Wyszak – Browar Rodzinny
Szczecin
POL

Das ehemalige Stettiner Rathaus aus dem 15. Jahrhundert mit seinen uralten Ziegelgewölben im Keller. Abgetretenes Kopfsteinpflaster, über das Hunderttausende von Schuhen gelaufen sind. Eine in den Jahrhunderten etwas abgesackte Front, deren schief stehende Säulen des Scheingiebels Geschichten aus der Historie der Stadt erzählen können. Zum Beispiel die vom Wyszak, einem reichen und mächtigen Geschäftsmann, der zur Zeit Ottos von Bamberg vor der Küste Dänemarks Raubzüge unternahm, gefangen genommen wurde und nach zwei Jahren in einem kleinen Boot fliehen und nach Stettin zurückkehren konnte. Eine Zeitreise weit zurück in die Vergangenheit.

Wyszak Browar Rodzinny, Szczecin
das kupferne Sudwerk

Im Gegensatz dazu eine Brauerei, die Wyszak Browar Rodzinny, die erst vor einer Woche eröffnet hat. Niegelnagelneue Kupfergeräte, ein 5,5-hl-Sudwerk der Firma Minibrowary. Auf Hochglanz poliert prunken die Kessel vor dem Hintergrund der alten Ziegel des Ratskellers. Eine gehobene und für Stettiner Verhältnisse nicht ganz billige Küche, beste Qualität. Dazu vier Biere zur Neueröffnung, die Mut beweisen.

Nur eines davon könnte man als Standard bezeichnen, nämlich das Weizen. Obwohl es ungewöhnlich gut schmeckt. Kräftige Mundfülle, ein intensives, aber nicht zu dominierendes Bananenaroma, dezent ausgewogene Hopfung. Der Beweis dafür, dass man in einer Gasthausbrauerei doch ein gutes Weizen brauen kann. Wenn man brauen kann.

Wyszak Browar Rodzinny, Szczecin
Pszeniczne (Weizen)

Die anderen drei Biere überraschend mutig. Ein English Pale Ale, mit würzigen, harzigen Hopfennoten und einem malzigen Körper. Ein American Amber Ale, knackig gehopft, mit dominierenden Hopfennoten, Aromen von tropischen Früchten und einer lang anhaltenden, sauberen Bittere. Und ein Vanilla Milk Stout. Süßlich, mit dezenten Vanille-Aromen, leicht im Alkohol und im Geschmack. Ein feines Damenbier.

Zwei ehemalige Hausbrauer aus Stargard Szczeciński, Maciej Piaszczyński und Tomasz de Weyher, zeichnen für die hier gebrauten Biere verantwortlich und beweisen, dass man auch schon bei der Eröffnung einer Brauerei vom klassischen und langweiligen Triplett Hell – Dunkel – Weizen abweichen kann.

Und damit Erfolg haben kann. Denn die Gäste waren samt und sonders begeistert.

Natürlich wird es bald auch ein Pilsener geben, und irgendwann auch einmal ein Dunkles. Aber im Tank gärt auch schon ein Robust Porter, und am 11. März 2015 wurde ein American IPA gebraut.

Während meines Besuchs an eben diesem Tag führten mich die beiden Brauer durch den Lagerkeller, zeigten mir jedes Detail der Brauerei und ließen mich das eine oder andere Bier direkt aus dem Tank zwickeln. Vielversprechend. Saubere Aromen, bereits während der Gär- und Lagerphase. Die Hopfen frisch, das Malz würzig.

Weiter so! Dem jungen Geschwisterpaar Joanna Różycka und Michał Jagła, die hier viel Zeit, Arbeit und Kapital investiert haben, viel Erfolg!

Die Familienbrauerei Wyszak ist täglich ab 13:00 Uhr durchgehend geöffnet. Von den Bus- und Straßenbahnhaltestelle Wyszyńskiego mit den Straßenbahnlinien 2, 3, 7, 8 und 12 sowie zahlreichen Buslinien ist sie nur drei Minuten zu Fuß entfernt; ideal also, um sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen.

Nachtrag 22. März 2016: Ein Jahr später. Nicht mehr alle Biere sind innovativ – man hat sich ein wenig an den Kunden angepasst und braut vorwiegend bekanntere Stile: Pils, Weizen (nach wie vor ausgezeichnet) und Schwarzbier. Aber eines der vier angebotenen Biere soll auch weiterhin provozieren, zur Auseinandersetzung mit ungewöhnlichen Aromen anregen, den Horizont der biertrinkenden Gäste erweitern. Heute ein Brown Ale, karamellig und rund, ausgewogen und süffig.

Die Küche dazu unverändert von bester Qualität – eines der edleren Restaurants in Stettin. Ausgezeichnete Biere, gehobene Küche unter den jahrhundertealten Ziegelgewölben des alten Rathauses – der Wyszak ist unverändert eine der besten Adressen der Stadt.

Nachtrag 15. März 2017: Viel hat sich nicht geändert seit unserem letzten Besuch vor einem Jahr. Die Qualität der Biere ist unverändert ausgezeichnet, das Personal blitzschnell, aufmerksam und freundlich, und das Essen ist nach wie vor hervorragend.

Aber doch: Zwei Neuigkeiten gibt es. Maciej Piaszczyński hat die Brauerei verlassen und braut anderswo, statt seiner wurde Damian Świetnicki eingestellt – ein ehemaliger Hausbrauer aus Stettin. Gemeinsam mit Tomasz de Weyher zeichnet er nun für die Biere verantwortlich. Das Weizen, Pszecniczne, unverändert erfrischend, weizig und fruchtig-aromatisch, das Pils knackig herb, das American Amber mit harzigen Hopfen veredelt und der Rauchbock kräftig rauchig, der ideale Begleiter zum kräftigen Essen. Die Bierprobe schillert in allen Farben des Bierspektrums – es ist eine Freude, hier zu genießen.

Wyszak Browar Rodzinny, Szczecin
zweimal Gold beim Konkurs Piw Rzemieślniczych KPR 2016

Und eng verknüpft mit der Qualität der Biere die zweite Neuigkeit: Stolz prangen vor dem kupfern glänzenden Sudwerk zwei Emailleschilder, die den Sieg der Wyszak Browar Rodzinny in den Kategorien Pils und Bayerisches Weizen beim Wettbewerb der Handwerksbrauereien 2016, dem Konkurs Piw Rzemieślniczych KPR 2016, bezeugen. Glückwunsch! Eine verdiente Auszeichnung!

Bilder

Wyszak – Browar Rodzinny
ulica Księcia Mściwoja II 8
70-535 Szczecin
Polen

Merken

2 Kommentare

  1. G. und ich sind gerade dort gewesen. Da waren – neben dem Pils und dem in der Tat recht guten Weizen – ein erfreulicherweise nur dezent vanilliges Vanilla Milk Stout und ein fruchtig gehopftes American Amber Ale im Angebot. Also ist man fast wieder bei der Taplist Deines Berichts von vor einem Jahr angelangt. Am besten hat uns beiden das American Amber Ale gefallen – und nicht etwa das von Dir so bezeichnete „Damenbier“ 😉 Auch das Essen war prima, und wir konnten dabei den Brauern ein wenig beim Reinigen der Kessel zugucken. Es schien auch Flaschen zum Mitnehmen zu geben, was wir wegen der absehbaren Unterbrechungen der Kühlkette lieber haben bleiben lassen. Aber lecker war’s!

    • Schön, zu hören, dass es Euch beiden dort gut gefallen hat. Die beiden Brauer können wirklich was, und ich finde es schön, dass das Restaurant-Management sie ab und an „von der Leine lässt“, so dass sie auch ein wenig exotischere Biere brauen können! Dieser Mut fehlt so vielen Gasthausbrauerei-Betreibern bei uns in Deutschland…

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*