Manche lieben sie, manche hassen sie. Kreuzfahrten. Und die, die sie lieben, teilen sich auch wieder in verschiedene Gruppen auf – in die, die die etwas edleren, luxuriösen Schiffe bevorzugen, und in die, die unkompliziert und gerne auch mit etwas Remmi Demmi unterwegs verreisen wollen. Letztere sind dann wohl die, wegen denen auf den Schiffen der Aida-Flotte eigene Bordbrauereien eingerichtet worden sind.
Irgendwo auf der Nordsee stehen wir bei steifer Brise und verhältnismäßig hohem Seegang auf dem schwankenden Boden der Aida Perla vor dem Sudhaus. Zwei gläserne Sudkessel der Firma Joh. Albrecht – meines Wissens nach wie vor des einzigen Herstellers, der sich an diese Konstruktion heranwagt, bei der man die Maische und die Würze durch das hitzebeständige Glas beobachten kann und sieht, wie sich die Flügel der Rührwerke drehen. Das macht an Brautagen zweifelsohne was her.

die gläsernen Sudkessel machen was her
Heute ist aber kein Brautag, sondern Abendessenszeit. Deftige bayerische Kost wird an den langen Bierbänken serviert, und dazu gibt es zwei hier vor Ort gebraute Biere zur Auswahl – das Aida Zwickel und, da gestern weit weg von hier in München das Oktoberfest begonnen hat, natürlich auch ein Festbier, das Fest(macher)bier. Für die, die dem Frieden nicht trauen und neuen Geschmäckern gegenüber misstrauisch sind, gibt es auch das Hövels – am Festland gebraut und ein dezenter Hinweis darauf, dass die Bierversorgung an Bord von Radeberger dominiert wird.
Einmal noch schauen wir an den kupferverkleideten Gär- und Lagertanks entlang, betrachten die Deko dazwischen, und dann nehmen wir Platz und sind gespannt, wie die Bordbiere schmecken.

an Kupfer wurde nicht gespart
Ach, die Enttäuschung könnte größer nicht sein. Das 5,1%ige Aida Zwickel ist süßlich mild, vollmundig, kaum bitter und wenig frisch. Schon der leichte Maischegeruch in der Nase vermag mich nicht zu begeistern, und die irgendwie schon fast breiig wirkende Textur erweckt in mir der Eindruck, als sei hier nicht nur am Hopfen, sondern auch an der Lagerzeit gespart worden. Immerhin würde das Bier dann korrekt benannt worden sein – denn ursprünglich bezeichnete man mit Zwickel ein Bier, das als Probe direkt aus dem Lagertank entnommen wurde und dem Brauer zur Kontrolle diente, ob es schon ausgereift genug, also lange und kalt genug gelagert worden ist. Erst in jüngerer Zeit wurde dieser Begriff auf alle unfiltrierten Biere ausgeweitet.
Dieses hier wurde offensichtlich nicht lange oder nicht kalt genug gelagert. Es mangelt heftig an Frische und Durchtrinkbarkeit.
Ich setze meine Hoffnung in das 5,5%ige Fest(macher)bier, den Oktoberfestklon. Mit seiner kräftigen, dunklen Farbe wirkt es im Glas etwas ansprechender, und auch die Nase ist nicht so maischig-getreidig. Richtig frisch wirkt aber auch dieses Bier nicht. Trotz eines insgesamt etwas ansprechenderen Charakters bleibt es ebenfalls dezent dumpf und regt nicht wirklich zum Weitertrinken an.
Biere wie in den Urzeiten der ersten Gasthausbrauereien. Zu schnell und zu warm vergoren, weil die Lagerkapazität knapp ist? Recht lange gelagertes, vielleicht sogar etwas feucht gewordenes Malz? Müde Hefe? Wer weiß …
Insofern: Die Enttäuschung ist nicht zu verleugnen. Daran vermag auch die Aufmerksamkeit des blitzschnellen und herzlichen Personals nichts zu ändern. Was hilft’s, wenn die Jungs und Mädels aufmerksam und fröhlich sind, wenn das von ihnen servierte Bier nicht schmeckt?
Da hätte ich mir von der doch eigentlich schönen Idee, eine eigene Brauerei an Bord zu haben, doch mehr versprochen …
Brauhaus
Aida Perla
auf See

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