Bill Brew
Hamburg (DEU)

Es gibt sie: Adressen in Hamburg, bei denen man das Gefühl hat, dass sie zu Fuß nicht erreichbar sind. Und mit den Öffis auch fast nicht …

„Gute zwei Kilometer sind es vom S-Bahnhof bis zur Brauerei Bill Brew, das sollte doch eigentlich kein großes Problem darstellen“, habe ich vorhin noch gedacht, aber der vereiste schmale Streifen, der hier offensichtlich als Fußweg gilt, mich aber kaum vor den immer haarscharf an mir vorbeirasenden Autos schützt, kostet Nerven und Geduld.

Irgendwann aber, nach einer halben Stunde durch eine der hässlichsten Ecken Hamburgs, stehe ich dann doch vor der Tür des unauffälligen Ziegelhauses. Eine ehemalige kleine Schlachterei, und nun seit einiger Zeit die Heimat von Bill Brew. Zusammen mit ein paar Mitinhabern betreibt Christian Temme, der auch einige Jahre im Braustättchen am Fischmarkt hervorragende Biere ausgeschenkt und verkauft hat, die Bill Brew als Mittelding zwischen kommerzieller Brauerei und aus dem Ruder gelaufenen Hobby.

„Die Brauanlage haben wir letztes Jahr gebraucht erworben. Zehn Hektoliter können wir pro Sud brauen, und wir versuchen, in einem Brauzyklus immer innerhalb von zwei Wochen dreimal hintereinander einzubrauen, damit wir unsere drei Standardsorten immer im Sortiment haben“, erzählt Christian, während er uns die Brauerei zeigt. „Wir haben Helles, Hamburger Kellerbier und Wiener Prater“, fährt er fort, „und ab und an gibt es unser Goldstück, einen Sondersud mit wechselndem Rezept.“

Derzeit sei das gerade ein Hoppy Pils, das Philipp, der Teilzeitbrauer von Bill Brew und einziger regulär bezahlter Mitarbeiter, mit vielen Kollegen von der Meisterschule als Meistersud eingebraut hat. „Ein paar Flaschen habe ich noch, kannste Dir nachher mitnehmen“, ergänzt er grinsend. Aber bevor es an den Einkauf von Bier-Mitbringseln geht, schauen wir uns erst noch alles im Detail an.

im Sudhaus

„Auf dem großen Sudwerk bieten wir auch Lohnbrauen an, für Firmen oder sehr engagierte Hobbybrauer“, deutet Christian an, „aber wir haben auch noch ein zweites, kleines Sudwerk, so mit rund hundert Litern Sudlänge, auf dem können die Hamburger Hobbybrauer auch immer mal wieder rumspielen.“

Ein paar stehende, zylindrokonische Gär- und Lagertanks stehen in einer Reihe neben dem Sudwerk, und ein weiterer, 500 l fassender liegender Lagertank in leuchtender Kupferfarbe steht (oder liegt …) im Nebenraum. „Viel besser für die Klärung des Biers“, schwärmt Christian. „Wir filtern ja nicht, aber im liegenden Tank kriegen wir unser Bier trotzdem fast blank! Wenn wir mehr Geld hätten, würden wir komplett auf liegende Tanks umstellen.“

Aber so große Sprünge kann sich wohl derzeit keine Brauerei leisten, denke ich mir. Schön, dass Bill Brew es schafft, den angestellten Brauer und die Miete zu refinanzieren, und dass für die Anteilseigner bestimmt auch noch ein bisschen was übrig bleibt. Aber von einer Gewinnzone, die eine solche Investition erlauben würde, ist man jetzt, so kurz nach der Anschaffung des großen Sudwerks, vermutlich noch weit entfernt.

Aber egal. Wichtig ist: Im Moment läuft es. Die Biere schmecken, sie verkaufen sich problemlos, und Christian strahlt, wenn er von seinem Projekt erzählt. Was will man also mehr?

Kellerbier

Ein kleines Glas vom Kellerbier probiere ich noch frisch vom Fass, und von jeder Sorte des verfügbaren Biers stecke ich mir eine Flasche ein. Einmal drehe ich mich noch um meine Achse, betrachte die vielen kleinen Erinnerungsstücke, die Christian und seine Partner zusammengesammelt und teilweise im Internet ersteigert haben. Alte Flaschen, Gläser, Bierdeckel und sonstige Überbleibsel der ehemaligen Billbrauerei, die in ihren Glanzzeiten die drittgrößte Brauerei Hamburgs war. Ein großes Industrieareal war das, beeindruckende Ziegelbauten, aber nachdem Holsten die Brauerei erst übernommen und dann ein paar Jahre später geschlossen hatte, wurde sie geschleift, an ihrer Stelle stehen heute nur noch gesichtslose Betonhallen mit unterschiedlichen Industriebetrieben.

Nur der Name hat überdauert. Aus der Billbrauerei wurde Bill Brew. Es gibt wieder Bierdeckel, Reklameschilder, Gläser und Flaschen mit einem Bill-Brew-Schriftzug. Und wer weiß, vielleicht gelingt irgendwann der Durchbruch, und aus einem eigentlich eher noch Hobby wird eine erfolgreiche Hamburger Brauerei? Schön wär’s! Die Biere haben jedenfalls die Qualität dazu.

Der Rampenverkauf von Bill Brew ist jeden Sonnabend von 11:00 bis 13:00 Uhr geöffnet (zu der Zeit ist auch ein kurzer Blick ins Sudhaus möglich); zu erreichen ist die Brauerei entweder mit viel dickem Fell zu Fuß von der S-Bahn-Station Billwerder-Moorfleet aus, oder man nimmt den nur einmal in der Stunde fahrenden Bus der Linie 330, der aber immerhin fast direkt vor der Tür hält.

Bildergalerie

Bill Brew
Billwerder Billdeich 36A
22 113 Hamburg
Hamburg
Deutschland

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