Biergasthof Hotel Riedberg
Ried im Innkreis
AUT

Als kleiner Junge habe ich einmal lebhaft davon geträumt, dass ich schon den Führerschein hätte und gerade in der Stadt unterwegs sei, als jemand die Beifahrertür aufreißt, sich auf den Sitz fallen lässt und schreit: „Schnell, folge dem Wagen dort vorne!“ Eine typische Krimiszene, die ich wohl im Traum verarbeiten musste.

An diesen Traum muss ich denken, als wir auf den Parkplatz des Biergasthofs Hotel Riedberg rollen und Karl Zusers Auto dort sehen: „Sie sind dem einzigartigen Bierkeller auf der Spur …“, steht auf dessen Heckscheibe.

Eine wilde Verfolgungsjagd wie in meinem Traum ist allerdings nicht nötig – es reicht, dass wir aussteigen, unsere Koffer auf’s Zimmer bringen und … der Spur zum Bierkeller folgen.

kein Grund für eine wilde Verfolgungsjagd

Der Biergasthof Hotel Riedberg ist eigentlich ein recht normaler Landgasthof, im Gewerbegebiet der Kleinstadt Ried im Innkreis gelegen. Ein Hotel für Handwerker und Durchreisende, kein Hotel, um hier den Urlaub zu verbringen. Aaaber …

… es ist eben auch die perfekte Adresse für Bierliebhaber aus der ganzen Welt.

Schon die Fahnen, die auf dem Hof wehen und Karls Konterfei zeigen machen deutlich: Hier begibt man sich in die Hände eines erfahrenen und weltgewandten Biersommeliers, und wer hier später am Abend durstig ins Bett geht oder kein Bier nach seinem Geschmack gefunden hat, dem ist nicht mehr zu helfen.

Wir setzen uns zunächst in den Biergarten und lassen es ruhig angehen. Fünf Zapfhähne gibt es hier, vier davon werden mit Bieren der lokalen Brauerei bespielt, am fünften hängt ein mindestens monatlich wechselndes, besonderes Bier. Heute sind sogar zwei der fünf Hähne mit besonderen Bieren belegt, ein kleines, aber schönes, Zugeständnis an das Oktoberfest, das Karl gestern hier im Gasthof gefeiert hat. Die Auswahl fällt also nicht schwer: Von den beiden besonderen Bieren, bitteschön!, je ein kleines Glas zum Auftakt.

Los, wir probieren uns mal durch das Angebot!

Das 5,5%ige Karmeliten-Festbier aus Straubing, dass aufgrund des gestrigen Anlasses noch angezapft ist, erweist sich als süßlich und rasch trinkbar – ein guter Vertreter seines Stils. Viel interessanter ist aber das Trappisten Zwickl vom Stift Engelszell, der einzigen Trappistenbrauerei Österreichs. Mit obergäriger Hefe ist es vergoren worden und damit irgendwie kein so richtiges Zwickel (da hätten wir eher ein ungefiltertes Lagerbier erwartet), aber es begeistert mit fruchtigen, estrigen Aromen, die einem belgischen Tripel oder einem bayerischen Weizenbock hervorragend zu Gesichte stehen würden. Und das bei lediglich 4,7% Alkohol! Was für ein schöner Anfang.

Mit dem 6,5%igen Weissbierbock der Rieder Brauerei geht es genauso gut weiter, während das 5,2%ige Zusers Bürgerbräu, das ebenfalls in Ried speziell für den Biergasthof gebraut wird, uns nicht ganz so zusagt. Vermutlich, weil es nach den beiden fruchtigen Bieren einfach nicht passt und zu bodenständig wirkt. Am Nachbartisch erfreut es sich nämlich allerhöchster Beliebtheit – der Gast dort ordert gerade sein viertes Krügerl – und das in einer Zeitspanne, in der wir gerade zwei kleine Biere getrunken haben.

Biertrinken macht hungrig, und so lassen wir uns das Tagesmenü schmecken. Vier Gänge, also nur etwas ganz Kleines …

zum guten Bier gehört immer auch eine gute Küche

Ein bisschen Brot mit Schweineschmalz in Sülze als Auftakt, dann eine Frittatensuppe, gefolgt von einem Rumpsteak mit Pfifferlingen und schließlich eine üppige Nachspeise – hier in Oberösterreich noch ohne große Diskussion als „Mohr im Hemd“ bezeichnet.

Dazu passt die fünfprozentige Helle Rieder Weisse mit ihren feinen Bananenaromen recht gut, noch mehr gefällt uns aber die erste echte Spezialität aus dem berühmten Bierkeller, das Zundert Trappist aus dem Jahr 2015 – aus einer Zeit, als die Trappistenbrauerei De Kievit nur dieses eine Bier im Angebot hatte und ihm daher keine besondere Bezeichnung zuerkannt hat. Einfach nur Zundert Trappist. Acht Prozent Alkohol, eine kastanienbraune Farbe mit rubinrotem Glanz und ein wunderbares, komplexes Aroma. Es hat sich gelohnt, dass Beate, die junge Bedienung, in den Bierkeller hinuntergegangen ist und lange nach dieser Flasche gesucht hat.

Verdauungsmüdigkeit stellt sich ein, aber es ist ja noch viel zu früh.

endlich geht es in den legendären Keller

„Jetzt tut uns ein bisschen Bewegung gut“, sagt Karl. Ausgerechnet er, der sich in den Social Media als Bewegungsminimalist bezeichnet. Gemeinsam steigen wir die Treppe zu seinem berühmten Bierkeller hinab. Langsam öffnet er die Tür und … uns fallen fast die Augen aus dem Kopf.

Ich habe das Gefühl, als bräuchte ich nur irgendeinen beliebigen, berühmten Biernamen zu nennen, und Karl würde tiefenentspannt ins Regal greifen und eben dieses Bier hervorzaubern. Vermutlich auch gleich in mindestens drei oder vier Alterungsstufen.

Wie viele Biere mögen es sein? Karl verweist auf seine Bierkarte, in der ein paar hundert Biere verzeichnet sind. „Das sind aber nur die, von denen ich genug Flaschen habe; die ganzen Einzelflaschen sind da gar nicht verzeichnet!“

im Bierparadies

Manchen Bieren sieht man ihr hohes Alter an. Die Etiketten sind in der feuchten Kellerluft leicht angegammelt, die Flaschen sind teilweise mit einer dicken Staubschicht bedeckt. „Zu Anfang hatte ich einmal etwas Probleme mit der Feuchtigkeit in den hinteren Reihen, direkt an der Außenwand“, erzählt Karl und zeigt auf die vermoderten Etiketten. „Das Problem ist aber mittlerweile gelöst. Schade ist nur, dass die eine oder andere Flasche trotz verschlossenem Kronkorken das Moderaroma aufgenommen hat. Allerdings nicht alle Flaschen gleich stark – da gibt es große Unterschiede, die wohl von der Dichtmasse im Kronkorken kommen.“

Gemeinsam stöbern wir in den Regalen, meistens schweigend, und nur ab und zu ertönen begeisterte Seufzer oder leise Rufe „Oh, kuck mal hier, das ist ja unglaublich!“

„Das ist ja unglaublich!“

Karl lässt uns eine Weile gewähren, und irgendwann fangen wir an, uns ein paar Biere zur Verkostung herauszusuchen. Insgesamt vier Flaschen machen das Rennen, und vorsichtig tragen wir sie nach oben ans Tageslicht. Eigentlich hätten sie stilecht direkt im Keller verkostet gehört, aber der holden Ehefrau fröstelt es ein wenig.

Oben in der Schankstube ist es aber auch gemütlich, und so beginnen wir unsere Verkostung.

Erstes Bier: Zusers Weizendoppelbock aus dem Jahr 2012. Der erste Weizendoppelbock aus einer ganzen Reihe, die seitdem entstanden ist. Damals noch als Versuchsballon. Ohne Etikett in einer Bügelflasche. Ins Glas fließt er völlig ohne Schaum. Er riecht und schmeckt fruchtig; ich bin davon überzeugt, Birne zu riechen. Ganz intensiv. Auch im Geschmack dominiert für mich die Birne, und was mich völlig überrascht: Ich spüre den Alkoholgehalt überhaupt nicht. Würde ich dieses Glas morgens zum Frühstück serviert bekommen, ich tränke das als Birnensaft. Als sehr guten und aromatisch komplexen Birnensaft. Karl grinst – er weiß, dass ich morgen früh zum Frühstück Birnensaft bekommen werde und den Vergleich werde machen können. (Kurze Zeitreise in die Zukunft: Ja, der vorzügliche Birnensaft einer kleinen Kelterei schmeckt tatsächlich fast genauso gut wie der zehn Jahre alte Weizendoppelbock …)

Zweites Bier: Orval, ebenfalls aus dem Jahr 2012. Ein Bier, das ungleichmäßig reift und immer für eine Überraschung gut ist. Die Brettanomyces-Hefe arbeitet mal fleißig, dann fällt sie wieder in eine Art Winterruhe – jeder Jahrgang schmeckt anders. Bei der vor uns stehenden Flasche findet sich leider das von Karl schon befürchtete Moderaroma in der Nase. Das Bier riecht nach feuchtem Keller und den Schubladen eines schon seit Jahrzehnten auf dem Dachboden stehenden Holzschranks. Geschmacklich hingegen ist es höchst interessant: Die Hefe hat jeden, auch den komplexesten Zucker restlos vergoren und fleißig ihre eigene Aromatik in das Bier hineingebracht. Knochentrocken ist es, und neben den Moderaromen finden sich komplexe, an Leder und Pferdestall erinnernde Noten, für die die Brett-Hefe so berühmt ist. Kein ungetrübter Genuss, aber eine hochinteressante Trinkerfahrung.

Bier Nummer 3: Es naht der Höhepunkt des Abends. Das berühmte Samichlaus-Bier, das bis Ende der 90er in der Schweiz in der Brauerei Hürlimann gebraut wurde und seit Anfang der Nuller Jahre in der österreichischen Schlossbrauerei Eggenberg produziert wird. Die Flasche ist aus dem Jahr 2004, das Bier ist achtzehn Jahre alt. Dickflüssig und viskos fließt es ins Glas, ist schaumlos und betört vom ersten Augenblick an mit seiner malzigen Süße, seinen fruchtigen Aromen nach Dörrobst und dunklen Früchten, seiner Urgewalt und alkoholischen Kraft. Vierzehn Prozent Alkohol sind eine Ansage, aber angesichts der kräftigen Süße fallen sie gar nicht so auf. Fein und weich wie ein Fruchtlikör trinkt sich das Bier und überzeugt mit einer gewaltigen Komplexität. Wie schön! Außer einer sehr angenehmen Honignote und einem ebenso angenehmen Sherry-Charakter spüren wir keine Alterungseffekte. Ein Bier, das mit den Jahren immer besser wird!

Das vierte und letzte Bier für heute: Nach dem Samichlaus kann es nicht mehr besser werden, vermuten wir, und so ist es leider auch – obwohl das Bier Nummer 4 kein schlechtes ist. Practise What You Preach ist ein Quadrupel mit Schottischem Heidekraut-Honig, in Kollaboration der experimentierfreudigen Craftbrauer von BrewDog mit den für neue Ideen ebenfalls offenen Mönchen der Abtei Koningshoeven, besser bekannt unter ihrem Markennamen La Trappe. Kräftig würzig ist das Bier, erinnert in seiner komplexen, holzigen und leicht adstringierenden Aromatik ein bisschen an Wacholder, and wilde Kräuter und an herben Honig – alles sehr schön und passend, aber trotz der üppigen zehn Prozent Alkohol und der Vielfalt in der Sensorik nicht an das Samichlaus heranreichend. Wir sind uns einig: Das hätten wir in der umgekehrten Reihenfolge trinken sollen. Trotzdem aber ein Hochgenuss.

Verkostung von vier ganz besonderen Spezialitäten

Zufrieden lehnen wir uns zurück. Die Besichtigung der „Heiligen Hallen zu Ried im Innkreis“, also des berühmten Zuserschen Bierkellers allein war schon die Reise wert, aber die Verkostung von vier ganz besonderen Spezialitäten aus eben diesem Keller war die Krönung.

Ein Abend, an den wir noch lange zurückdenken werden. Herzlichen Dank für die Zeit, die Du Dir genommen hast, Karl, und natürlich für die vorzüglichen Biere, die wir gemeinsam mit Dir verkosten konnten!

Der Biergasthof Hotel Riedberg ist nicht durchgehend geöffnet; auch hier wirken sich Personalprobleme der Gastronomie aus. Die Website gibt aber tagesaktuell an, wann und wie sich die Besucher den bierkulinarischen Genüssen hingeben können, und berichtet auch darüber hinaus äußerst informativ über die Welt der Biere. Reinschauen, lesen, dann ein Zimmer reservieren und zur Verkostung anreisen. Am besten mit dem Elektroauto – Ladestationen gibt’s direkt am Hotel.

Bilder

Biergasthof Hotel Riedberg
Südtiroler Straße 11
4910 Ried im Innkreis
Österreich

P.S. Der Karl hat uns zwei Biere mitgegeben, die wir daheim verkosten sollten. Was wir natürlich gemacht haben, und meinen Lesern will ich die Verkostungsnotizen natürlich nicht vorenthalten:

Brauerei Ried – Zusers 1779 – Weizen-Doppelbock „Ein Meilenstein des Innviertels“

Leicht trüb und in hellbrauner Farbe steht das Bier im Glas; Schaum entwickelt es nur ganz, ganz zurückhaltend, so dass lediglich ein feines Kränzchen einen kleinen Schmuck auf die ansonsten glatte Oberfläche des Biers zaubert. Der Duft ist interessant und sehr komplex. Ein paar bananige Aromen sind spürbar, aber auch leichte phenolische Akzente sind nicht zu überriechen – ein ganz feines Raucharoma, etwas Gewürznelke, ein Hauch luftgetrocknete Hartwurst. Dahinter typische estrige Aromen, wie sie in Weizenböcken oft zu finden sind … irgendwie fruchtig, an Trockenobst erinnernd, aber nicht damit identisch. Auch ein flüchtiger Eindruck von Karamell ist dabei.

Der Antrunk ist weich und mild, präsentiert eine gewisse Süße, und rasch entwickelt sich auf der Zunge ein angenehmes und vielfältiges Aromenstakkato. Etwas Dunkelmalz ist zu spüren, mit einer ganz leichten, fast röstig wirkenden Note. Aber eben auch erneut das Wechselspiel aus Früchten und Phenolen. Retronasal wirkt es etwas kompakter und dichter als orthonasal, aber nicht weniger komplex. Eine ganz zurückhaltende Bittere dokumentiert lediglich, dass der Brauer den Hopfen nicht ganz vergessen hat, entwickelt aber kein Eigenleben, sondern wartet passiv darauf, vom intensiv hinschmeckenden Liebhaber aufgespürt zu werden.

Beim Schluck reißt sich das Bier noch einmal zusammen: Ein geschlossener, sehr runder Auftritt, der sich um Harmonie und Gleichschritt bemüht, ohne dabei die Vielfalt missen zu lassen. Wie schön!

Schloss Eggenberg – Samichlaus Classic – Authentic Austrian Triplebock (14,0%)

Samichlaus in der Dose – das kann nur für die US-Amerikaner bestimmt sein …

Was mir auch die Beschriftung bestätigt: „Brewed by Family Brewery Schloss Eggenberg; Imported by Wetten Importers, Chantilly, VA.“ Die Dose hat also entweder schon einen weiten Weg hinter sich und ist zwei Mal über den Atlantik gereist, oder sie hat „undercover“ die Abkürzung genommen und die wenigen Kilometer von Vorchdorf bis Ried im Innkreis in irgendeiner Jackentasche zurückgelegt.

High Quality Dosenbier, also!

Dem Geschmack tut’s keinen Abbruch, denn ich trinke das Bier ja nicht direkt aus der Dose!

Kastanienbraun und klar fließt das Bier leicht viskos ins Glas; Schaum bildet es eigentlich keinen aus. Lediglich ein paar beigefarbene, feine Bläschen sammeln sich am Rand der Bieroberfläche. Der Duft weist die für dieses Bier typischen Dörrobstaromen auf, gibt sich aber im Vergleich zum in Ried verkosteten achtzehn Jahre alten Bier deutlich malziger, weniger fruchtig. Klassische Blockmalzaromen sind stärker ausgeprägt; die Früchte sind zwar auch intensiv und prägend, spielen aber nicht die erste Geige.

Der Antrunk ist fast schon dickflüssig, und auch auf der Zunge gebiert sich das Bier intensiv süß und malzig. Spötter mögen fast schon von Hustensaft sprechen, aber seien wir mal ehrlich: Die kräuterigen Akzente, die ich retronasal spüre und die sich in die Dörrobst- und Trockenpflaumenaromen mischen, sind nur das Tüpfelchen auf dem „i“, keinesfalls dominant. Lassen wir also den Bronchicum-Hustensaft in den Assoziationen mal beiseite, und fokussieren wir uns auf die fast schon weinig-likörig wirkenden Aromen, die in ihrer Komplexität jeden winzigen Schluck zu einem Erlebnis machen. Sanft rinnt das Bier über die Zunge; sanft gleitet es am Gaumen entlang und den Rachen hinab. Den gewaltigen Alkoholgehalt spüre ich erst nach ein paar Schlucken, als es in der Speiseröhre ganz dezent etwas wärmer wird.

Ein wunderbares Genussbier – und der Beweis, dass man sich auch zu zweit mit lediglich 330 cm³, also einem Drittelliter, gute zwei Stunden beschäftigen kann. Ach, wie herrlich.

Nachverkostung

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