Panský Pivovar Sokolnice
Sokolnice
CZE

Vor rund 500 Jahren schon wurde auf dem großen Gutshof in Sokolnice Bier gebraut, denn alte Dokumente aus den Archiven des Jahres 1588 belegen, dass ein Jan Sadovský kurzerhand das ganze Dörfchen Sokolnice für 22.000 mährische Zloty an Jindřich Pfefferhorn verkaufte – einschließlich der Festung, zweier Höfe, einer Mühle und … einer Bierbrauerei.

So schreibt es die Panský Pivovar Sokolnice, die Gutsbrauerei Sokolnice, auf ihrer Website. Für mehrere Jahrhunderte lässt sich der Braubetrieb immer wieder nachweisen, aber Anfang des 20. Jahrhunderts begann der Niedergang der Brauerei. Erster Weltkrieg und Wirtschaftskrise setzten der Brauerei zu, und nachdem der Ausstoß von über 20.000 Hektoliter auf unter 100 gefallen war, wurde der Braubetrieb 1932 schließlich ganz eingestellt. Das Gebäude gehörte zu diesem Zeitpunkt sowieso schon der Starobrno-Brauerei aus dem nahen Brünn und wurde von dieser als Lagerhalle genutzt.

Als dann nach dem Zweiten Weltkrieg das Gebäude auch noch teilweise abgerissen und zerstört wurde, um mit dem Material die kriegsgeschädigten Wohnhäuser in Sokolnice zu reparieren, war es aus und vorbei mit dem Brauwesen im Dorf.

Erst 2014 änderte sich dies wieder. Unter einem neuen Besitzer wurde das Gebäude wiederhergerichtet, und seit 2017 wird hier auf einer kleinen, kupfernen Anlage im Erdgeschoss wieder gebraut.

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das schön renovierte Gebäude

Man hat sich Mühe gegeben mit dem alten Hofgebäude. Strahlend weiß leuchtet die Fassade nun, und unter dem Dorfwappen prangt in riesigen Lettern der Schriftzug Panský Pivovar. Etwas kleiner darunter eine verwirrende Jahreszahl: Since 1550, heißt es, ein Jahr, das sich in der Geschichtsschreibung auf der brauereieigenen Website nicht wiederfindet.

Aber wir sind heute nicht aus Gründen der Geschichtsforschung gekommen, sondern um das Bier zu verkosten und uns die neue Brauerei anzusehen, insofern ignorieren wir die Jahreszahlen und gehen die kleine Treppe in das Gebäude hinein. Uns erwartet drinnen … nichts. Außer ein paar verschlossenen Türen. Für einen kurzen Moment schauen wir uns fragend an, gehen dann aber ein paar Schritte weiter und auf der anderen Seite aus dem Gebäude wieder heraus. Und siehe da: Vor uns, beziehungsweise unter uns, liegt ein kleiner Biergarten, dahinter eine Kinderspielplatz und ein hübscher kleiner Park.

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Blick in den Biergarten

Eine Treppe führt uns hinunter, und nun sehen wir im Erdgeschoss auch die Räumlichkeiten der Brauerei. Unter weiß verputzten Gewölben erstreckt sich ein langer Schankraum längs durch das Gebäude. An der Stirnwand steht ein kleines, schlichtes Kupfersudwerk, und in der Mitte sehen wir die Theke, hinter der das Personal fleißig umherwuselt.

Wir finden ein gemütliches Plätzchen in der Sonne, und wenige Augenblicke steht ein freundlicher Kellner an unserem Tisch. Welche Biersorten er uns denn anbieten könne, und was es zu essen gebe, versuche ich radebrechend mit den paar Brocken Tschechisch, die ich kann, in Erfahrung zu bringen. Aber offensichtlich habe ich heute einen schlechten Tag und scheitere an der Aussprache, denn ich ernte nur einen völlig verständnislosen Blick. Ich versuche es noch einmal. Was für Bier? Gibt es was zu essen? Da löst sich der angespannte Blick des Kellners, und mit hartem tschechischem Akzent und leicht österreichischer Sprachmelodie fragt er, ob wir denn wenigstens etwas Deutsch verstünden…

Nun gut, damit können wir dienen, und so ist die Bestellung rasch klar gemacht. Genauso rasch steht das erste Bier vor uns, das Sokolnicka Vyčepný 10°. Schön kräftig golden leuchtet es in der Sonne, hat einen feinen, kremigen Schaum und – wie fast alle Biere in Tschechien – ein dezentes, leicht buttriges Diacetyl-Aroma. Der Geschmack ist frisch und für ein gerade mal zehngrädiges Bier erstaunlich kräftig. Immer wieder beeindruckend, wie es den tschechischen Brauern gelingt, auch die leichten Biere mit gerade einmal etwas unter vier Prozent Alkohol durchaus geschmacksstark einzubrauen.

Zum Essen, einem deftigen Schweinenackensteak mit Bratkartoffeln, serviert uns der Kellner das Sokolnicka Ležák 12°. Ein bisschen kräftiger, ein bisschen aromatischer, ansonsten dem Zehngrädigen sehr ähnlich. Beide Biere zischen im nachmittäglichen Sonnenschein ganz wunderbar.

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das Sokolnicka Ležák 12°

Das denken auch die vielen Radfahrer an den Tischen um uns herum. Pärchen, kleine Familien, große Familien – halb Mähren scheint heute Radausflüge zu machen. Obwohl: Viele sehen trotz ihrer durchaus professionellen Ausstattung und Bekleidung so aus, als seien sie höchstens vom anderen Ende des Dorfs bis zur Brauerei gefahren, gerade einmal 500 m, und hätten die schönen Räder, die bunten Radlerhosen und die futuristischen Helme nur mitgenommen, um erstens die Nachbarn mit dem tollen Equipment beeindrucken zu können, und zweitens eine gute Ausrede zu haben, mindestens ein Bier mehr als üblich zu trinken, denn Radfahren macht bei dieser Hitze bekanntermaßen durstig.

Das Bier fließt also in Strömen, und die Stimmung ist entsprechend fröhlich und gut gelaunt. Wir lassen uns davon anstecken und bestellen wider besseren Wissens noch einen riesigen Nachtisch: Vollkorn-Palatschinken mit Waldbeeren und viel Sahne. Eigentlich sind wir ja pappsatt, aber es ist gar zu schön, hier zu sitzen, und es sieht einfach auch gar zu lecker aus.

Klar, dass dazu nun auch wieder ein Bier gehört, und zwar diesmal das vierzehngrädige und somit etwas kräftigere Antonie Tmavý Speciál 14°. Ein bisschen röstig, ein bisschen süßlich – geschmacklich irgendwo in der Mitte zwischen einem britischen Porter, einem deutschen Schwarzbier und einem tschechischen Dunklen eingeordnet. Nicht unpassend zum süßen Dessert.

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das schlichte Sudwerk an der Stirnseite des Schankraums

Als die Sonne tiefer sinkt und der Biergarten in den Schatten fällt, wird es dann aber doch Zeit, wieder aufzubrechen. Die meisten Radler sind fröhlich mit roten Gesichtern wieder auf ihre Räder geklettert und machen sich auf den zwei- oder dreiminütigen Heimweg.

Der Kellner bringt uns die Rechnung, und wir sind einmal mehr – positiv! – überrascht. So lange wohnen wir nun schon hier im Südmährischen, und trotzdem haben wir uns immer noch nicht an die günstigen Preise auf dem Land gewöhnt. Nur wenige Kilometer von der Großstadt Brünn entfernt können wir es uns für kleines Geld richtig gut gehen lassen! Einen Nachmittag lang im Biergärtchen die Seele baumeln lassen, viel zu viel essen, auch zu viel Bier trinken… Einfach nur schön!

Die Panský Pivovar Sokolnice ist täglich ab 11:00 Uhr durchgehend geöffnet; kein Ruhetag. Man kann sie zwar mit dem Zug erreichen, aber der Bahnhof ist eine gute Viertelstunde entfernt und wird nur von einem kleinen Vorort-Bähnchen angefahren. Viel schöner ist es, bei gutem Wetter mit dem Fahrrad zu kommen. Hat man den Luxus, jemanden zu finden, der freiwillig nichts trinkt und stattdessen fährt, so kann man das Auto problemlos direkt vor der Brauerei parken.

Bilder

Panský Pivovar Sokolnice
Zámecká 151
664 52 Sokolnice
Tschechien

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