Piwo – Ty nalewasz
Bydgoszcz
POL

In eine Bierbar gehen, sich ein Glas schnappen, an die Theke gehen und sich nach Herzenslust selber Bier zapfen? Von diesem Hahn mal ein großes Bier, von jenem einen kleinen Probierschluck, und von dem da hinten gleich zwei Gläser voll?

Kein Problem. In der Bar Piwo – Ty nalewasz in Bydgoszcz darf das jeder. Sagt ja der Name schon: „Bier – hier zapfst Du!“, heißt es frei übersetzt.

Piwo – Ty nalewasz

Fünfzehn Zapfhähne finden sich an der dem Eingang gegenüberliegenden Wand – jeder mit einem kleinen Bildschirm drüber, auf dem angezeigt wird, was für ein Bier aus diesem Hahn gezapft werden kann. Sieht spannend aus.

An der Bar lasse ich mir eine Chipkarte aushändigen und lade sie an der Kasse mit einem Betrag auf, den ich selbst bestimme. Ob für mich und meine beiden Kollegen für den Anfang fünfzig Złoty genügen? Wir werden sehen.

Auf einer Anrichte stehen verschiedene frisch gespülte Gläser, und schon kann’s losgehen. Einmal an den fünfzehn Hähnen entlangwandern und das beste Bier raussuchen. Dann Chipkarte in den Schlitz direkt über dem Zapfhahn, Glas drunter, vorsichtig ziehen, und schon fließt das Bier. Auf dem Display sehe ich in Echtzeit, wieviel Bier ich zapfe. Das geht blitzschnell. Genauso schnell zählt das Display allerdings auch das Guthaben auf der Karte runter.

Der jeweilige Preis für 100 ml ist auf dem Display angegeben; abgerechnet wird aber millilitergenau.

fünfzehnfaches Zapfvergnügen

Autsch! Ich muss aufpassen! Die Gläser, die hier auf der Anrichte stehen, sind eigentlich viel zu groß und verführen dazu, sich viel mehr Bier zu zapfen als nötig. In einen Halbliter-Willibecher – da geht schon was rein, und dabei wollte ich doch nur höchstens 150 ml zum Verkosten haben …

Na egal, jetzt ist es fast doppelt so viel geworden.

Ich reiche die Chipkarte weiter und gehe an unseren Tisch. Das Bier – ein Helles mit Büffelgras – stammt aus Białowieża von der Brauerei Przełom und nennt sich Bison Bonansus, und ich bin mir nicht ganz sicher, ob das Absicht ist oder ein Tippfehler. Der lateinische Name des Europäischen Bisons, den es in den Wälder rund um Białowieża noch gibt, lautet nämlich Bison bonasus. Ohne „n“.

Durch das Büffelgras wirkt das 5,0%ige Bier ein bisschen blumig-parfümiert – so richtig perfekt ist die Aromenharmonie nicht. Aber immerhin ist es etwas Originelles. Bier mit Büffelgras!

Rasch ist das erste Glas geleert – noch ist der Durst ja groß.

Beschallt mit lauter, stampfender Musik aus einer ziemlich großen Soundanlage gehe ich ein zweites Mal an die Wand mit den Zapfhähnen. Jetzt gibt es das Beat, ein Old School India Pale Ale aus der rührigen Brauerei Funky Fluid aus Warschau. Die schaffen es dort, im Schnitt fast jeden zweiten Tag ein neues Bier auf den Markt zu bringen. Jeder Sud ist einzigartig. Immer wieder neue Rezepte, und auch immer wieder neue Kollaborationen mit anderen Brauereien aus der ganzen Welt.

Das 6,5% Beat ist allerdings ohne Kollaborationspartner entstanden. Ein grundsolides, kräftig gehopftes und aromatisch eher in die kräuterig-harzige Richtung gehendes India Pale Ale. Solide Braukunst, eigentlich ohne Experimente, denn IPA als Bierstil hat sich in Polen mittlerweile gut etabliert.

Bierprobe – zu jedem Bier zeigt ein Bildschirm die „technischen Daten“

Diesmal habe ich mich auch zurückgehalten und wirklich nur eine Probiermenge ins Glas gefüllt. Was natürlich auch wieder den Nachteil hat, dass ich wenige Minuten später schon wieder am Zapfhahn stehe. Bier Nummer 3 ist angesagt.

Ich überlege nicht lang, diesmal wird es ein Weizen. Złote Kłosy z Koronowa nennt es sich und stammt von der Browar Koronowo. 5,0% Alkohol und ein absolut typisches Erscheinungsbild. Wenn auch im völlig falschen Glas, denn ich erwische mich dabei, wie ich unverdrossen immer noch in den großen Willibecher zapfe und nicht für eine Sekunde daran gedacht habe, eventuell ein Weißbierglas zu nehmen …

Das Bier überzeugt nicht wirklich. Zwar ist der Duft sortentypisch, und auch der Antrunk passt soweit, aber auf der Zunge wirkt das Bier irgendwie unangenehm, es hinterlässt ein pelziges Gefühl. Nicht wirklich erfrischend. Wie gut, dass ich nur eine recht kleinen Schluck gezapft habe.

Ring frei zur vierten und letzten Runde für heute, denn zu spät darf es nicht werden – ich bin ja schließlich beruflich hier, nicht im Urlaub, und morgen geht es früh wieder aus den Federn.

Noch einmal entscheide ich mich für die Warschauer Brauerei Funky Fluid, diesmal für ein Kollaborationsbier mit Magic Road, ebenfalls aus Warschau. Konsequenterweise heißt das Bier Fusion, ist ein New England India Pale Ale, also ein NEIPA, und hat 6,5% Alkohol.

Es hat eine kräftige Farbe, ist stiltypisch schön trüb, und es trägt eine feste, unerschütterliche Schaumkrone. Die Optik passt perfekt. Aber auch sensorisch vermag das Bier zu überzeugen. Angenehm herb-fruchtige Aromen, eine kernige Bittere, eine knochentrockene Textur, die nach dem Schluck Lust auf mehr macht, und vor allem: Es ist nicht so milchig-kremig-fastschonschleimig, wie manche NEIPAs. Gefällt mir.

futuristische Atmosphäre

Das vorwiegend sehr junge Publikum (einschließlich des Barmanns und des DJs gibt es hier wohl niemanden im Raum, der auch nur halb so alt ist wie ich) genießt die laute, bunte, mit den dunkelblauen LEDs an der Decke futuristische Atmosphäre, ist allerdings deutlich weniger auf das Bier fokussiert als ich. Die Bar ist „in“, aber offensichtlich nicht, oder zumindest nicht ausschließlich, wegen der Bierauswahl und des Selbstzapfkonzepts.

Angesichts meiner Bierbegeisterung gefällt sie mir trotzdem. Gerne wieder!

Die Bierbar Piwo – Ty nalewasz ist täglich ab 16:00 Uhr geöffnet; kein Ruhetag. Sie liegt am Westende der ulica Długa, also im Bereich der verkehrsberuhigten Zone in der Innenstadt. Problemlos zu Fuß zu erreichen.

Bilder

Piwo – Ty nalewasz
Wełniany Rynek 9
85-036 Bydgoszcz
Polen

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