Lillebräu Verkostungspaket
Kiel
DEU

ein Überraschungspaket mit zwölf verschiedenen Bieren aus dem hohen Norden

Reklame?*

„Wir sind ein kleine Brauerei aus dem Herzen Kiels“, heißt es in dem netten Begleitschreiben, das ich in dem Paket vor mir finde. Gerade eben hatte der Postbote geklingelt und einen großen, nicht angekündigten Karton abgeliefert. Der Inhalt: Zwölf verschiedene Flaschen Bier und etwas Werbematerial aus einer der nördlichsten Brauereien Deutschland – lillebräu aus Kiel. Was für eine schöne Überraschung!

ein nettes Schreiben begleitet das Bierpaket

Max (Kühl) und Flo (-rian Scheske) haben vor knapp drei Jahren, im Herbst 2018, die Brauerei lillebräu gegründet und sich rasch einen Namen in der Bierszene gemacht. Immer wieder habe ich von ihnen und ihren Bieren gehört, aber bis auf eine einzige Flasche pale ale, die im August 2020 auf verschlungenen Pfaden ihren Weg in meinen Bierkühlschrank gefunden hatte, sind sie mir noch unbekannt.

Das Einzige, was ich bisher weiß: Es gibt ein paar Standardbiere, die fest im Produktportfolio enthalten sind und durch ihre minimalistischen, einfarbigen Etiketten auffallen, und es gibt einige besondere, nicht regelmäßig gebraute Biere, als Saisonbiere zu einer bestimmten Jahreszeit oder als einmalige Sude zu einem besonderen Anlass. Letztere tragen auffällig gestaltete Etiketten – großartige Grafiken, aber mit dem kleinen Nachteil, dass man schon sehr genau hinschauen muss, um herauszufinden, was in der jeweiligen Flasche wohl für ein Bier drin ist.

zwölf Flaschen lillebräu

Vorsichtig nehme ich die Flaschen aus dem Karton und reihe sie vor mir auf. Sechs Standardbiere sind es – einfaches, einfarbiges Etikett mit dem Schriftzug „lille“. Die Farbe gibt Auskunft über den Bierstil: lager, stout, pale ale, helles, pilsener, weizen. Alles kleingeschrieben, jedes Bier in einer anderen Farbe. Die anderen sechs Flaschen sind besondere Biere: Hibiskus Speziale, Frühlingsbock, Kieler Weisse, Summer Ale, Tonka und Lagerbrand.

Ein buntes Potpourri, und ich freue mich darauf, die Biere in den kommenden Tage verkosten zu können. So viel sei vorweg schon verraten: Es ist nicht immer der ganz große Wurf, manchen Bieren merkt man die Experimentierlust an, und andere wiederum sind ganz vorzügliche Vertreter ihrer Zunft und brauchen den Vergleich mit den großen Namen nicht zu scheuen.

Aber lest selbst. Hier sind sie, die detaillierten

Verkostungsnotizen

Pilsener (5,0%)

Das Bier hat eine sehr ansprechende goldene Farbe und ist dezent trüb. Eine Schaumkrone entwickelt sich nur zurückhaltend und bleibt nicht allzu lange bestehen. Der Geruch ist dezent hopfig, leicht kräuterig, im Hintergrund ein kleines bisschen Heu. Der Antrunk ist spritzig und frisch, leicht kohlensäurescharf und schlank. Auf der Zunge macht sich eine schöne und sehr feine Herbe breit, die sehr elegant wirkt. Feine Heu- und Zitronenaromen perlen feinsinnig über die Zunge und tanzen retronasal fröhliche Purzelbäumchen. Beim Schluck kommt die Herbe wieder etwas mehr zur Geltung, bleibt aber ganz damenhaft-elegant. Nur ganz leise erinnert sie daran, dass der Schluck doch eben ausgezeichnet gewesen sei und doch, bitte sehr, möglichst rasch der nächste folgen solle. Ich mag nicht mehr absetzen.


Hibiskus Speciale (6,8%)

Im Glas zeigt sich das Bier in einer dunkelrosa Farbe; es ist leicht und gleichmäßig trüb. Die Schaumschicht ist nur dünn und fällt rasch in sich zusammen. Ein süßlich-herber Duft nach Hibiskus-Blüten schwebt über dem Bier und paart sich mit feinen phenolischen Noten. Der Antrunk ist spritzig und frisch, auf der Zunge macht sich unmittelbar eine trockene, leicht adstringierende Bittere breit, die durch die Hibiskus-Noten ausbalanciert wird. Auch der Abgang ist knochentrocken; die Bittere klingt rasch ab; die leicht adstringierende Trockenheit bleibt noch eine ganze Weile erhalten, während retronasal die Blütenaromen, dezent auch die Phenole noch mal zur Geltung kommen. Der hohe Alkoholgehalt von 6,8% ist nicht spürbar – weder geschmacklich noch durch eine leichte Erwärmung im Hals oder Rachen.


Pale Ale (5,4%)

Die Farbe ist kräftig golden, und nur eine ganz leicht opalisierende Trübung ist zu sehen. Der Schaum bildet eine schöne und lange haltbare Schicht und hinterlässt feine Brüsseler Spitzen am Glasrand. Der Duft ist hopfig-kräuterig, der Antrunk spritzig, und auf der Zunge entfaltet sich rasch eine dezente, jedoch deutlich spürbare Bittere, die von fruchtigen Aromen begleitet wird. Ich schmecke ein wenig Orange und etwas Mango, letztere aber nur ganz schwach und vor allem retronasal. Der Abgang ist herb, aber bei weitem nicht so herb, wie ich es bei einem Pale Ale erwartet hätte, und die Bittere klingt rasch und sauber ab. Insgesamt nicht so stark gehopft, wie ich vorher gedacht hätte.


Kieler Weisse (3,7%)

Eine blassgelbe Farbe, eine ganz dezente Trübung und eine schneeweiße, stabile Schaumschicht – das ist die Optik dieses Biers. Der Duft ist säuerlich und erinnert an noch grüne und harte Pflaumen. Der Antrunk ist spritzig, etwas scharf und recht sauer. Die Säure verteilt sich sofort auf der Zunge, macht sich breit und dominiert. Sie bleibt dabei aber sauber, bringt Aromen von unreifem, grünem Obst mit, die zwar deutlich spürbar sind, aber retronasal erstaunlicherweise sehr zurückhaltend bleiben. Der Schluck betont noch einmal die Säure, lässt den Speichel kräftig fließen, und dann klingt das Bier einfach unspektakulär ab.


Helles (5,1%)

Ein schwieriger Stil – ein gutes Helles ist so mild und delikat ausbalanciert, dass auch schon der geringste Braufehler sofort bis ins Produkt durchschlägt. Dieses hier kommt hellgelb daher (passt!), hat eine ganz leichte Trübung (passt eigentlich nicht, weil ein klassisches Helles filtriert ist, das macht aber hier jetzt mal nichts), und hat eine durchschnittlich dicke Schaumschicht (passt), die vielleicht ein bisschen zu schnell wieder zusammenfällt (passt nicht ganz). Der Geruch ist nur dezent (passt), fein malzig (passt) mit einer ganz entfernten Biskuitnote (passt noch). Der Antrunk weich und mild (passt), auf der Zunge wirkt das Bier leicht malzig-süßlich (passt), und bleibt über den Schluck hinweg bis zum Nachgang im Rachen sehr weich (passt). Die feinen retronasalen Malzakzente gefallen gut (passt), lediglich eine etwas seifig-schmierig wirkende Konsistenz bleibt hinten auf der Zunge haften (passt nicht, habe ich aber auch schon bei anderen Bieren deutlich gespürt, die von anderen Bierliebhabern hochgelobt werden [Ayinger Hell zum Beispiel], vielleicht bin ich in diesem Punkt auch nur hypersensibel). Insgesamt ein sehr schöner Durstlöscher.


Summer Ale (4,5%)

Leuchtend gelb strahlt mich das Bier aus dem Glas an; seine solide und gleichmäßige Trübung unterstreicht das Leuchten sogar noch ein bisschen. Darüber eine feiste Schicht weißen Schaums, unendlich lange haltbar scheint sie zu sein, und beim Trinken bleiben dicke Kolbenringe an der Glaswand haften. Der Duft ist ein bisschen kräuterig (Salbei?), ein bisschen fruchtig (Mango und Maracuja?) und ganz, ganz leicht säuerlich (fruchtig-säuerlich, um genau zu sein). Der Antrunk ist frisch, eine ganz feine Säure macht sich auf der Zunge breit, wird aber rasch von einer präsenten, aber nicht zu aufdringlichen Bittere übertönt. Ein bisschen Honigmelone und Stachelbeeren kommen zum Vorschein (vor allem retronasal), und im Rachen bleibt beim und nach dem Schluck eine leichte, durchaus jetzt auch phenolische Herbe, die wiederum von der Fruchtsäure übertönt wird. Ein nettes Wechselspiel, und ein schönes Zischbier für warme Sommernachmittage.


weizen (4,9%)

Hellgelb und trüb leuchtet das Bier einladend in der schon tiefer stehenden Sonne; der schneeweiße Schaum bedeckt in üppiger Fülle die Oberfläche. Die Nase erschnuppert weizentypische Bananennoten, aber im Hintergrund ist noch etwas Grünes, Säuerliches. Stachelbeere vielleicht? Der Antrunk ist sehr spritzig-sprudelig, die Kohlensäure ist nicht eingebunden, sondern sprudelt los wie bei einer Limonade. Bananenaromen machen sich im Mund breit, daneben aber auch phenolische, ein bisschen an Kümmel erinnernde Noten und schließlich auch eine säuerliche Komponente, die ein wenig mit dem Rest kontrastiert. Die Mundfülle ist sehr zurückhaltend; ein klassisches Weißbier käme sämiger, runder und voller daher. Ein dezent adstringierendes Gefühl bleibt nach dem Schluck im Rachen zurück. Bei großer Sommerhitze vielleicht ein schönes Zischbier nach dem Rasenmähen.


lager (5,7%)

Das schwarze Etikett irritiert zunächst und lässt ein dunkles Lager erwarten. Stattdessen: Eine kräftig orange leuchtende Farbe, eine leichte Trübung, ein schöner, weißer und fester Schaum. Dezent kräuterige und ganz leicht an frisches Heu erinnernde Hopfenaromen. Ein weicher Antrunk, der harmonisch in ein malziges und nur gemäßigt hopfiges Mundgefühl übergeht. Ich möchte gleich einen großen Schluck nehmen und auf die bewusste Verkostung verzichten, so schön durchtrinkbar präsentiert sich das Bier. Trotzdem – für einen Moment halte ich mich noch zurück, genieße, wie die weiche Herbe dem Gaumen schmeichelt und sich im Rachen nur kurz aufhält, bevor sie sachte abklingt. Leicht brotige Aromen vom Malz kommen retronasal auf, während die Kräuter- und Heuaromen des Hopfens unauffällig verschwinden. Ein schön ausbalanciertes Bier für den großen Schluck.


Lagerbrand – Dry Hopped Lager (5,1%)

Das Bier hat eine hellgelbe Farbe, und es ist fast klar – der Hefebodensatz sitzt fest in der Flasche und kommt nur heraus, wenn man es durch Schütteln oder Schwenken darauf anlegt. Die Schaumkrone ist schneeweiß, kräftig und stabil. Der feine Duft enthält kräuterige Akzente, ein paar zitronige Noten und ein kleines bisschen grüne Limone. Der Antrunk ist frisch, auf der Zunge machen sich die zitronigen und limonigen Aromen breit, begleitet von einer feinen Herbe, die im Abgang noch ein bisschen deutlicher hervorkommt, ohne dabei zu kräftig zu werden. Ein Bier, das sowohl langsam genossen wie auch mit Schwung gezischt werden kann. Gebraut wurde es als Solidaritätsaktion für Sudden Death Brewing, der Brauerei in der Nähe, in Timmendorfer Strand, deren Produktionsstätte und Lagerbestände durch einen Brand in einer benachbarten Halle durch Ruß und Dreck fast völlig zerstört wurden.


Tonka (7,6%)

Das Bier ist dunkelbraun, fast schwarz, und trüb. Der Schaum darüber ist zwar üppig, aber sehr großblasig und fällt verhältnismäßig rasch zusammen, so dass das Bier bald wie eine Cola aussieht. Der Geruch hat ein paar weinige Noten, die die eigentlich gewünschten Tonka-Aromen völlig überdecken. Der Antrunk ist spritzig wie bei einer Cola, der Mund füllt sich sofort mit Schaum, so dass zunächst gar nicht viel zu schmecken ist. Erst nach einer Weile kommen ganz dezent ein paar Kakao- und Vanillenoten hervor; sie wirken aber blass und unausgewogen. Ein bisschen Säure, ein bisschen nasser Karton und eine kräftige alkoholische Wärme prägen den Abgang. Enttäuschend, zumal dann, wenn ich auf die Zutatenliste schaue. Weder spüre ich eine samtene Textur vom Hafermalz noch ein paar sämige oder brotige Noten vom Roggenmalz. Stattdessen wird alles überdeckt von den säuerlich-weinigen Noten. Vielleicht ist die Flasche, vielleicht der ganze Sud von einer Wildhefe infiziert.


Frühlingsbock (6,5%)

Eine kräftige, hellkupferne Farbe, eine leichte Trübe und ein sehr kremiger, sahniger und unendlich lange haltbarer, ganz leicht beigefarbener Schaum zeichnen dieses Bier auf den ersten Blick aus. Der Geruch ist malzig mit leichten Biskuitnoten und hat eine fast schon kremige Textur. Der Antrunk ist weich, ebenfalls kremig, und auf der Zunge breitet sich eine keksartige Malzigkeit aus, die das Bier sehr vollmundig wirken lässt, ohne dass es gleich mastig wirkt. Rund und voll fließt es über die Zunge und am Gaumen entlang; der Schluck ist anschließend weich und mild und hinterlässt eine sehr dezente Herbe, die von leichter alkoholischer Wärme begleitet wird. Sehr harmonisch.


Stout (7,0%)

Das sehr dunkelbraune und trübe Bier trägt eine üppige, kremige und deutlich beigefarbene Schaumkrone. Der Geruch ist leicht metallisch, leicht röstig, und nach einer kurzen Phase der Erwärmung gesellen sich feine Kaffee- und Mokkaaromen hinzu. Der Antrunk ist überraschend schlank. Auf der Zunge setzen sich Röst- und Kakaoaromen an die Spitze, gefolgt von leicht metallischem Geschmack. Mokka und Kaffee trödeln ein wenig herum, lassen sich dann aber auch irgendwann blicken. Retronasal wird der Alkohol ein kleines bisschen spürbar, aber nur kurz. Der Abgang ist dann wieder schlank und unauffällig, für ein Bier mit immerhin 7,0% Alkohol sogar sehr unauffällig. Erst nach einer ganzen Weile entwickelt sich eine leichte alkoholische Wärme.

Auspacken und Verkostung

Lillebräu GmbH
Max Kühl und Florian Scheske
Eichkamp 9c
24 116 Kiel
Schleswig-Holstein
Deutschland

* Reklame? Es gibt immer wieder Diskussionen, ob die Bewertung von Bieren, die ich kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen habe, Reklame sei. Im Zweifelsfall sollte ein Blogbeitrag daher entsprechend gekennzeichnet werden. Nun denn: Ich habe die zwölf Biere unaufgefordert und kostenlos von der Lillebräu GmbH zugeschickt bekommen, natürlich in der Erwartung, dass ich darüber schreibe und dass dies einen Werbeeffekt haben wird. Ich habe allerdings versucht, mich in meiner Bewertung davon nicht beeinflussen zu lassen. Trotzdem: Reklame!

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