Museum für Hamburgische Geschichte
Kein Bier ohne Alster. Hamburg – Brauhaus der Hanse

miniatur-1„Kein Bier ohne Alster? Na, das ist ja mal eine schneidige Behauptung“, denke ich, als ich den Ausstellungsprospekt in der Hand halte und die Überschrift lese. Wenn das die alten Mesopotamier gewusst hätten! Die Bewohner des Zweistromlandes, in deren Tonkrügen schon vor Tausenden von Jahren Getreide vor sich hin gärte und einen alkoholischen Trank erzeugte, der dem heutigen Bier vermutlich nicht sehr ähnlich war, aber dennoch auch schon berauschend wirkte. An die Alster in der heutigen Form war damals noch gar nicht zu denken, aber Bier gab es schon!

Aber wenn man es ein wenig einschränken würde auf „Kein Hamburger Bier ohne Alster“, dann käme man der Wahrheit wohl schon deutlich näher, wenn es auch nicht mehr so eingängig klänge und sich auf dem Werbeplakat dann nicht mehr so gut machen würde. Wie immer halt: Um Menschen anzulocken und zu umgarnen, wird auf die Pauke gehauen und vereinfacht.

Egal, ich gehe jetzt trotzdem in das alte, ehrwürdige Ziegelgebäude hinein, in das Museum für Hamburgische Geschichte, das malerisch direkt am Rande des Parks Planten un Blomen am Holstenwall liegt. Für ein halbes Jahr, vom 7. September 2016 bis zum 12. März 2017 zeigt das Museum die Ausstellung Kein Bier ohne Alster. Hamburg – Brauhaus der Hanse.

miniatur-2Die Macher der Ausstellung haben Material zusammengestellt und aufbereitet, das vielen regionalen Biermuseen zur Ehre gereichen würde. Ein großer Bierkrug auf dem Fußboden geleitet den Besucher zu einer Art Wegweiser, der ebenfalls auf den Boden gemalt ist – entlang der gelben Linien kann man sich die Themenbereiche „Hopfen und Malz“, „Wasserkunst“, „Auf dem Weg zum Großkonzern“, „Back to the Roots: Neue Biere“, „Kneipen und Trinkhallen“, „Bierteufel und Kaffeeliebhaber“ und „Bier und Suppe – Bier als Nahrungsmittel“ erarbeiten. Und das macht Spaß.

Ob es die alten Eichenstämme sind, aus denen seinerzeit Wasserleitungen gebaut wurden, die die Brauereien der Stadt mit Brauwasser versorgten, ob es der Nachbau einer alten Hausbrauerei ist, ob die Flaschen- und Gläsersammlung, die wunderschönen bunten Werbeplakate oder die Stillleben aus dem Alltag der Biergenießer – ich wandere von einem Bereich zum anderen und genieße. Vieles, was hier dargestellt wird, kenne ich, aber vieles, insbesondere die Hamburgischen Besonderheiten sind mir so noch nicht vertraut.

Wer weiß denn schon, dass die Binnenalster künstlich aufgestaut wurde, um an ihrem Ufer Getreidemühlen zu betreiben? Für das Getreide, das in erheblichem Maße auch zum Brauen benutzt wurde. Hätte dann vielleicht der Titel der Ausstellung nicht andersherum lauten müssen? „Keine Alster ohne Bier?“

miniatur-3Weit über 500 Brauereien zählte Hamburg in den Hochzeiten der Hanse, und die Bierqualität war offensichtlich so gut, dass von hier aus halb Europa mit Bier versorgt wurde. „Hamburg – Brauhaus der Hanse“ heißt es ja nicht umsonst im Untertitel der Ausstellung.

Mit dem Aufkommen von Tee, Kaffee und Kakao als Genussmitteln sank die Bedeutung des Biers, die Zahl der Brauer ging zurück, die Hanse machte ihr Geld mit lukrativeren Waren, und erst im neunzehnten Jahrhundert bekam Bier wieder größere wirtschaftliche Bedeutung, als die großen Hamburger Brauereien entstanden.

Aber auch diese Phase dauerte nicht unendlich, und von den berühmten Namen der großen Hamburger Biere gibt es heute nur noch zwei: Holsten, nur noch eine Brauerei des Carlsberg-Konzerns, und Astra, eine Kultbiermarke auf dem Kiez, die aber ebenfalls in der Holsten-Brauerei hergestellt wird.

Na, vielleicht gibt es doch noch drei bekannte Biere, denn Ratsherrn ist ja wieder auferstanden. Ein völlig anderes Bier als seinerzeit, lediglich die Marke, deren Schutz abgelaufen war, ist genutzt worden, um auf einer völlig neuen Brauerei im Schanzenviertel erneut Bier unter diesem Namen zu produzieren.

Drei von so vielen – wehmütig wandert der Blick über die Wand mit den Werbetafeln der alten Brauereien: Die Actien-Bier-Brauerei Marienthal in Wandsbek, geschlossen 1921, die Winterhuder Bierbrauerei, geschlossen 1973 – nur zwei Beispiele, die den Niedergang der Brauereivielfalt dokumentieren. Neben jedem der schönen Werbeplakate hängt der kleine weiße Zettel mit den Erläuterungen, und jedes Mal wieder endet der Text mit dem Wort „geschlossen“ und einer Jahreszahl.

Aber die Ausstellung ist auf der Höhe der Zeit. Die in den letzten – wenigen! – Jahren entstandenen Kleinbrauereien, die Craft-Brauereien, sind natürlich auch erwähnt und dargestellt, und ganz hinten, im Kleinkino steht sogar eine Hobbybrauerei als Ausstellungsstück. Brauereigeschichte also wirklich einmal bis in die jüngste Zeit hin dargestellt.

Mir gefällt sie, die Ausstellung, und noch lange bummele ich zwischen den Exponaten hin und her.

miniatur-4Lediglich einen Tiefpunkt gibt es: Im Kleinkino läuft der Film Vom Halm zum Glas – ein über 20 Jahre alter Film der Gesellschaft für Öffentlichkeitsarbeit der Deutschen Brauwirtschaft, und ähnlich sperrig wie deren Name kommt auch der Film daher. Eine schwülstige und selbstverliebte Selbstdarstellung des deutschen Biers. Da gibt es doch sicherlich bessere Möglichkeiten, das deutsche Bier zu bewerben! Zumal zu allem Überfluss die Projektion nicht funktioniert. Zwei Minuten vor Schluss bricht der Film ab, und wenn das freundliche und sehr hilfsbereite Museumspersonal die Projektion neu startet, fängt er wieder ganz von vorne an. – Nicht, dass ich darüber sehr traurig wäre, denn genau die letzten zwei Minuten sind eine grauenvolle Verherrlichung des sogenannten Reinheitsgebots – Demagogie pur.

Vielleicht, lieber Brauerbund, ist es ein Zeichen, dass die Projektion gerade an dieser Stelle immer wieder abbricht? – Denkt doch darüber einmal nach!

Die Ausstellung Kein Bier ohne Alster. Hamburg – Brauhaus der Hanse läuft vom 7. September 2016 bis zum 12. März 2017 im Museum für Hamburgische Geschichte; die Öffnungszeiten sind täglich von 10:00 bis 17:00 Uhr, sonntags bis 18:00 Uhr, montags ist Ruhetag. Das Standardticket für das Museum einschließlich der Sonderausstellung kostet neun Euro. Begleitend zur Ausstellung gibt es einen großformatigen und schweren Katalog von über 300 Seiten. Sehr hochwertig gemacht, greift er das Thema im Detail noch einmal auf und der Preis von fünfundzwanzig Euro ist für ein Buch dieser Qualität und dieses Umfangs mehr als fair.

Bilder

Museum für Hamburgische Geschichte
Kein Bier ohne Alster. Hamburg – Brauhaus der Hanse
Holstenwall 24
20 355 Hamburg
Hamburg
Deutschland

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