Moeder Lambic Original
Brüssel
BEL

Moeder Lambic – die Mutter aller Bierbars in Brüssel. Das ist jedenfalls der Superlativ, zu dem sich manche Kommentatoren im Internet versteigen. Ob es wirklich stimmt? Es sei mal dahingestellt, denn abhängig von den persönlichen Vorlieben mag der eine oder andere Bierreisende andere Bierbars in dieser wunderbaren Stadt finden, die seinen ganz persönlichen Vorstellungen noch ein bisschen besser entsprechen.

Aber zu den Top-Bars gehört das Moeder LambicOriginal, muss man hinzufügen, seit es ein zweites Moeder Lambic am Platz Fontainas gibt – mit Sicherheit. Mehrere hundert Biere zu Auswahl, davon über zwei Dutzend vom Fass. Die Auswahl reicht vom klassischen Lambic (logisch bei dem Namen) oder Gueze bis hin zu wildesten Kreativbieren der aufstrebenden, jungen Craftbier-Brauereien.

Ich betrete die Bar am späten Nachmittag; es sind noch einige Tische im kleinen Schankraum frei, und ich suche mir ein schönes Plätzchen mit Blick auf die Kreidetafel über der Bar. So kann ich in Ruhe die Fassbier-Auswahl studieren und mir überlegen, was ich mir heute gönnen möchte.

Geduldig fahren meine Augen die Liste auf und ab. Hm, heute fällt es mir schwer, mich zu entscheiden. Soll ich eines der klassischen Biere von Cantillon nehmen, die es nur selten vom Fass gibt? Eigentlich kenne ich sie ja, vielleicht doch lieber etwas Neues? Viele Biere stehen nur mit ihren teils wunderlichen Bezeichnungen angeschrieben – da lockt doch schon der verrückte Name zu einer Spontanverkostung?

MiniaturAch, es ist schwierig.

Die junge Kellnerin mit leuchtend pink gefärbten Haaren und abenteuerlichen Piercings kniet sich neben mich auf die Bank. „Ich glaube, Du brauchst guten Rat“, meint sie und beginnt mir geduldig zu erklären, welche Bierstile es gebe, fragt mich nach meinen Vorlieben, und nach einem kurzen, aber intensiven Biergespräch enden wir vorerst bei einem Pangofeber IPA der schwedischen Brauerei Brewski. Blitzschnell hat sie es gezapft, und als es vor mir steht, verströmt es den betörenden, fruchtigen Duft eines mit Aromahopfen verschwenderisch gehopften Biers. Nicht nur der Duft, auch der Antrunk sind hervorragend; lediglich im Körper wünschte ich mir ein wenig mehr balancierende Malzigkeit, um die Hopfenbittere nicht so scharf hervorstechen zu lassen. Und eine etwas vollere, mehr ins orangene tendierende Farbe, vielleicht. Aber für den Auftakt war es schon mal prima.

„Tja, und was jetzt?“, denke ich mir. Etwas völlig anderes? Das junge Mädel kommt unaufgefordert, fragt mich wieder aus. „Eher experimentell? Etwas ganz Besonderes? Dann vielleicht von der Brasserie des Franches-Montagnes BFM ein Sauerbier, dass mit Weintrauben monatelang in einem Fass gelagert worden ist?“ Ich weiß nicht recht – Weintrauben sind so ziemlich die einzigen Früchte, die ich im Bier nicht wirklich mag. Meistens entsteht ein weinartiger Geschmack, und den mag ich nicht. „Kommt der Weingeschmack deutlich durch?“, frage ich zweifelnd. Zunächst energisches Kopfschütteln, dann ein kurzes Überlegen. Sie springt auf, flitzt zur Theke, zapft einen winzigen Schluck, trinkt ihn, schüttelt erneut den Kopf und kommt zurück: „Nein, kein Weingeschmack. Nur schöne, komplexe Säure!“ Na dann, auf geht’s, davon nehme ich eins. Und dazu einen schönen Ziegenkäse mit Brot.

Aber ach, da geht die Fragerei schon wieder los. „Was für einen Ziegenkäse denn? Eher mild, eher kräftig? Kremig oder fest?“ Mit großen fragenden Augen schaut mich die Kellnerin an. „Gibt es etwas Besonderes?“, frage ich zurück, und bekomme so einen in Asche gerollten, mit Malz bestreuten, festen, nicht zu scharfen Käse serviert. Dazu ein paar Scheiben Brot, noch warm und schön knusprig. Hm, die perfekte Ergänzung zum kräftig sauren, aber dennoch ausgewogen runden Bier von BFM. Ewig könnte es so weiter gehen. Ein Biss vom kräftigen Käse, dann die frische Säure des Biers. Und wieder der Käse. Immer abwechselnd – ein Fest für die Sinne!

Als beide, das V225 Graponette (so heißt das Bier) und der Käse, alle sind, geht das Überlegen wieder von vorne los. Ein kleines Bier geht noch, dann soll es für heute genug sein. Noch etwas Fassgereiftes, diesmal aber ohne Säure, sondern stattdessen auf Stoutbasis. Das Oakey Moakey Wiskey Stout der belgischen Brauerei Verzet. Schön dunkelbraun, fast schwarz, mit nur dezenten Whiskynoten, ganz delikat nur im Hintergrund. Schön ausgewogen, ein rechter Rachenschmeichler. Schön, so als Abschluss eines zwar nur kurzen, aber sehr schönen Abends.

Ich schaue mich noch einmal in der recht kleinen Bar um. Viel Holz, rohe Ziegel, große Fenster. Ein modernes Styling – erst kürzlich ist hier renoviert worden. Die kleinen, dunklen Fenster sind verschwunden. Die Zapfhähne dicht an dicht an der viel zu kleinen Theke. Große, simple Holztische und Bänke. Große Kreidetafeln mit den Bieren, etwas kleinere Kreidetafeln mit den Käsesorten. Und wer mag, bekommt auch eine recht gute Auswahl an Wein. Wirklich ansprechend. Und würde der Brüsseler April-Nieselregen jetzt auch mal eine kleine Pause machen, so könnte man sogar vor der Tür an der frischen Luft sitzen. Einziger Nachteil: Die Lage im Stadtteil Saint Gilles ist schon ein wenig abseits. Aber vielleicht ist es auch ein Vorteil und hält die „ach so lästigen“ Touristen fern?

Die Bar Moeder Lambic Original ist täglich ab 16:00 Uhr bis tief in die Morgenstunden geöffnet; kein Ruhetag. Zu späterer Stunde wird sie rappelvoll; der Schankraum ist nicht wirklich groß. Zu erreichen ist sie entweder zu Fuß, dann hat man aber gut eine halbe Stunde strammen Schritts vom Grand Place, oder man nimmt die Straßenbahn, Haltestelle Lombardie. Wenn einem die Linie 97 gerade zupasskommt. Meistens muss man x-mal umsteigen…

Bilder

Moeder Lambic Original
68 rue de Savoie
1060 Bruxelles
Belgien

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