ÜberQuell Brauwerkstätten
Hamburg
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Berlin weit vor Hamburg, Hamburg immer noch deutlich vor München. Was für die Einwohnerzahl der drei größten deutschen Städte gilt, ist gleichermaßen auch richtig, wenn es um die Vielfalt der Bierkultur geht. Berlin ist bunt, abwechslungsreich, kein Trend ist zu exotisch oder albern, als dass er nicht sofort von der jungen Bier- und Brauerszene aufgegriffen werden würde. Hamburg ist weltoffen, aber doch auch hanseatisch-gediegen und wägt ein wenig mehr ab, bevor dann doch gerne auch mal etwas Neues ausprobiert wird, und München… Ach, München… München hat so vieles noch nicht begriffen. Fünfunddreißig Jahre ist mein Studium in München jetzt her, und die Themen, die in der Stadt diskutiert werden, sind nach wie vor die gleichen: Eine zweite S-Bahn-Strecke durch die Stadt und eine Straßenbahn durch den Englischen Garten. Angesichts derer Realisierungszeiträume wirken Verzögerungen bei der Elb-Philharmonie oder dem Flughafen BER doch lächerlich.

Zurück zum Bier, jedoch: Gerade ein paar Wochen ist es her, dass in Hamburg, in schöner Lage direkt am St. Pauli Fischmarkt die ÜberQuell Brauwerkstätten eröffnet haben. Damit wird der Abstand zu Berlin zwar nicht geringer, aber die Szene in Hamburg doch erneut ein wenig bunter.

Die alten Riverkasematten, große Lagerhallen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, massive Ziegelbauten, die schon als Luftschutzkeller, als Edelrestaurant und als Musikklub gedient haben, beherbergen nun eine brandneue Brauerei, und wenn es heißt, sie mache die Szene in Hamburg bunter, dann darf man das durchaus auch wörtlich nehmen.

Wir spazieren von den Fischmarkthallen in Richtung Osten, und schon von weitem sehen wir die drei knallbunten Silos, die nun auf dem Hof der Riverkasematten stehen. Sind es Frischwasserbehälter? Malz-Silos? Große Gär- und Lagertanks? Ich weiß es nicht, aber: Sie fallen auf, stechen ins Auge. Noch vor einem Jahr haben sie hier nicht gestanden!

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von weitem sichtbar: die bunten Tanks

Rechts von den Tanks erstreckt sich ein Biergarten mit einem zentralen Ausschank in der Mitte. Auch hier: Alles farbenfroh. Bonbonfarben, leuchtfarben, quietschbunt. Egal, ob es die Hinweisschilder auf Selbstbedienung sind, die Wegweiser oder die Bierliste – neongelb trifft auf pink, babyblau auf grellorange. Dazwischen viel robustes Grün in Pflanzkübeln auf grobem Kopfsteinpflaster. Gemütliche Hinterhofatmosphäre kommt auf.

Drinnen in den alten Räumen dann robuste Innenarchitektur. Unverputzte Ziegel- und Betonwände, grobe Tische und Bänke, rund um die Theke solide Holz- und Stahlregale wie in einer Werkstatt, und unter der Decke verlaufen die Installationen offen. Industrial Chic.

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Industrial Chic

Wir laufen aus Neugier einmal die ganze Halle entlang, kommen in einen schmalen Verbindungsgang und in einer zweiten Halle wieder heraus. Etwas anders im Stil: Stehtische, ein paar Sitzgelegenheiten entlang der Wände und auf einer Bühne an der Stirnseite, groß und mächtig, den Raum dominierend, das silbrig glänzende Sudwerk. Daneben große Lautsprecherinstallationen. Hier kann man bestimmt wunderbar Party machen.

An der Beschriftung der Zapfhähne wiederholt sich das Farbenspiel von draußen, vom Biergarten. Neongelb, neongrün, pink, knallorange – die Beschriftungen stechen ins Auge. Hier gibt es keine Ausrede, sollte sich eine von den Bedienungen mal verzapfen.

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verzapfen unmöglich!

Wir nehmen an einem der kleineren Tische am Rand des ersten Raums Platz, schauen uns noch einmal um. Auf die altmodisch anmutende weiß-blaue Fliesenwand mit einem Motiv des alten St. Pauli wird über einen Projektor eine bunte Farbanimation gelegt – ein Blickfang, der mich während unseres ganzen Aufenthalts heute faszinieren soll.

So, und was gibt es zu trinken?

Ein paar eigene Biere gibt es schon, die sind allesamt gerade erst frisch eingebraut worden, und daneben einige bekanntere Craftbier-Marken von anderen, „befreundeten“ Brauern.

Wir beginnen mit dem Summer Spring Ale, fruchtig, hopfig und frisch. Gefällt gut und ist mit 4,3% ein idealer Durstlöscher für warme Sommertage, die es auch in Hamburg mal gibt. Das Lieblings Imperial Lager ist dann schon etwas kräftiger mit 6,0%. Weniger fruchtig-spielerisch, als eher geschlossen und schlank. Zwar ebenfalls gut gehopft (sehr schön!), aber mit mehr Tiefe und Eleganz, um es mal metaphorisch auszudrücken. Ist mir ausnehmend sympathisch – davon könnten es gerne auch ein paar Gläser mehr sein!

Jetzt kommt aber erstmal die Pizza. Wir hatten am Nachbartisch die großen Pizzateller schon gesehen und freuen uns auf knusprigen Teig mit aromatischem Belag. Und wir werden nicht enttäuscht. Knallheiß noch, so dass der nette Kellner sich auch beim Servieren die Finger verbrennt, die als Vase dienende Bierflasche auf dem Tisch umwirft und für einen winzigen Moment fast die Contenance verliert. War wohl wirklich ganz frisch aus dem Pizzaofen… Vorsichtig säbeln wir schon große Stücke aus der Pizza, während der Kellner noch den Tisch trockenwischt. Der Käse und das Fett schlagen immer noch frische Blasen; der Teig zerbröselt zwischen unseren Zähnen – so muss Pizzakonsistenz sein. Prima!

Pizza macht zum Glück auch wieder durstig, und so studieren wir noch einmal die Bierkarte, bestellen uns das Palim Palim Pale Ale (nein, keine Flasche Pommes dazu…) und das World White IPA. Ersteres wieder sehr hopfig, fruchtig, leicht harzig, mit 5,3% noch annehmbar leicht und mich persönlich außerordentlich ansprechend, letzteres nicht nur mit dem Wortspiel world white – weltweit glänzend, sondern auch mit feinen Weizenaromen, garniert mit einer ordentlichen Portion … Hopfen!

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das Sudwerk

Hopfen ist das Thema hier in den ÜberQuell Brauwerkstätten. Hopfen im Überfluss, aber nicht im Übermaß. Und vor allem: Frischer, aromatischer Hopfen. Nicht einfach nur Bittere bis zum Abwinken, begleitet von käsefuß-artigen Aromen, weil der ach so teure Hopfen vom Vorjahr auch schnell noch mitverbraut werden sollte, sondern frische Hopfenaromen, fruchtige und harzige, grasige und blumige. Kernig und knackig, aber nie kratzig und rau. Wenn das Niveau der Biere so bleibt: Hut ab, dann wollen wir wohl bei jedem unserer Hamburg-Besuche hier wieder einkehren.

Ein schöner Besuch heute, also. An einem Sonntagnachmittag, in der ruhigen Zeit zwischen Mittagessen und Abend. Ein Publikum, das über alle Altersgrenzen hinweg sich hier wohlfühlt, und mit einem Service, der auch im rustikalen Ambiente in Sekunden den Kindersitz für den Enkel aus den Katakomben hervorgekramt hat, stets aufmerksam war und uns rundum verwöhnt hat.

Guter Start!

Die ÜberQuell Brauwerkstätten, im Juni 2017 von den ehemaligen Mitstreitern des mittlerweile schon zum Kult gewordenen Bierhauses Altes Mädchen, Axel Ohm und Patrick Rüther, eröffnet, ist täglich ab 12:00 Uhr durchgehend geöffnet; kein Ruhetag. Zu erreichen ist es mit der S-Bahn, Haltestelle Reeperbahn oder Landungsbrücken, und ein paar Schritte zu Fuß, oder man kommt stilecht mit der Fähre, die in den Hamburger Nahverkehr integriert ist, legt an den Markthallen an und läuft drei, vier Minuten an der Elbe entlang, bis vor einem die bunten Tanks im Hof auftauchen.

Bilder

ÜberQuell Brauwerkstätten
St. Pauli Fischmarkt 28-32
20 359 Hamburg
Hamburg
Deutschland

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