Birrificio Italiano Milano
Milano (ITA)

[Blick zurück auf Juni 2025]

Irgendwie haben die Italiener ja schon ein Faible dafür, direkt am Straßenrand zu sitzen, dem Staub und dem Lärm der vorbeifahrenden Autos ausgesetzt und gezwungen, sich lautstark anzuschreien. Denke ich jedenfalls, als ich nach einigen hundert Metern Fußweg vom Hotel im Ausschank der Birrificio Italiano direkt neben dem Mailänder Hauptbahnhof angekommen bin.

Der Bahnhof ist ja sehenswert, mit seinen drei parallel angelegten Hallen, die quer zu den anderthalb Dutzend, von Norden her kommenden Gleisen stehen. Gewaltige, pompöse Architektur aus Zeiten, zu denen das Reisen mit der Bahn noch Luxus war. Geht man an der Ostseite der Hallen entlang in Richtung Norden, dann befindet sich die Birrificio Italiano Milano direkt auf der Höhe, wo die Bahnsteigüberdachungen enden – genau da, wo die Züge unter dem Dach des Bahnhofs verschwinden. Nur durch eine breite Straße von den Gleisen getrennt.

Über diese Straße rollt allerdings viel Verkehr. Dieselgetriebene Laster und Busse, aus deren Auspuffen dicke Rußschwaden quellen. Getunte Autos und Motorräder, wobei in diesem Fall tunen ungefähr gleichbedeutend ist mit Auspuff aufbohren, damit es laut ist. Dazwischen dann stinkende Zweitaktmopeds und ab und an ein mit gellenden Sirenen vorbeijagender Kranken- oder Feuerwehrwagen. Oder die Polizei. Oder alle auf einmal.

Ich gehe durch die Glastür in den Schankraum hinein, und plötzlich herrscht Ruhe. Außer dem Barmann ist niemand da, es ist eben erst geöffnet worden.

noch ist niemand da

Die Einrichtung ist ansprechend, von einer gewissen Kühle, aber mit Stil. Der Fußboden besteht aus bunten Steinfliesen, die Bar ist eine lange Marmorplatte, die Wände großflächig mit viel Fliesen, und die Decke einfache Platten, auf denen Lüftungs- und Elektroinstallationen offen verlaufen. Das Mobiliar besteht aus einfachen Stühlen und Tischen in schwarz oder naturholzfarben.

So angenehm die Ruhe jetzt ist – ich kann mir vorstellen, dass später, wenn es hier voll wird, das Klappern und Quietschen der Stuhlbeine auf den Fliesen, das Hallen der lauten Stimmen, die Musik und das Klirren der Gläser sich zu einer recht ordentlichen, kakophonischen Lärmwand vereinen werden. Da muss man sich zur Unterhaltung dann genauso anschreien, wie an den kleinen Tischchen draußen vor der Tür, wo die Autos lärmen …

Aber: Darum geht es heute doch gar nicht. Es geht doch ums Bier!

Und das bestelle ich mir jetzt.

Das Angebot ist ein bisschen unübersichtlich gestaltet. Ein paar simple Tafeln hängen an einem Gestänge über der Theke, ein paar Tafeln hängen im Schankraum an der Wand, und an den Taphandles steht auch noch die eine oder andere Information. Womit also beginnen?

Vielleicht erstmal mit einem Huxley, dem 5,7%igen India Pale Lager als Auftakt, um den Straßenstaub vom Gaumen zu spülen? Eine gute Wahl. Frischer und sauberer Geschmack, bei durchaus kräftigem, aber nicht zu fruchtigem Hopfenaroma. Ein Bier, das viel Geschmack bietet, aber trotzdem sehr durchtrinkbar bleibt.

Ebenso frisch und leicht wegzuzischen das Finisterrae, ein Italian White. Fünf Prozent, insofern stellt sich mir die Frage, warum es „Ende der Welt“ heißt, ein Name, der doch besser für ein ultrastarkes Bier mit Alkoholgehalt weit im zweistelligen Bereich gepasst hätte, bei dem man sich mit ein oder zwei größeren Gläsern bereits in den Orbit und darüber hinaus bis ans Ende der Welt hätte beamen können. Aber egal. Als Zwischending zwischen deutschem Weißbier und belgischem Wit schmeckt es gut.

Zwei große Gläser sind geschafft, es regt sich der Hunger. Frisches, knuspriges Brot mit Mortadella und viel Mayo, das ist jetzt genau das Richtige. Frisch zubereitet, trotzdem ganz fix serviert. Passt!

Jetzt noch ein drittes und letztes Bier, und dann mahnt der Zeiger der Uhr. Also gibt es schnell noch das Pflichtprogramm in der Birrificio Italiano, nämlich das Signature-Bier Tipopils. Als die Birrificio Italiano 1996 als eine der ersten Mikrobrauereien in Italien und als wohl erste Mikrobrauerei in der Lombardei gegründet worden war, war das von Anfang an erfolgreichste Bier das Tipopils. Ein Lagerbier mit italienischem Touch. Das, was heute recht oft erhältlich ist, nämlich ein Pilsner, das nicht nur hopfig herb ist, sondern auch intensive Hopfenaromen aufweist, war damals noch eine Sensation. Kaltgehopft beziehungsweise hopfengestopft wurde das Bier, und so bekam es eine kräuterige, würzige, leicht herbfruchtige Note. Und es wurde Pate eines ganzen Stils.

5,2% Alkohol hat das Tipopils, und ich stelle fest: Es ist nicht zu unrecht berühmt. Erfrischend schlank und trocken, mit einer sehr feinen Herbe am Zungengrund und im Rachen, und sowohl ortho- als auch retronasal mit wunderbaren Hopfenaromen.

Drei große Biere, na, für heute lassen wir es gut sein. Alle drei Biere waren prima, und der freundliche Service wie auch die durchaus stilvolle Einrichtung lassen über die Lärmkulisse gnädig hinwegsehen.

die Einrichtung hat Stil

Zum Zahlen gehe ich an die Theke, und da sehe ich es, das kleine Täfelchen, das mich jetzt, da es zu spät ist, informiert: Set Spine Degustazione, 4 x 15 cl. Statt der drei großen Biere hätte ich mich also gemütlich durch das gesamte Fassbierangebot probieren können. Eigentlich ja klar, und ich frage mich, warum ich wie ein blutiger Anfänger erstens das Schild nicht gesehen und zweitens noch nicht einmal den Barmann gefragt haben kann …

Ratlos zucke ich mit den Schultern.

Der 2017 eröffnete Ausschank der Birrificio Italiano ist täglich ab 17:30 Uhr geöffnet; sonntags ist Ruhetag. Zu erreichen ist er in fünf Minuten zu Fuß vom Bahnhofsvorplatz. Man schaut auf den Bahnhof, geht rechter Hand am Bahnhof entlang, parallel zu den Gleisen, und wenige Minuten später sieht man den Ausschank auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

Bildergalerie

Birrificio Italiano Milano
Via Ferrante Aporti, 12
20 125 Milano
Italien

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