Zapfanstalt
Dresden
DEU

„Irgendwie wollte der Funke hier heute Abend nicht überspringen“, sage ich zu mir, während ich an meinem zweiten Bier nippe und mich anschicke, die Rechnung zu bezahlen. Ich überlege, woran es gelegen haben könnte, dass mich der Besuch in der Zapfanstalt in Dresden etwas unzufrieden lässt.

Im späten Nachmittag war ich in der Stadt erst angekommen, hatte schnell mein Hotelzimmer bezogen, und dann fuhr ich mit der Straßenbahn ein paar Stationen durch die eisige Winterluft. Ein kurzer Spaziergang, und schon stand ich vor der Bierbar, einem Eckgebäude. Freundlich begrüßte mich die Leuchtreklame. Die Außenwände waren mit Logos und Schriftzügen bekannterer Craftbiermarken verziert, und derart animiert, ging ich natürlich schnurstracks hinein.

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die Zapfanstalt

Viel Betrieb war noch nicht, aber die vielen „reserviert“-Schildchen an den Tischen deuteten schon an, dass es später voll werden würde. Ich suchte mir einen Platz an der hinteren Seite der Theke mit schönem Blick auf die Reihe der Zapfhähne und begann, die Getränkekarte zu studieren. Die schiere Anzahl an Fassbieren war durchaus beeindruckend, und auch die Tatsache, dass sich an diese erste Liste noch ein paar Seiten mit Flaschenbieren anschloss, war in Ordnung. Was mir allerdings auffiel, dass die Zapfhähne tendenziell doch eher mit relativ bekannten, weit verbreiteten Bieren bestückt waren. Keine Konzernbiere, beileibe nicht, aber es gibt ja auch unter den Kreativbieren diejenigen, die man in fast jeder Bierbar findet, und die anderen, die kleinen Goldkörnchen, die Überraschungspotenzial bieten.

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die Batterie der Zapfhähne ist schön anzusehen

Goldkörnchen? Nein, eher nicht. Doch halt: Was stach mir da ins Auge? Zapfanstalt Pils, „Unser eigenes Pils, feinwürzig & süffig!“ Ohne lange nachzudenken, bestellte ich mir genau davon ein Glas. Und erst als es dann, schön gezapft und blank gefiltert vor mir stand, begann ich zu überlegen: Zapfanstalt? Eine Brauerei sei die Zapfanstalt gewiss nicht, also könne es sich nur um ein Hausbräu im weiteren Sinne handeln, dachte ich mir und sprach den jungen Barmann gezielt an.

Ja, das Bier werde nicht in der, sondern für die Zapfanstalt gebraut, bestätigte er mir, und zwar in Hartmannsdorf.

Aha, das Brauhaus Hartmannsdorf! Ich nahm einen großen Schluck und fühlte mich bestätigt. Ein zwar ordentliches und geschmacksfehlerfrei gebrautes Pils, aber eben auch ein Allerweltspils. Nichts Besonderes, und vor allem ein Bier, das im Blindtest weder positiv noch negativ im Vergleich zu den Konzernbieren abschneiden würde, dachte ich mir und war ein wenig enttäuscht.

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Zapfanstalt Pils (aus Hartmannsdorf)

Ein Griff zum Telefon. Mal sehen, was Onkel Google zum Thema Hartmannsdorf und Zapfanstalt sagt.

Nichts. Nicht nur wenig, sondern gar nichts. Onkel Google schwieg, weil beide SIM-Karten feierlich meldeten: Kein Empfang. Deutschland bei Nacht. Informationstechnische Dunkelheit. Mitten in Dresden, in einer schmalen Gasse, nicht weit vom Zentrum. Nicht irgendwo in der Lausitz auf dem Militärgelände oder im Hochwesterwald kilometerweit von der nächsten menschlichen Siedlung entfernt, sondern mitten in Dresden. Zwei von drei möglichen Providern bieten nicht nur kein LTE, sondern gar kein sinnvolles Datensignal. Gerade, dass der eine müde Balken ein verzerrtes Telefonieren erlaubt.

„Habt Ihr WLAN“, wendete ich mich an den jungen Barmann, der mich bisher bedient hatte. Nennen wir ihn mal A für Anfänger. „Keine Ahnung!“ Er zuckte mit den Schultern. „Ist mein erster Tag hier.“ Den – hoffentlich… – etwas erfahreneren Kollegen, Herrn E, für erfahren, fragte er aber auch nicht und ließ mich ratlos zurück.

Ich wunderte mich. Traut A sich nicht? Weiß A, dass E sich auch nicht auskennt?

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das Ambiente ist durchaus ansprechend

Augenblicke später die Lösung, nämlich, als ich mir ein Flower Power Session IPA von Schoppebräu aus Berlin bestellte.

A: „Wo finde ich denn die passenden Gläser?“

E: „Frag den K, der weiß das und sagt’s Dir bestimmt!“

K, für Kaffeetrinker, stand kaffeetrinkend und tiefenentspannt an der Anrichte am Ende der Theke, lauschte dem Dialog zwar, sah aber überhaupt keinen Anlass, seinen Blick vom Smartphone-Display zu nehmen, sondern ließ A ebenso geduldig wie zunehmend unsicher nach den Gläsern suchen. Ob er sich heimlich an dessen Unwissenheit weidete?

Ich fragte sicherheitshalber den Herrn E selber, ob es hier WLAN gebe. Achselzucken. „Hatten wir mal, aber jetzt nicht mehr!“, lautete die lustlose Antwort.

A hatte mittlerweile ein Glas gefunden und stellte es mir zusammen mit der Flower Power Flasche auf den Tresen. „Nee, das Glas nicht“, maulfaulte K, nun doch vom Display hochkuckend, aber ohne konstruktiver zu werden. Die „Welches denn“-Frage des A blieb unbeantwortet.

„Ist schon gut“, meinte ich, griff nach dem Verkostungsglas, welches durchaus zum Bier passte, und versuchte, die Situation zu entkrampfen, aber irgendwie war jetzt meine Laune endgültig dahin. Einen Anfänger im Geschäft vor den Gästen so bloßzustellen, die eigene Unlust so zu demonstrieren? Nee, gefiel mir nicht. Und auch die Geschichte mit den Etikettenbieren (neben dem Pils gab es auch noch ein Zapfanstalt Zwickel) hat mir nicht gefallen.

Ich nippe erneut an meinem zweiten Bier, dem Flower Power, das mir außerordentlich gut mundet. Ja, genau das ist es, sage ich zu mir. Genau diese Kleinigkeiten wie das Benehmen des K machen den an sich doch recht netten Ansatz kaputt, stören das Gesamtbild und erzeugen ein wenig Unzufriedenheit. Also kein Eintrag in meiner persönlichen Hall of Fame für die Zapfanstalt, sondern nur die Aufnahme in die Liste der „kann man auch mal hin“ Adressen. Mehr nicht. Weniger aber auch nicht.

Die Zapfanstalt ist montags bis sonnabends von 18:00 bis 02:00 Uhr geöffnet; sonntags ist Ruhetag. Zu erreichen ist sie komfortabel mit der Straßenbahn, Linie 13, Haltestelle Alaunplatz, und von dort aus eine Minute zu Fuß in Richtung Süden.

Bilder

Zapfanstalt
Sebnitzer Straße 15
01 099 Dresden
Sachsen
Deutschland

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