Brauhaus Binkert GmbH & Co. KG
Breitengüßbach
DEU

Franken ist gesegnet mit Brauereien. Jedes Dörfchen hat mindestens eine, jedes Städtchen gleich mehrere. Egal, wo man wohnt oder sein Hotelzimmer hat, man verlässt das Haus und hat nach spätestens zehn Minuten Fußweg eine Brauerei erreicht, wo man im Biergarten sitzen und feinstes Bier genießen kann. Ach, herrlich!

Aus Sicht der Brauer ist so ein hoher Sättigungsgrad allerdings nicht unproblematisch. Gelingt es, sich eine kleine Nische zu erschließen, in der man wirtschaftlich überleben kann? Oder führt das gefühlt schon fast Überangebot dazu, dass man doch ernsthaft darüber nachdenkt, den Betrieb zu schließen oder zu verkaufen?

In einem solchen Umfeld muss man vermutlich vom Wahnsinn geritten sein, wenn man Pläne schmiedet, eine neue Brauerei aufzumachen. Und doch kommt so etwas vor.

Im Fall von Jörg und Anja Binkert muss es aber wohl begnadeter Wahnsinn gewesen sein, denn fünf Jahre nach Neugründung des Brauhaus Binkert schüttelt niemand mehr zweifelnd den Kopf, sondern schnalzt, ganz im Gegenteil, anerkennend mit der Zunge. Sauber, was die zwei da hingebracht haben.

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Neubau auf der grünen Wiese

2012 entstand das Brauhaus Binkert am Rand von Breitengüßbach auf der grünen Wiese, und rasch tauchten die ersten Biere unter der Marke Mainseidla in der Gastronomie und in den Getränkemärkten auf. Mainseidla, das klingt nicht so nüchtern technokratisch wie Brauhaus Binkert, sondern viel wärmer, heimischer, fränkischer.

Auch die altmodische Halbliter-Euroflasche mit ihrem schönen fränkisch-weiß-roten Etikett und die Bierstile (Original, Kellerbier, Weizen), ach, was wirkt das alles vertraut. Eine brandneue Brauerei, und doch scheint alles so, als gäbe es sie schon seit Jahrzehnten, ach was, Jahrhunderten.

Wirklich?

Und was ist das dort? Die anderen Flaschen im Sortiment? Ein Porter? Ein Amber? Was soll das denn? Fränkische Tradition ist das jedenfalls nicht!

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das hochmoderne Sudwerk

Jörg Binkert lacht, als er mir von den Anfängen der Brauerei erzählt. Im Bewusstsein, dass der traditionelle Franke schnell verschreckt sein würde, wenn es um Neuerungen geht, haben die Binkerts zunächst einmal verhältnismäßig klassisch angefangen. Keine Garagen-Brauerei mit exotischen Craft-Bieren, sondern eine solide Brauerei mit eigenem Ausschank, mit einem recht großen Sudwerk von 15 hl Sudlänge, und gescheiten, fränkischen Bierstilen. Kein India Pale Ale, kein Soured Cherry Stout oder ähnliches. Nur das Porter und das Amber, das ließen sie sich nicht nehmen. Unauffällig wurden diese beiden Stile in das Sortiment gemogelt, und siehe da: Als Dunkles und als Halbdunkles wurden sie akzeptiert.

Die Alteingesessenen begannen vorsichtig, die neuen Biere zu probieren. Sie schmeckten ihnen, und irgendwann hatten sie sich auch an die merkwürdigen Bezeichnungen, an das neumodische Zeug, gewöhnt. Der Durchbruch war da.

In der Rückschau, nach nunmehr fast sechs Jahren, ging dann alles blitzschnell. Rasch eroberten sich die Mainseidla-Biere die Stammtische, der Brauereiausschank wurde integriert und zum regelmäßig frequentierten Bestandteil des Breitengüßbacher Dorflebens, und auch das zweite Standbein des Geschäftsmodells begann, zu florieren: Das Gipsy-Brauen nämlich.

Als Ingenieur beim Brauanlagen-Hersteller Kaspar-Schulz war es Jörg natürlich nicht entgangen, wie die Craft-Bier-Revolution in Deutschland begann. Immer mehr kleine Brauereien entstanden, die Anlagen-Hersteller verzeichneten einen Auftragsboom. Aber viele Einsteiger wollten auch erstmal nur brauen, hatten kein Geld, keine Lust, keine Zeit für eine eigene Infrastruktur und machten sich auf die Suche nach Möglichkeiten, sich in bereits existierenden Brauereien einzumieten und dort ihre Rezeptideen zu verwirklichen.

Mit 15 Hektolitern, bei einem Doppelsud gerne auch 30, ist Jörgs Sudhaus genau die richtige Größenordnung für Gipsy-Brauer, die ihre Idee ernsthaft verfolgen. Groß genug, damit sich eine Abfüllung und ein Vertrieb eines Biers mit eigenem Etikett und eigenem Namen lohnen; klein genug, um sich nicht zu übernehmen, wenn die ersten Schritte am Markt dann doch nicht so rasch Erfolg zeigen, wie geplant. Chancen und Risiko in einer guten Balance.

Das führte dazu, dass mittlerweile zahlreiche Gipsy-Brauer ihre Biere in Breitengüßbach herstellen oder so lange hergestellt haben, bis sie sich dann doch mit einem eigenen Sudwerk selbständig gemacht haben: Kühn-Kunz-Rosen, Yankee & Kraut, Superfreunde, St. Erhard, New Beer Generation, American All-Stars Brewing – das sind nur einige der in der Szene gut bekannten Namen, die ihre Biere hier in der fränkischen Provinz brauen oder gebraut haben.

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die Bierauswahl ist beeindruckend

„Hand in Hand mit diesen Gipsy-Bieren geht dann auch die Erweiterung unseres eigenen Portfolios“, erzählt Jörg, während wir durch das Sudhaus gehen. „Natürlich haben wir inzwischen ein Pale Ale und ein India Pale Ale im Angebot, das wird uns jetzt auch von den Einheimischen verziehen“, lacht er. „Und auch eher exotische Sude wie das Harvest Moon mit Dinkel und Hafer und gestopft mit fruchtigen Hopfensorten kommen gut an. Du hast es ja gestern Abend schon probiert!“

Stimmt, während einer Lesung mit Verkostung mit Norbert Krines und Jörg Binkert in der Kofferfabrik in Fürth habe ich mich gestern einmal quer durch das Mainseidla-Portfolio getrunken und war begeistert. Beide Richtungen, die klassisch-fränkischen Biere genauso wie die modernen Craft-Biere, haben mir gefallen.

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Blick in die Sudpfanne

Während ich meine Nase in die Sudpfanne stecke und das Aroma der fast schon kochenden Würze genieße, erzählt mir Jörg etwas mehr über die Brauerei selbst. Dreizehn Lagertanks, drei Gärtanks habe er mittlerweile, und damit sei die Halle, die er 2012 gebaut habe, voll. Ausgereizt. Mehr ginge nicht. Zwei der Tanks seien richtig groß, da passten bei 60 hl vier Sude hinein – das seien die Tanks für die Grundlast, für die Massenbiere, die mehr als die Hälfte des Umsatzes ausmachten. Die klassischen Bierstile halt, mit denen der Franke seinen Durst löscht. Das sei nicht anders als in den alten fränkischen Traditionsbrauereien auch. Ein, zwei, höchstens drei Biere werden in großen Mengen gebraut, zum Geld verdienen, und all die anderen Leckereien seien eigentlich nur nette Dreingaben.

Wir sind mittlerweile im Gärkeller angekommen, und ich staune, wie dicht die Tanks beieinanderstehen. Mehr geht wirklich nicht. „Offene Gärung? Mit Kräusenüberlauf und Abschöpfen? Das gibt aber eine ganz schöne Sauerei, wenn hier alles so dicht an dicht steht“, lästere ich vorlaut herum, aber Jörg winkt ab: „Mach‘ ich so nicht mehr. Es ist tatsächlich zu viel Aufwand, zu viel Matscherei, und es geht auch viel zu viel verloren. Ich hab‘ den Prozess ein wenig angepasst.“ Ein kleines Zugeständnis an den Platzmangel.

Wer hätte das gedacht? Die Halle, die 2012 so riesig wirkte, ist jetzt eigentlich schon zu klein. „Aber angebaut wird nicht mehr“, erzählt Jörg. „Das reicht so. Ein bisschen Effizienzsteigerung ist vielleicht noch drin, aber einen weiteren Neubau tun wir uns nicht mehr an.“

Ich sehe mir noch die Pellets-Heizung an und bestaune am Schluss die nagelneue Filteranlage – ein Prototyp ist es, dessen Bild ich nur verfremdet ins Internet stellen darf. Klar – die Verbindung zwischen Kaspar-Schulz und dem Brauhaus Binkert steht, warum soll sie dann nicht zum beiderseitigen Nutzen dienen?

Ein letztes Mal drehe ich mich um meine Achse und lasse den Blick durch das Sudhaus schweifen. Eine tolle Anlage. Jörg muss sich nun wieder um das Bier kümmern, während mich Hunger und Durst in den Schankraum ziehen. Durch die große Glastür verlasse ich die Brauerei, suche mir ein gemütliches Plätzchen und genieße neben einer deftigen Brotzeit jetzt erst einmal ein paar der Mainseidla-Biere. Braufrisch!

Zunächst das Original, das milde, aber nicht zu süßliche, unglaublich gut trinkbare Standardbier mit 4,9%. Nicht zu hoch gespundet, leicht malzig, dezent hopfig, ein wunderbares Bier für den warmen Nachmittag im Biergarten oder, so wie jetzt, für den großen Schluck gegen den ersten Durst.

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Mainseidla Original

Dann das Pale Ale. Nicht zu stark im Alkohol (5,2%), nicht zu malzig, fruchtig-hopfig und spielerisch-leicht. Feine Aromen tanzen auf der Zunge, eine leichte, kompakte Herbe bleibt im Gaumen und macht Lust auf den nächsten Schluck. Ebenfalls ein extrem gut trinkbares Bier und doch von so ganz anderem Charakter als das Original. Schwer zu sagen, welches mir nun besser gefallen würde, müsste ich mich im Biergarten unter schattigen Kastanienbäumen für eines der beiden entscheiden…

Zum Abschluss noch etwas für den Genuss, für den kleineren Schluck: Das Bockbier. 7,2% Alkohol sind eine Ansage. Der malzige Körper mit seiner hohen Restsüße ebenfalls. Ein Bier, das locker eine halbe Hauptmahlzeit ersetzen kann. Schluck für Schluck ein großer, bewusster Genuss. Ich spüre, wie sich meine Wangen röten und sich eine schöne Wärme breit macht. Beim Blick durch das große Fenster auf den Parkplatz vor der Brauerei sehe ich auch, dass dies dringend notwendig ist. Der Wind peitscht kalten Regen vor sich her; die wenigen hundert Meter bis zurück zum Bahnhof werden gleich unangenehm. Schnell noch einen letzten, einen großen Schluck vom Mainseidla-Bock!

Das Brauhaus Binkert ist sommers (Mai bis September) von Mittwoch bis Freitag von 09:00 bis 12:00 und 15:00 bis 22:00 Uhr, sonnabends und sonntags von 15:00 bis 22:00 Uhr geöffnet; warme Küche ab 17:30 Uhr. Winters (Oktober bis April) ist von Dienstag bis Freitag von 09:00 bis 12:00 und 15:00 bis 22:00 Uhr und sonnabends von 00 bis 22:00 Uhr geöffnet; warme Küche ebenfalls ab 17:30 Uhr. Der Bahnhof mit einer guten Anbindung in Richtung Bamberg ist etwa fünf Minuten zu Fuß entfernt.

Bilder

Brauhaus Binkert GmbH & Co. KG
Westring 5
96 149 Breitengüßbach
Bayern
Deutschland

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