Bunthaus Schankraum
Hamburg
DEU

„Ein Verdüsungsgebäude? Was ist das denn?“ Meine holde Ehefrau kuckt mich mit großen Augen an.

Ich überlege einen Moment. „Hm. Ein Gebäude, in dem verdüst wird?“, rate ich.

Ihre Augen verengen sich zu messerscharfen Schlitzen, und ich bekomme das Gefühl, dass sie mit meiner durchaus nicht inkorrekten Antwort gar nicht zufrieden ist.

„Am besten ist, wir fahren da mal hin und kucken uns das an!“, schlage ich konziliant vor – was die Sache aber nicht besser macht, da das ja von Anfang an unser Plan gewesen war: Zum Verdüsungsgebäude in Wilhelmsburg zu fahren und dort den Bunthaus Schankraum zu besuchen.

Auf geht’s also, zum Verdüsungsgebäude im Wasserwerk in Wilhelmsburg!

Seit gut einem Jahr gibt es die kleine Brauerei Bunthaus. Jens Block und Jens Hinrichs haben sie gegründet und brauen an der äußersten Ostspitze von Wilhelmsburg, dort, wo die Elbe sich in Norderelbe und Süderelbe teilt, ihr Bier. Nun klingt „äußerste Ostspitze“ nicht nur abgelegen, sondern ist es auch. Man fährt kilometerlang den Moorwerder Hauptdeich entlang bis man dort ankommt, und dann ist dort außer einer Art Landschulheim und einem Wohnmobilstellplatz eigentlich nichts mehr. Jedenfalls nicht genug, um hier neben der Brauerei auch noch einen eigenen Ausschank zu betreiben – wer, außer einigen wenigen Hardcore-Bierenthusiasten würde sich auf den beschwerlichen Weg hierher machen?

Stattdessen haben Jens & Jens ihren Ausschank also in das alte Wasserwerk am Wilhelmsburger Inselpark gelegt, in das Verdüsungsgebäude.

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Bunthaus Bier vom Brauer? Ja, von wem denn sonst?

Der Stadtbus bringt uns zum Inselpark, und ein kurzer Spaziergang durch den Nieselregen zum Wasserwerk. Draußen empfängt uns ein kleiner Aufsteller: „Bunthaus Bier vom Brauer“. Drinnen empfängt uns Jens Hinrichs und heißt uns in einem großen, rechteckigen und etwas klotzigen Raum zwischen dicken, rostigen Stahlwänden herzlich willkommen: „Schön, dass Ihr hergefunden habt!“

Während er uns das erste Bier zapft, ein Hoptopus Black India Pale Ale, können wir unsere Neugier nicht zügeln und bombardieren ihn mit unseren Fragen. Die wichtigste zuerst: „Jens, was um Himmels willen ist ein Verdüsungsgebäude?“

„Ein Gebäude, in dem verdüst wird!“ lautet die lakonische Antwort. … Jens grinst. … Ich grinse. Meine holde Ehefrau verdreht die Augen. „Männer …“, höre ich sie denken …

„Nein, Spaß beiseite“, fährt Jens fort und erklärt uns die Rolle des Verdüsungsgebäudes. Das Wasser hier habe einen hohen Eisenanteil, und so habe man es früher im Verdüsungsgebäude durch Düsen gespritzt, verdüst also. Dabei habe es Sauerstoff aus der Luft aufgenommen und das Eisen oxidierte. Das Wasser klatschte an die Wände des Gebäudes, der Rost fiel aus und blieb an den Wänden haften, und das Wasser rann, nun weniger eisenhaltig, zu Boden, von dort aus in Sammelleitungen und wurde dann in das Trinkwassernetz eingespeist. Und das, was wie solide Stahlwände aussieht, seien in Wirklichkeit einfache Betonwände, die mit einer dicken Schicht ausgefälltem Rost bedeckt sind.

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Schanktheke vor rostigen Betonwänden

Jens schwenkt seine Arme und zeigt mit ausholenden Gesten, wo das Wasser verdüst wurde, wo die Sammelleitungen am Boden verliefen, und wie dick die Betonwände sind. „Und jetzt haben wir mitten in dem ehemaligen Becken unseren Ausschank, unseren Schankraum“, strahlt er.

Wir suchen uns einen Platz an einem der Biertische und verkosten unser Bier. Leicht röstig, kräftig hopfig, sehr gelungen! Und die Atmosphäre gefällt uns auch. Industrial Chic mit etwas anderen Akzenten. Keine Ziegelwände, sondern Beton, der durch den Rost wie Schiffsstahl aussieht. Zusammen mit den Düsen, Ventilen und Klappen, die hier überall installiert sind, hat es etwas von Maschinenraum-Atmosphäre eines alten Dampfschiffs. Eine Orgie in Rost. Und mitten im Schankraum steht eine altrosafarbene Kaffeerösterei. Was die jetzt wieder mit der Brauerei zu tun hat?

Jens Block, der andere Jens, gesellt sich zu uns, die Hände voller Probiergläser. „Hallo, Ihr Zwei, jetzt wird erstmal verkostet!“, lädt er uns ein, verteilt die Gläser auf dem Tisch, stellt ein paar Flaschen hin, holt ein paar frisch gezapfte Biere vom Fass dazu und fängt an zu erzählen. „Also, hier haben wir eine Art Saisonbier, das Tank 7 der amerikanischen Boulevard Brewing aus Kansas, das ist eines unserer Gastbiere“, sagt er und hebt sein Glas. „Und hier“, fährt er fort, „unser eigenes Alpaka India Pale Ale.“ Beide Biere schon mal ausgezeichnet.

„Wir probieren ja immer wieder neue Rezepte und neue Bierstile aus, experimentieren fleißig, und da bietet uns die abgeschiedene Lage der Brauerei draußen an der Spitze die nötige Ruhe“, betont er, „aber den Schankraum mussten wir uns irgendwo suchen, wo die Menschen auch hinkommen können, ohne erst stundenlang mit dem Rad oder dem Bus zu fahren.“

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Craftbier-Bar und Café in einem – je nach Wochentag

Während wir das Rote Hanse, ein Red Sour India Pale Ale (sehr gut!), und das einzige Standardbier von Bunthaus, das Pils (gut, aber halt nichts Besonderes) verkosten, erfahren wir, dass hier im ehemaligen Wasserwerk ein kleiner kulinarischer Campus entstanden ist, und dass im Verdüsungsgebäude Anfang des Jahres ein Café aufgemacht habe, das Café Schmidtchen. Das Café habe aber nur sonnabends und sonntags von 12:00 bis 18:00 Uhr geöffnet – die klassisch-deutschen Cafézeiten. Sonst sei es geschlossen. Und da habe es sich angeboten, im gleichen Raum donnerstags und freitags am Abend ab 18:00 die Bunthausbiere auszuschenken.

Wir verkosten die nächsten zwei Biere: Den Jungle King, ein Banana-Split Porter der Sudden Death Brewing vom Timmendorfer Strand. Ein Bier in dem tatsächlich Bananen mit eingemaischt worden sind (schmeckt spannend!). Und eine Gurken Gose von Bunthaus. Lecker und erfrischend. Mal etwas völlig anderes. Prima! „Ja, prima“, echot Jens. „Aber sechzig Kilogramm Gurken zu schälen war eine Arbeit für jemanden, der Vater und Mutter erschlagen hat!“, stöhnt er und verzieht das Gesicht. „Mir graut’s schon vor dem nächsten Sud!“

Zurück zum Schankraum: Jeden Donnerstag- und Freitagnachmittag kämen Jens und Jens mit ihrer auf einem Lastenfahrrad installierten mobilen Zapfanlage nun ins Café Schmidtchen gefahren, heißt es weiter, würden in rund einer Dreiviertelstunde alles aufbauen und anschließen, und für den Rest des Abends sei das Café dann eine Craftbier-Bar. Beide Seiten würden profitieren. Neben dem Bier könnte der Betreiber des Cafés auch ein paar von seinen Spezialitäten anbieten, so dass es auch mal Snacks, Kuchen oder eben Kaffee zum Bier geben würde. Oder, so wie heute, kernigen Grünkohl!

Ich überlege. Ich das jetzt Bar-Sharing? Oder eine Art regelmäßige Pop-Up Bierbar, was die beiden Jense jetzt hier betreiben? Zweimal die Woche entsteht aus dem Nichts, mitten im Café Schmidtchen, eine Craftbier-Bar, zweimal die Woche wird sie ein paar Stunden später spurlos wieder abgebaut. Ein witziges Konzept. Vielleicht ein bisschen arbeitsintensiv, aber dafür praktisch und preiswert. Und die Atmosphäre zwischen den rostigen Wänden … nun, die hat was. Passt zu beidem, zum Café wie auch zum Bierausschank.

Die nächsten beiden Biere folgen. Jens ist in Hochform und erzählt und erzählt. Wilhelmsburg 1806 heißt das nächste Bier. Es soll wohl an die Inbesitznahme des Amtes Wilhelmsburg durch Preußen in diesem Jahr erinnern. Oder auch nicht. Egal. Das Bier schmeckt, das ist es, was zählt. Das andere Bier: Ein Gooseberry Wild Ale. Stachelbeerbier. Beziehungsweise Bier, das mit Hefe gebraut worden ist, die Jens von wildwachsenden Stachelbeeren geerntet hat. Spannend. Kräftige und exotische, leicht säuerliche Aromen.

Uns schwirrt schon der Kopf. Zu viele Biere, zu viele Informationen. Jens (immer noch Block, nur ab und an von Hinrichs ergänzt) wird nicht müde. So viele Pläne noch, so viele Ideen für weitere Biere. Und so viel schon erlebt. Die Crowdfunding-Kampagne für die Flaschenabfüllung, die Suche nach einer geeigneten Location für den Schankraum, der Aufbau der Brauerei … Anekdoten über Anekdoten.

„So, und zum Abschluss bekommt Ihr jetzt noch einen leckeren Doppelbock-Likör!“, entscheidet Jens schließlich und schenkt uns, keine Widerrede („Aber ich trinke außer Bier keinen anderen Alkohol!“) zulassend, jedem ein Glas ein. Wir müssen zugeben: Wirklich lecker! „Sag‘ ich doch“, grinst Jens.

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exzessive Verkostung

Nachdenklich schauen wir auf den Biertisch: Alles voller Biergläser. Zum Teil noch nicht ganz geleert. Wir haben schneller verkostet als wir getrunken haben, aber das sollte kein Problem sein. Gemeinsam machen wir uns über die Reste her. Keine bewusste und konzentrierte Verkostung mehr, sondern jetzt nur noch Spaß am Bier. Noch lange sitzen wir, erzählen, albern herum. Und freuen uns, dass es nun auch hier, in der Bier-Wüstenei Wilhelmsburg, die Möglichkeit gibt, in schöner Atmosphäre gute Biere zu trinken. Ein Hoch auf den Bunthaus Schankraum und auf die Idee des Pop-Up-Bar-Café-Sharings im Verdüsungsgebäude!

Der Bunthaus Schankraum ist donnerstags und freitags ab 18:00 Uhr geöffnet und bietet die Biere der Bunthaus Brauerei sowie einige Gastbiere vom Fass an. Zu erreichen ist das Verdüsungsgebäude, in dem der Schankraum sich befindet, am besten mit dem Bus, Haltestelle Rathaus Wilhelmsburg, wo die Linien 151, 152, 154 und 156 halten. Von dort aus sind es drei bis vier Minuten durch den Inselpark in Richtung Süden.

Bilder

Bunthaus Schankraum
Kurdamm 24
21 107 Hamburg
Hamburg
Deutschland

4 Kommentare

  1. Vor allem hält dort der Metrobus 13, eine der wenigen Buslinien mit eigenem Dokumentarfilm (»Die wilde 13«). Gelegentlich überfüllt, fährt aber im Zweifel regelmäßiger und öfter als die normalen Stadtbusse.

  2. Das Essen machen die beiden Jense übrigens auch fast alles selbst, jede Woche was andres, meist kleines … und lecker! Oft genug hat mich das schöne Foto vom Essen dahingebracht.
    Gutes Bier braucht nunmal ne Basis, und ich geh doch lieber MIT Bier essen, statt vor dem … Auch immer sehr willkommen: Auf den Tischen stehen meist Salzbretzeln und ähnliche Leckerlis, so kommt man ohne Kater nachhaus.

    • Stimmt, Viola!

      Wir haben die kleinen Snacks zum vielen Bier auch genossen und – reichlich! – Salzbrezelchen gegessen. Die haben den Nach- / Vorteil, dass durch das viele Salz der Bierdurst nicht weggeht!

      Mit bestem Gruß,

      VQ

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