Bierfabriek Amsterdam
Amsterdam
NLD

Nachtrag 21. November 2024: Als wir vor sieben Jahren in der Bierfabriek Amsterdam eingekehrt waren, waren wir von Durst, Gruppenzwang und Unternehmungslust getrieben eher im Segment der Volumentrinker unterwegs. Das hat Spaß gemacht, aber die ganze Bandbreite des Angebots dieser Brauerei haben wir dabei nicht kennengelernt.

Das soll heute anders werden. Noch während wir die Eingangstür aufdrücken, nehme ich mir fest vor, alle angebotenen Biersorten durchzutesten.

Zunächst aber staunen wir: Der große Saal ist nämlich menschenleer. „Wir heben gerade eben erst die Tür aufgeschlossen“, lacht die nette Bedienung, die meine erstaunte Miene genau richtig interpretiert. „Sucht Euch einen Platz, wo immer Ihr wollt!“

Machen wir, und zwar gleich einen Platz mit Blick auf das bläulich-violett angestrahlte Sudwerk. So, wie sich das für Bierfanatiker gehört.

Blick auf das bläulich-violett angestrahlte Sudwerk

Sechs Biere gilt es zu testen, stelle ich nach kurzem Blick in die Karte fest. Zwei Tastingboards zu je drei Bieren. Sollte machbar sein.

Dazu gibt’s Brathühnchen, Naan-Brot und Salat, das passt eigentlich alles. Zumindest formal.

Geschmacklich? Nun ja, da waren Hühnchen und Brot prima, der Salat recht fad, und die Biere mit Ausnahme des IPA eher medioker. Aber immerhin sind sie originell benamst, und es gibt zu jedem Bier einen eigenen, passenden Bierdeckel.

  • Puur – Pils (5,0%)
  • Snipperdag – Blond (6,0%)
  • Ploegbaas – Tripel (8,5%)
  • Schafftijd – IPA (4,5%)
  • Vals Alarm – Red Ale (5,8%)
  • Fabrieksgeheim – Porter (5,6%)

Bisschen doof, dass mir das Red Ale vor dem Verkosten umgekippt ist. Zwar ist die Bedienung blitzschnell mit einem Putzlappen da, aber so richtig sauber und trocken macht sie den Tisch nicht und stellt mir auch keine Servietten oder Tücher zur Verfügung, um das selbst ordentlich zu erledigen. Zeit wäre schon da, denn der Schankraum ist immer noch ziemlich leer.

Noch doofer, dass ich mir kein kleines Glas Red Ale nachbestellen kann. „Nein, kleine Gläser gibt es nur im kompletten Tasting Flight, da musst Du schon ein normal großes bestellen …“

Ich kenne genug Brauereien, die mir ob meines Missgeschicks ein neues kleines Glas eingeschenkt und das dann noch nicht einmal berechnet hätten. Aber dass ich noch nicht einmal gegen Bezahlung ein kleines Glas bekomme, sondern aus meinem Missgeschick dann gleich ein Geschäft gemacht wird, indem man mir ein großes quasi aufdrängt? Das habe ich so noch nicht erlebt. Schade!

Das bleibt mit Sicherheit länger im Gedächtnis haften, als die Erinnerung an die angenehm stylische Atmosphäre im Schankraum.

Doof!

Bildergalerie

Bierfabriek Amsterdam

Bierfabrik – so nenne ich manchmal scherzhaft die großen Brauereien, in denen Bier industriell hergestellt wird. Gewaltige Zweckbauten, computergesteuerte Abläufe, und von Handwerk ist nicht viel zu spüren, auch wenn die einzelnen Arbeitsschritte in der Würzebereitung durchaus noch denen in der handwerklichen Produktion vergleichbar sind. Gleichzeitig klingt Bierfabrik nach klotzigem Industriegebäude, unnahbarer Zweckarchitektur, wenig einladend.

Und so stehe ich am 18. April 2017 im Zentrum Amsterdams denn auch vor einem bunkerartigen Ziegelbau. Nur wenige kleine Fenster, stattdessen hohe, abweisende Mauern, die eher an eine Burg des Kreuzritterordens erinnern denn an eine Brauerei. Und doch: „Bierfabriek“ lockt mich eine gelbe Leuchtreklame unwiderstehlich an. Bierfabriek Amsterdam!

ein bunkerartiger Ziegelbau: die Bierfabriek Amsterdam

Ich gehe durch die verhältnismäßig kleine Eingangstür und komme in eine gewaltige Halle – wie es scheint, tatsächlich eine ehemalige Fabrikhalle. Rechter Hand ein schönes Sudwerk, dreifarbig gestaltet: Rötlich schimmerndes Kupfer, gelbliche Messingapplikationen und die Seitenwände aus silbrig glänzendem Stahl. Etwas fürs Auge, ebenso wie die aus hitzebeständigem Glas gefertigte Luke, durch die man in den Bottich hineinsehen und den Brauprozess mit eigenen Augen verfolgen kann.

Wenn denn gerade gebraut werden würde.

Wird aber nicht.

das schmucke Sudwerk

Linker Hand ein großer Thekenbereich, und oberhalb der Theke eine Reihe von Ausschanktanks. Das Bier lagert also gewissermaßen direkt über den Köpfen des Barpersonals und der an der Theke sitzenden Gäste.

Im hinteren Bereich der Halle auf zwei Ebenen zahlreiche Tische, zum Teil auch nur einfache, langgestreckte Bierbänke und -tische, an denen man in kleineren Gruppen sitzen kann. Es ist zu früher Stunde schon gut gefüllt, viele Tische sind reserviert, und so kommt es, wie es kommen muss: Für uns, eine Gruppe von fünf Personen wird es schwierig, einen Platz zu finden.

„Die einzige Möglichkeit, die ich Euch anbieten kann, sind die runden Tische mit den integrierten Zapfgarnituren“, erzählt uns der freundliche Barmann und weist auf einen etwas erhöhten Bereich links vom Eingang hin. Ein halbes Dutzend Tische sehe ich dort, jeder ausgestattet mit einer Zapfanlage mit zwei Hähnen und einem elektronischen Volumenmesser. „Dort könnt Ihr selber nach Herzenslust zapfen, ich schalte die Hähne frei, und auf geht’s!“, heißt es weiter. Wir müssen uns nur noch entscheiden: Pils und Stout oder Pils und Red Ale? Das sind die Kombinationen, mit denen die Zapfstationen vorbelegt sind – schon von weitem an den Farben der Tap-Handles erkennbar.

„Red Ale?“, frage ich in die Runde und ernte einhelliges Nicken. Wir nehmen Platz, saubere Gläser stehen schon bereit, und auf dem Messgerät leuchten zwei Nullen auf. Die ersten Versuche, selber zu zapfen, sind noch ein wenig unbeholfen, das Bier schäumt stärker als gedacht, aber mit jedem weiteren Krug werden wir routinierter, läuft aber auch die Anzeige auf dem Messgerät schneller.

Das Pils schmeckt ein wenig säuerlich-frisch, ist für meinen Geschmack bei weitem nicht stark genug gehopft und zu stark gespundet, aber das Red Ale gefällt mir gut. Rund und malzig, sehr süffig, mit fein gebundener Rezens weiß es zu gefallen. Leicht rötlich schimmert es, gleichmäßig trüb, und schon nach ein paar Runden sieht man am unterschiedlichen Zählerstand, dass es das bevorzugte Bier in unserer Gruppe ist.

Die auf Holz gedruckte Speisekarte bietet ein paar typische Kleinigkeiten an. Fingerfood, Käse- und Wurstplatten und Brathähnchen. Die Portionen sind nicht übermäßig groß, Amsterdam-typisch überteuert, aber schmackhaft. Und vor allem: Scharf gewürzt, so dass der Bierdurst erhalten bleibt. Das freut den Gast, dem das Bier schmeckt, genauso wie den Geschäftsmann, der sich bei jedem gezapften Krug, bei jedem Wechsel der elektronischen Anzeige die Hände reibt und schon mal seinen Kontostand kalkuliert.

elektronisch überwachte Zapfanlagen für die durstigen Besucher

Eine kleine Aufmerksamkeit, die aber angesichts der Bierpreise durchaus angemessen erscheint, sind die Erdnüsse, die überall in großen Mengen auf den Tischen liegen. Wer es darauf anlegt, könnte sich daran satt essen und auf ein warmes Gericht und Fingerfood völlig verzichten. Wir wollen uns als gut erzogene Gruppe zeigen und sammeln die Erdnussschalen fein säuberlich auf dem Tisch – nach und nach türmt sich ein ansehnliches Häufchen auf.

Ah, endlich kommt die Bedienung und bringt unser Essen. Mit einer schwungvollen Bewegung wischt sie die Erdnussschalen in hohem Bogen auf den Boden, verteilt sie schwungvoll zwischen Tisch- und Stuhlbeinen. „So macht man das hier“, lacht sie und zeigt auf die Berge von Schalen, die unter den anderen Tischen liegen. Wir passen uns an, gehen aber dann doch nicht so weit, wie die Gruppe junger Männer am Nachbartisch, die daraufhin nicht nur die Erdnussschalen, sondern auch die abgenagten Hühnerknochen großräumig im Schankraum verteilt …

Ganz abwegig ist es natürlich nicht, die Schalen einfach auf den Boden zu werfen. Die Bedienungen müssen dann nicht ständig den Müll hin und her tragen, und am Ende des Tages muss der Schankraum sowieso ausgefegt und gereinigt werden. Nach einiger Zeit haben wir uns denn auch an das Knirschen unter unseren Füßen gewöhnt und konzentrieren uns wieder auf den Biergenuss.

Was wir dann auch bis ziemlich spät in die Nacht tun …

Die Bierfabriek Amsterdam (es gibt übrigens auch weitere Bierfabrieken in Delft und Almere) ist täglich ab 15:00 Uhr durchgehend geöffnet, sonnabends und sonntags bereits ab 13:00 Uhr; kein Ruhetag. Zu erreichen ist sie in etwa einer Viertelstunde zu Fuß vom Hauptbahnhof (Centraal Station) Amsterdam.

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Bierfabriek Amsterdam
Nes 67
1012 KD Amsterdam
Niederlande

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