Prost, Genossen!
(Leseprobe)

Reklame?*

Genossenschaftsbrauereien in Deutschland? Viele Jahrzehnte lang war dies ein Auslaufmodell. Wer braucht heutzutage schon Genossenschaften?

Aber mittlerweile werden wieder Genossenschaftsbrauereien gegründet, und existierende rücken in den Fokus, man kümmert sich wieder um die Gemeinschaft, und man ist stolz darauf, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen, ein Produkt zu erzeugen, mit dem sich alle identifizieren.

Ein herzliches Prost also auf alle Genossen, die gemeinsam Bier brauen oder wenigstens als Genossenschaftsmitglieder das Brauen unterstützen. Umgesetzt in einen Text für das Bier-Brevier Unser täglich Bier gib uns heute, für dieses wunderbare Buch, in dem Ihr für jeden Tag des Jahres einen neuen Text, ein Gedicht, einen Aphorismus, eine Parabel oder eine Persiflage zum Thema Bier findet.

Prost, Genossen! Ein Text vom 18. Juli:

unser täglich Bier gib uns heute


Prost, Genossen!

Seit Jahrhunderten treffen sich Männer zum gemeinsamen Bier. Beim Bier wird Politik gemacht, beim Bier wird Handel betrieben, beim Bier werden Sorgen geteilt und beim Bier wird, ja, auch unter harten Männern, Trost gespendet.

Die Männer genießen das Bier, und wenn sie es ausgetrunken haben, haben sie es genossen, und daher bezeichnen sie sich auch gerne so: Genossen. Prost, Genossen!

Nein, nicht wirklich.

Aber es gibt beim Bier trotzdem Genossen. Und zwar Genossen einer Genossenschaftsbrauerei. Ein nur noch selten anzutreffendes Geschäftsmodell, das aber in Rötz in der Oberpfalz nach wie vor lebt.

Früher war Rötz der größte Viehmarkt in der ganzen Region. Jeden Mittwoch wurden hier rund 1000 Stück Vieh verkauft, und man kann sich vorstellen: Jeder erfolgreiche Handel musste natürlich kräftig begossen werden, und Viehhändler können schon ein paar Halbe vertragen. So entstanden entlang der Straße fünfundzwanzig Wirtschaften, in denen Händler ihren Durst stillen konnten. Da war vielleicht was los!

Früher, da hat auch noch jedes Wirtshaus selbst gebraut. Das war damals so. Irgendwann wurde das aber zu umständlich, die Wirtshäuser taten sich stattdessen zusammen und gründeten 1812 eine gemeinsame Brauerei – die Genossenschaftsbrauerei Rötz. Hier wurde fortan zentral gebraut, und die Wirte, die das Bier dann nur noch abzuholen brauchten, konnten sich besser ums Essen und um ihre Gäste kümmern.

Die Anzahl der Wirtshäuser in Rötz ist seit damals deutlich zurückgegangen, aber nach wie vor hat die Brauerei fünfundzwanzig Genossen, die sich einmal pro Jahr in der Genossenschaftsversammlung treffen und über die Geschicke der Brauerei entscheiden. Meistens geht’s dabei ums Geld, wenn wieder einmal ein Teil in der Brauerei kaputt ist und ersetzt oder wenigstens hergerichtet werden muss. Der von der Genossenschaft angestellte Brauer ist es dann, der die undankbare Aufgabe übernehmen muss, den Genossen zu erklären, dass es zwar schön ist, wenn die Genossenschaft ein wenig Geld abwirft, wenn der Bierverkauf läuft und das Bier schmeckt, aber dass man halt schon ab und zu auch ein wenig investieren muss, soll es mit dem Vergnügen des eigenen Biers nicht irgendwann einmal ein Ende haben.

So läuft es in Rötz seit Jahrzehnten, und so läuft es hoffentlich auch noch lange weiter.

Prost, Genossen!


unser täglich Bier gib uns heute


Mehr über dieses wunderbare Buch, aus dem dieser Text stammt, hier und unter den Hashtags #bierbrevier und #unsertaeglichbiergibunsheute in den Social Media.

E.I. und Freunde: Unser täglich Bier gib uns heute
tredition GmbH
Hamburg, 2020
ISBN Paperback: 978-3-347-13125-5
ISBN Hardcover: 978-3-347-13126-2
ISBN E-Book: 978-3-347-13127-9

* Reklame? Es gibt immer wieder Diskussionen, ob die Rezension von Büchern Reklame sei. Im Zweifelsfall sollte ein Blogbeitrag daher entsprechend gekennzeichnet werden. Nun, in diesem Fall ist die Frage leicht zu beantworten:

Reklame? Ja!

3 Kommentare

  1. Leider ist es so, daß die neugegründeten Braugenossenschaften nur imm Ausnahmefall erfolgreich sind. Etwa in Kulmbach, was wohl an der angeschlossenen Gastronomie liegt. Ansonsten werfen sie nach ein paar Jahren das Handtuch, wie in Wächtersbach oder Wolnzach, kommen nie in die Wirtschaftlichkeit (Neudrossenfeld) oder fangen gar nicht erst mit dem Braubetrieb an, wie in Erlangen die Thalermühle. Es liegt wohl auch daran, daß die Begeisterung mit der kühlen Beurteilung der Marktchancen in Konflikt gerät

    • Ja, das ist was dran, Gernot.

      Vermutlich spielt auch eine Rolle, dass Menschen, die sich in Genossenschaften engagieren, sehr optimistisch sind und vielleicht auch mal zu gutgläubig. In der harten kapitalistischen Realität werden diesen Menschen rasch die Grenzen aufgezeigt.

      Andere wiederum mögen eine Genossenschaft zu sehr als Geldanlage sehen und kommen in Konflikt mit anderen Genossenschaftlern, was ebenfalls zum Zerfall führen kann.

      Die Gründe sind vielfältig.

      Ob Genossenschaften aber häufiger scheitern als andere Neugründungen? Ich weiß es nicht.

      Mit bestem Gruß,

      VQ

  2. Ob Genossenschaften als Neugründung öfter scheitern habe ich nicht nachgerechnet, es fällt aber schon auf, daß nach einer anfänglicher Begeisterung man sich auf dem harten Boden der Realität wiederfindet. Und die ist dadurch gekennzeichnet, daß der Markt für neue Biere trotz allen Lippenbekenntnissen mehr oder weniger verstopft ist. Außer man hat wie in Kulmbach ein eigenes Lokal was für Absatz sorgt. Dazu kommt noch das Sprichwort „Viele Köche verderben den Brei“ und die Tatsache, daß man für jeden Handgriff bezahltes Personal braucht, was in einem Familienbetrieb nicht der Fall ist

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