Astra St. Pauli Brauerei
Hamburg
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Astra. Eine Biermarke der Bavaria-Brauerei in Hamburg-Altona, die 1909 auf den Markt gebracht wurde. Rund 90 Jahre lang war es ein ganz normales Hamburger Bier – so lange, bis die mittlerweile durch Fusion zur Bavaria-St. Pauli-Brauerei mutierte Braustätte geschlossen werden sollte. Große Aufregung in der Stadt Hamburg, die für eine Übergangszeit die Braustätte übernahm und selbst weiter betrieb, bevor sie dann an Holsten verkauft wurde.

Holsten erkannte das Potenzial, das in einer Biermarke aus St. Pauli steckt und verschaffte Astra mit zwei aus wirtschaftlicher Sicht genialen Entscheidungen ein völlig neues Image. Erstens die Werbekampagne mit dem auch heute noch vor dem inneren Auge stets präsenten Spruch „Was dagegen?“, die das Bier in der Zwischenwelt zwischen echtem, rauen St. Pauli Kiez und der touristischen Welt der Hamburg-Besucher positionierte, und zweitens das neue Logo, das blutrote Ankerherz, das genau dieses Kiez-Image, die leicht schmuddelige, mit magischer Anziehungskraft versehene Halbwelt, thematisch gelungen aufgriff und mittlerweile als Symbol außerordentlich beliebt geworden ist.

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die Reeperbahn – Heimat der feuchten Träume so manchen Hamburg-Besuchers

Astra als Underdog unter den Bieren – perfekt zum Fußballverein FC St. Pauli passend, Hausbier im Millerntor-Stadion, Sponsor des Vereins und beliebtestes Bier in den zahllosen Kneipen auf der Reeperbahn.

Faszinierend, dass es den Marketingstrategen gelungen ist, den Erfolg dieser Marke über nunmehr zwei Jahrzehnte zu retten. Weder die Schließung der Bavaria-St. Pauli-Brauerei 2003 noch die Übernahme der Holsten-Brauerei durch den dänischen Carlsberg-Konzern ein Jahr später gefährdete das Szene-Image der Marke, und auch die jüngst erfolgte Schließung der Holsten-Brauerei in Altona, wo das Bier fünfzehn Jahre lang als Marke produziert worden war, und die Verlagerung der Produktion an den Rand der Stadt nach Hausbruch, fast schon in Niedersachsen, wirkten sich negativ auf Astra aus. Es wurde stets über Holsten diskutiert, geschimpft und gelästert, aber von Astra, der Kult-Marke, perlte all dies ab – Marke und Konzern waren in der Kommunikation stets sorgfältig getrennt worden. Hier der Weltkonzern Carlsberg und seine bürgerlich-edle Marke Holsten, dort die rotlichtige Halbwelt Astras.

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die Astra St. Pauli Brauerei

Ende 2018 eröffnete der Carlsberg-Konzern nun am Nobistor, direkt an der Reeperbahn, die Astra St. Pauli Brauerei. In der Bierszene erhob sich großes Gezeter, man maulte, dass die Großen der Bierwelt die Craftbierszene nun zu unterwandern begännen, dass mitten im Kiez ein Fabrikbier als Craftbier angeboten würde, und dass damit die führende Rolle Hamburgs in der Craftbier-Szene gefährdet sei.

Recht rasch legte sich die Aufregung, und so wurde es für mich Zeit, mir einmal selbst ein Bild vor Ort zu machen.

Die Treppe führt aus der S-Bahn-Station Reeperbahn direkt zum Nobistor hoch, und linker Hand leuchtet das blutrote Ankerherz, auf dem weißen Schriftzug ASTRA thronend. Durch die Glastür betrete ich den Schankraum und zolle zunächst mal den Innenarchitekten Respekt. Der Raum ist ziemlich groß, aber pfiffig strukturiert und mit zahlreichen Details, die die besondere Atmosphäre des Kiezes aufnehmen sollen, geschmückt. Wandmalereien, das Ankerherz noch einmal als riesige, rot pulsierende Neoninstallation, Sessel, Stühle, Hocker, kleine und große Tische. Kleine und lauschige Eckchen, aber auch große Sitzgruppen. In einer Ecke ein Tischfußballspiel, rundherum Stühle in drei Reihen aufsteigend angeordnet wie auf der Tribüne im Stadion.

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das Ankerherz dominiert auch die Inneneinrichtung

Man könnte jetzt meckern und sagen, dass dies alles künstlich sei, die echte Kiezatmosphäre so nicht geschaffen werden könne, eine von Nikotin, Dreck und verschiedenen Körperflüssigkeiten geformte Patina über Jahrzehnte wachsen müsse und dass das alles daher nichts tauge. Oder man stellt sich ans andere Ende der Wahrnehmung und vermisst ein bisschen Bürgerlichkeit und Ordnung, etwas Stil und Gediegenheit.

Schwierig, beiden Gruppen gerecht zu werden, aber ich habe das Gefühl, dass man hier vieles richtig gemacht hat. Ein bisschen Schmuddelatmosphäre, aber noch familiengerecht. In den Winkeln und Ecken gerne etwas Absturzgefahr, im vorderen Bereich aber auch für Jackett-Träger noch akzeptabel. Nur mit Anzug und klassischer Paisley-Krawatte wäre man hier wohl fehl am Platz…

Ich setze mich unweit der Theke und bestaune zunächst einmal die zehn Lagertanks. Eine recht ordentliche Auswahl von Bieren gibt es hier, beileibe nicht nur ganz normales Lagerbier im Stil des klassischen Fabrik-Astras. Ins Auge sticht mir die Werbung für das Hanf Albers, und ich bestelle mir neugierig ein Glas davon. Leicht süßlich steigt mir das Hanf-Aroma in die Nase, aber es dauert einen Moment, bis es sich richtig entfaltet. Viel zu kalt ist das Bier gezapft. Geduldig warte ich also ein paar Minuten und verkoste erst dann richtig. Ein nettes Bier, nur ganz dezent gehopft, um die Aromen des Hanfes nicht zu überdecken, dadurch aber für meinen persönlichen Geschmack etwas zu süßlich. 4,8% sind ganz normaler Durchschnitt für ein Alltagsbier, und zufrieden, aber nicht aus dem Häuschen, trinke ich mein 0,25-l-Glas aus.

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Hanf Albers

Währenddessen studiere ich die etwas unübersichtliche Karte. Zugunsten origineller Bier- und Speisebezeichnungen und eines peppigen Designs musste die Leserlichkeit zurückstecken, und so dauert es eine Weile, bis ich mich entschieden habe: Eine Portion Labskaus dürfte es jetzt gerne sein, und dazu nehme ich das angebotene Testbrettchen mit fünf kleinen Bieren. Die junge und sehr aufmerksame und freundliche Dame verschwindet in Richtung Theke und kümmert sich um meine Bestellung.

Versonnen sehe ich ihr nach und entdecke hinter den Zapfhähnen ein bekanntes Gesicht. „Hej, Jan, bis Du das? Was machst Du denn hier?“ Große Überraschung. Mein alter Hobbybrau-Weggefährte Jan-Hendrik Koch ist nicht nur Hobbybrauer, sondern auch professioneller, richtig ausgebildeter Brauer, und als solcher steht er seit Gründung der Astra St. Pauli Brauerei für die hier produzierten Biere. „Das ist ja ein Ding. Du hier? Komm, ich mache gleich mit ein paar Besuchern eine Bierverkostung und eine Brauereiführung, und Du bist mit dabei!“

Das lasse ich mir natürlich nicht zweimal sagen, habe jetzt aber das Problem, einen großen Teller Labskaus und ein Probierbrettchen vor mir stehen zu haben. In Windeseile schaufele ich das Labskaus in mich hinein. Eigentlich hat es diese Eile gar nicht verdient, es schmeckt nämlich vorzüglich. Appetitlich (so appetitlich, wie es bei Labskaus halt geht…) angerichtet, mit Rollmops, Gurkenstückchen und Rote-Bete-Würfelchen verfeinert und mit zwei Spiegeleiern obendrauf – richtig fein!

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das vorzügliche Labskaus

Auch die fünf kleinen Bierpröbchen werden erstaunlich schnell abgearbeitet, und nur mit Mühe schaffe ich es, mir wenigstens ein paar Geschmacksnotizen zu machen:

Das 5,0%ige Luden Lager schmeckt erstaunlich sauber, frisch, kräftig gehopft, kernig bitter, es passt alles. Vier Sterne für ein Standard-Lager einer Gasthausbrauerei, das vergebe ich nicht oft.

Das Inkasso IPA mit gerade einmal 4,5% ist ordentlich, bleibt aber nicht lange im Gedächtnis haften. Schnell ist es getrunken, erfrischend und gut, aber genauso rasch ist es auch wieder vergessen. Ein schönes Begleitbier für eine lange Thekensession, vielleicht.

Dann das Weißbier, Weizen Beisser genannt. 5,7% Alkohol, was für ein Weizen ganz schön kräftig ist. Hm, so wirklich begeistern kann es mich nicht. Unschlüssig wabert es zwischen dem bananigen und dem eher kümmelig-würzigen Geschmacks- und Aromenspektrum eines Weißbiers hin und her, ohne sich wirklich festlegen zu wollen. Naja, wer Weißbier mag, kann hier sicherlich große Schlucke nehmen, aber bei diesem Bierstil stelle ich immer wieder fest: Es gibt nur wenige, die so richtig gute Weißbiere brauen können. Meistens bleibt es, wie hier, beim guten Mittelmaß.

Das Dunkelbier, Nachtschicht, mit 5,2% gefällt wieder deutlich besser. Ich spüre das dunkle Malz deutlich, rund und vollmundig ist das Bier, schön weich im Abgang – das kann man wirklich gut trinken!

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Herausforderung des Abends: die Blitzverkostung von fünf Bieren

Den Abschluss bildet der Stimulator, ein Weizen-Doppelbock mit sage und schreibe 9,0% Alkohol. Nee, den stürze ich jetzt nicht so hinunter wie die anderen Bierproben, sondern nehme mir das Glas mit und gehe nach hinten, wo Jan bereits eine kleine Besuchergruppe durch sein Bierangebot führt. Während er noch die verschiedenen Sorten erklärt und sich langsam in Richtung Weizen-Doppelbock vorarbeitet, genieße ich dieses krönende Verkostungsabschlussbier bereits. Das Glas ist jetzt warm geworden, herrlich fruchtige Aromen machen sich breit. Dunkle Früchte rieche ich, ein paar estrige Noten kommen hinzu. Auf der Zunge ist das Bier rund und vollmundig, süßlich und schwer, und nach dem milden Schluck spüre ich im Abgang eine feine alkoholische Wärme. Sehr gut gelungen!

Gemeinsam gehen wir jetzt ins Sudhaus. Rund zehn Hektoliter entstehen hier bei jedem Sud, erzählt Jan. Die Anlage kann vollautomatisch gesteuert werden, und bei Bedarf steht für extrem stark gehopfte Biere auch eine Hop-Gun zur Verfügung, mittels derer Unmengen frischen Hopfens per Umwälzpumpe ausgelaugt werden können.

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Zwickeln gehört zu jeder Brauereibesichtigung dazu

Wir sehen die Zwei-Walzen-Malzmühle, blicken in den Läuterbottich, studieren die Anzeige auf dem Bildschirm der Anlagensteuerung und kommen dann zu den Lagertanks. Zehn Tanks, aber nicht zehn verschiedene Biere, denn gewisse Sorten müssen unterschiedlich lang gelagert werden. „Aber so sechs, sieben Sorten habe ich hier immer mindestens trinkfertig drin“, stellt Jan fest. Das obligatorische Zwickeln aus dem Tank macht allen Beteiligten großen Spaß, auch wenn das Luden Lager, dass uns Jan dabei ausschenkt, noch viel zu jung ist, um wirklich gut zu schmecken. Noch sind Schwefelnoten spürbar, die in den nächsten Tagen verschwinden werden, und auch die sonstigen Aromen müssen sich noch abrunden.

Entgegen den Befürchtungen, die mit einem Konzern wie Carlsberg stets verbunden werden, hat Jan weitestgehend freie Hand, immer mal wieder spannende Sonderbiere einzubrauen. Natürlich muss das Standardsortiment immer verfügbar sein, daneben gibt es aber Biere mit ungewöhnlichen Zutaten wie das Hanf Albers oder ganz besonders starke und aromatische Biere wie den Stimulator. Er freue sich immer, wenn er wieder mal was ganz anderes ausprobieren dürfe, erzählt Jan und beendet die Brauereibesichtigung, während der er kurzweilig und unterhaltsam erzählt, uns alle Ecken der Brauerei gezeigt und eine ganze Reihe von coolen Sprüchen abgelassen hat.

„Hier hast Du noch ein frisch gezwickeltes Bayerisch Hell, das in den nächsten Tagen an den Hahn kommt“, sagt er und drückt mir noch ein Glas in die Hand. „Und jetzt mache ich Feierabend, war ein langer Tag!“

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Bayerisch Hell – bald am Hahn

Jan verschwindet durch die Tür, und ich setze mich noch einen Augenblick an meinen Tisch zurück. Wenn ich mir die Astra St. Pauli Brauerei so vorurteilsfrei betrachte, ist sie gar nicht schlecht. Eine etwas touristengerecht aufbereitete Kiezstimmung, sehr schmackhaftes Essen, ein sehr breites Bierangebot mit dem einen oder anderen richtig interessanten Stil, noch annehmbare Preise, sehr freundliche und aufmerksame Bedienungen, es passt fast alles. Bis auf die Zapftemperatur. „Mit 4°C zapfen wir hier“, habe ich Jans Worte noch im Ohr. „Das ist eigentlich zu kalt, aber wenn der Laden hier brummt, dann passiert es, dass die Bedienungen eine Weile brauchen, sich durch die Massen bis zum Tisch vorzudrängen, und dann muss das Bier, wenn es bei den Gästen ankommt, immer noch kalt genug sein.“ Nun ja, eine gewisse Logik ist dahinter, aber die ganze Aromatik erschließt sich bei dieser Temperatur natürlich nicht – insbesondere das Hanf Albers hat spürbar darunter gelitten.

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Frontalangriff auf die Kreativbierszene?

Es bleibt die offene Frage: Kannibalisiert sich die Bierszene, wenn Großbrauereien mit konzeptionell guten Gasthausbrauereien auf den Markt drängen, bei denen der Gast gar nicht merkt, dass ein weltweit agierender Konzern dahintersteckt? Oder wird durch solche Konzepte eher der Weg vom Otto-Normalbiertrinker zum zukünftigen Biergenießer gebahnt?

Der Biermarkt in Deutschland ist kompliziert und völlig anders als in nahezu allen anderen Ländern der Welt. Die nächsten Jahre werden es zeigen…

Die Astra St. Pauli Brauerei ist täglich ab 12:00 durchgehend geöffnet – open end, wie auf der Reeperbahn üblich. Kein Ruhetag. Nimmt man in der S-Bahn-Station Reeperbahn die richtige Treppe (Ausgang Nobistor), dann steht man, wenn man oben ankommt, direkt vor dem Eingang der Brauerei. Ein Fußweg von null Minuten, gewissermaßen.

Bilder

Astra St. Pauli Brauerei
Nobistor 16
22 767 Hamburg
Hamburg
Deutschland

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