Auf ein Bier ins Sofitel?
Vom Sinn und Unsinn, überall exotisches Bier trinken zu wollen.

Ständig unterwegs: Der Arbeitgeber schickt mich mal hierhin, mal dorthin. Meistens innerhalb Europas, oft aber auch darüber hinaus. Und so bummele ich eines Tages im Zeitfenster zwischen Konferenz und Rückflug durch Hà Nội. Es ist vormittags, und ich schlendere langsam eine der mondäneren Straßen der Stadt entlang.

Das Hotel Sofitel Legend Metropole taucht vor mir auf, ein Haus mit großer Geschichte. 1901 im Französischen Kolonialstil errichtet, war es von Anfang an Herberge für berühmte Besucher der Stadt. Staatschefs, Botschafter und so mancher berühmte Star haben hier übernachtet. Charlie Chaplin, Jane Fonda, George Bush, François Mitterrand, Jacques Chirac…

Während ich so an der oft fotografierten Fassade mit den grünen Fensterläden entlanggehe, sehe ich auf einem der runden Tische auf der Veranda eine Getränkekarte liegen und spähe hinein. Viel erwarte ich nicht, jedenfalls nicht in meinem Interessenbereich. Bestimmt viele teure Whiskys und Cocktails, Wein und Champagner. Und wie überrascht bin ich, als ich fast eine ganze Seite mit Bier entdecke.

„Aber klar“, winke ich in Gedanken abschätzig ab, „natürlich die üblichen Verdächtigen.“ Und wie zum Beweis folgt nach drei vietnamesischen Industriebieren eine Handvoll internationaler Industriebiere. Heineken, Asahi, Corona, damit die Krawattniks dieser Welt sich großkotzig als weltmännisch geben können. Zur Ehrenrettung noch zwei Belgier: Hoegaarden und Chimay. Enttäuscht will ich die Karte schon wieder weglegen, als ich die nächste Zeile lese: Micro Brewery / Craft Beer. Da bleibt mein Blick natürlich sofort hängen. Drei Biere aus Neuseeland werden angeboten, nein, nicht nur angeboten, sondern auch detailliert vorgestellt. Mit zwei bis drei Zeilen wird das Geschmacksprofil erläutert, zweisprachig sogar, in englisch und in vietnamesisch.

Ein kurzer Blick auf die Uhr. Es ist elf. Eigentlich zu früh. Aber was soll’s… Im Nu sitze ich auf der Terrasse, bestelle mir das Kingtide Pacific India Pale Ale und warte gespannt.

Es dauert einen Moment, bis die nette Dame wieder kommt, aber dann steht sie vor mir, die Flasche. Aus der neuseeländischen Brauerei Beach Brewing Co. Nicht ganz stilecht, aber noch in Ordnung, gibt es dazu eine schlanke Pilsflöte, ähnlich dem Warsteiner-Glas. Unangenehme Assoziationen kommen auf, verschwinden nach dem Einschenken aber rasch wieder. Statt schwindsüchtiger Warsteinerblässe bietet das Bier orangegoldenes Leuchten. Leicht opak mit einem weißen Schaum.

Feine Hopfenaromen strömen mir entgegen; auch wenn das Bier ein wenig zu kalt ist, sind sie schon deutlich spürbar. Auf der Zunge dann ein fester, malziger Körper, der sich mit einer kernigen Bittere des Hopfens paart; darüber spielen fruchtige, an Stachelbeeren erinnernde Aromen und leichte, harzige Noten. Im Abgang eine saubere und trockene Bittere, die Durst macht auf den nächsten Schluck.

Schön. Ich bin zufrieden. Keine Offenbarung, aber ein sehr ordentliches India Pale Ale mit vielen fruchtigen Noten. Ein rundum gutes Bier.

Ich bleibe noch ein wenig auf der Terrasse sitzen und sinniere darüber nach, dass es oftmals die unerwarteten Biermomente sind, die sich so schön genießen lassen. Ein exotisches Bier aus Neuseeland, von einem Deutschen getrunken, mitten in Vietnam.

Bei diesem einen Bier soll es aber auch bleiben, es ist ja noch früh. Ich frage nach der Rechnung, schiebe gleichgültig meine Karte in das Lesegerät, und erst als ich auf die Anzeige schaue, kommt der Schock: 440000,- VND. Plus 5% Service-Charge. Plus 10% State Tax. Macht 508200,- VND. Etwa 21,- EUR. Für ein Bier.

Schluck!

Ist das die gerechte Strafe für die Gier nach immer neuen, exotischen Bieren? Für die Oberflächlichkeit, mit der ich zwar die Bierbeschreibung in der Karte gelesen habe, aber nicht den Preis? Und hätte mir der Rolls Royce, der mit einer gewissen Lässigkeit, geradezu gedankenlos an der Hauptstraße abgestellt worden ist und schon eine leichte Staubschicht aufweist, nicht Fingerzeig, Mahnung gar sein sollen?

Fragen über Fragen. Aber keine Antworten.

Nur das Bewusstsein, dass es immerhin ein sehr schöner Moment gewesen ist. Hier, im Sofitel Legend Metropole auf der Terrasse, direkt vor dem Rolls Royce. Neuseeländisches Bier unter vietnamesischer Sonne.

Sinn? Unsinn?

Ach, ich weiß es nicht. Will es auch nicht wissen. Schön war’s!

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