braukunst Live in hervorragender Weise ermöglicht, und die Liste derer, mit denen ich wenigstens ein paar Worte wechseln konnte, oder die ich wenigstens kurz begrüßen konnte ist lang. In alphabetischer Reihenfolge meinen Dank an Martin Dambach, Markus Fohr, Gerrit Glabbart, Dirk Göller, Markus Harms, Elena und Mareike Hasenbeck, Alexander Himburg, Esther Isaak de Schmidt Bohländer, Honza Kocka, Michael König, Ralf Leukart, Thomas Majorosi, Philipp Overbeck, Thomas Schlegel, Gerhard Schoolmann, Conrad Seidl, Oliver Wesseloh, Jörg Wölk, Fritz Wülfing, Nina Zimmermann und Martin Zuber. Und ich hoffe, ich habe niemanden von Euch vergessen…

Bilder

Braukunst Live! 2014
Ständlerstraße 20
81 549 München
Bayern
Deutschland

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.