beereau
Berlin
DEU

Es ist ein unangenehmer Novembertag. Feucht, grau, kühl, und um halb sechs Uhr am Spätnachmittag schon ziemlich dunkel. Lust, durch Berlin zu streifen, hat man da nicht, sondern freut sich über jede Adresse, die nur einen Steinwurf von der nächsten U-Bahn-Station entfernt ist. Zum Beispiel über die Claire-Waldoff-Straße 4, die, wenn man von der U-Bahn aus den richtigen Ausgang nimmt, nur eine knappe Minute an der frischen (grauen, nassen) Luft erfordert.

Draußen hängen noch die Schriftzüge der Berlin Beer Academy und erinnern an die Zeit, als Sylvia Kopp hier ihre Vorträge, Verkostungen, Seminare und Lesungen organisiert hat – Veranstaltungen mit hohem Anspruch. Mittlerweile ist das aber schon ein paar Jahre her, und was einst ein blütenweißer Vortrags- und Seminarraum war, leuchtet nun urig und bunt durch die Scheiben: Eine kleine Bierbar ist in den Räumlichkeiten entstanden: Das beereau von Hendrik Sell.

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schon von außen sieht es gemütlich und einladend aus

Wir schieben die Glastür auf und stehen vor einer beeindruckenden Reihe von Kühlschränken. Eng bestückt und nach Themen beziehungsweise Bierstilen sortiert stehen zahlreiche Flaschen vor uns. Über 200 verschiedene Biere aus aller Welt sollen es sein, verspricht Hendrik, und immer ein ganz, ganz großer Anteil davon aus Berlin oder der unmittelbaren Umgebung. Alle Biere sind ihrem jeweiligen Stil entsprechend gekühlt – die Lagerbiere fast eiskalt, die Ales und Sauerbiere deutlich wärmer. Jeder Kühlschrank zeigt eine andere Temperatur.

Ich stehe vor den Glastüren der Kühlschränke und sinniere vor mich hin. In Gedanken bin ich bereits auf einer Bierreise um die Welt und rechne mir aus, wie viele Wochen ich wohl brauchen würde, um mich hier einmal durchzutrinken.

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gefangen in der Welt der Kühlschränke

„Willst Du den Abend bei den Kühlschränken verbringen?“, begrüßt mich Hendrik. „Schön, dass Du einmal da bist – aber Du darfst auch gerne ganz reinkommen!“, grinst er mich an.

Ich reiße mich los und mache zwei Schritte weiter. Am Rand der kleinen Theke steht ein großer Flachbildschirm und zeigt die Fassbierkarte. Sechs Zapfhähne gibt es hier, von denen immer mindestens vier bestückt sind. Manchmal, nach Veranstaltungen und Verkostungen auch mehr. Heute, was für ein Glück, sind alle sechs belegt.

„Was hast Du denn gegen den ersten Durst?“, frage ich. „A U, von Mahrs aus Bamberg“, schlägt Hendrik vor. „Nee, in Bamberg bin ich übernächste Woche, das trinke ich dann frisch vor Ort“, erwidere ich und schüttle den Kopf.

„Und die Berliner Weisse von Stu Mostów?“ – „Auch nicht – in Breslau war ich vor kurzem erst.“

Hendrik grinst. „Also, an Deine Reisepläne kann ich meine Vorschläge jetzt aber schlecht anpassen… Dann musst Du schon selbst entscheiden!“

Mache ich auch und wähle das Broyhan aus der Gutshofbrauerei „Das Freie“ Rethmar. Ein Gruitbier mit 6,4% Alkohol. Eigentlich ja schon zu stark für „gegen den Durst“. Aber sehr schmackhaft. Feine Kräuter- und Heunoten steigen in die Nase, auf der Zunge ist es weich und rund. Ich glaube, Kamille und Schafgarbe zu riechen und zu schmecken, aber die Zutatenliste spricht von Koriandersamen, Zimtstangen, Veilchenwurzel, Nelken und Galgantwurzel – was immer das Letztere auch ist*. Ein sehr schönes Bier.

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viel Holz, urige Gemütlichkeit

Wir klönen ein wenig über das beereau. „So langsam wächst es in die Richtung, in die ich es haben möchte“, erzählt Hendrik. „Viel Holz, urige Gemütlichkeit, nicht zu hell und zu kühl!“ Immer, wenn er Zeit und Geld übrig habe, beides sei aber immer knapp, würde er ein bisschen weiter bauen. Hier ein bisschen mehr täfeln, dort ein wenig mehr Dekoration. Es gebe noch zu viele weiße Flächen, und auch die Lichter in den Kühlschränken seien noch ein bisschen zu grell. Aber es müsse Schritt für Schritt gehen, nicht alles auf einmal. Viel wichtiger als die Deko sei schließlich die Bierauswahl. „Morgen, spätestens aber am kommenden Montag, kommt die nächste Lieferung, und dann sind die Kühlschränke auch wieder randvoll“, freut er sich.

Ich hatte jetzt nicht gerade das Gefühl, dass es zu wenig Auswahl sei, aber mehr geht natürlich immer.

Ein zweites feines Bier vom Fass: It’s been a While, ein India Pale Ale der Berliner Berg Brauerei. Mit 5,9% Alkohol nicht zu stark, schön fruchtig, aber, dem derzeitigen Trend folgend, eigentlich viel zu trüb. Was ist eigentlich aus den schönen, klassischen, nur leicht opaken India Pale Ales geworden? Warum muss ein Bier heutzutage wie ein Fruchtsaft oder Milchshake aussehen und im Zweifelsfall auch noch eine ähnliche Textur aufweisen? Feine Biere sind das mitunter, aber keine, von denen ich einen halben oder gar einen ganzen Liter trinken könnte – viel zu rasch ermüden sie mich und sättigen eher, als dass sie den Durst löschen…

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Motelbier

Auf der Suche nach etwas ganz anderem finde ich in einem der Kühlschränke ein paar Dosen von Motel – einer kleinen Berliner Brauerei, betrieben von einem US-Amerikaner, einem Kanadier und einem Neuseeländer. Acapulco ist eines der Biere, ein Mexican Lager, bei dem man schmeckt, dass eine ordentliche Portion Mais mit verbraut worden ist, wie mir Hendrik verrät. Ich teste es, und in der Tat: Das 4,6% leichte und fast klare, goldfarbene Bier strömt einen intensiven Maisduft aus und schmeckt auch intensiv nach Mais. Hier wurde Mais also nicht als billiger Stärkelieferant eingesetzt, als Malzsurrogat, sondern als Aroma- und Geschmacksbringer. Sehr ungewöhnlich im Geschmack, aber durchaus sympathisch. Von diesem Bier ginge auch ein großes Glas problemlos.

Ist’s der Mais oder die Uhrzeit? Keine Ahnung, aber ich bekomme Hunger. Sandwiches gibt’s hier, wie eine kleine, fast unleserliche Kreidetafel verrät. „Sandwich mit Pulled Pork, bitteschön“, lautet mein Wunsch, und wenn ich ganz ehrlich bin, sorry Hendrik, aber der Mensch lebt auch von Vorurteilen, dann erwarte ich jetzt unbewusst ein im Sandwichmaker zusammengebratenes, improvisiertes Stück Brot mit etwas Fleisch auf einem Papp- oder Plastikteller. Die Überraschung ist groß, als stattdessen ein großer Porzellanteller mit drei sorgfältig gerösteten Sandwiches mit dickem Pulled-Pork-Belag kommt, neben den Sandwiches liebevoll dekorierter und ausgezeichnet schmeckender Salat. Was für’s Auge, was für die Nase und was für die Zunge. Ganz vorzüglich, und ich entschuldige mich in Gedanken für die bösen, vorurteilsbeladenen Gedanken bei der Bestellung.

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Hmmmh!

Das Savinja Valley IPA von Motel passt hervorragend zu diesem würzigen Essen. Eine Mischung slowenischer Hopfen aus dem Savinja-Tal verleiht dem 7,0%igen Bier fruchtige und heuartige, würzige, kräuterige und ganz leicht harzige Aromen. Alle so wunderbar aufeinander abgestimmt, dass ein herrlich balanciertes Bier dabei herauskommt. Die eher bitteren Elemente passen zum Schweinefleisch, die eher kräuterigen wunderbar zum Salat, und in der Summe stimmt an dieser Kombination jetzt alles. Genuss vom Feinsten.

Zum Abschluss – und dabei muss es heute bleiben, denn ich bin beruflich in Berlin und habe morgen schon sehr früh die ersten Termine – gönne ich mir noch etwas Experimentelles, nämlich eine Flasche Takeshis Keller der Jade Wölfe Brauerei. Ein Kellerbier, gebraut mit Genmaicha, einer japanischen Grünteemischung, die auch geröstete und gepuffte Reiskörner enthält. 4,8% Alkohol sind dezent, ebenso der Grundcharakter des Biers. Die Tee- und Reisnoten geben feine, zurückhaltende, aber ganz eigene und besondere Aromen und Geschmäcker hinzu – eine sehr interessante Kombination. Auch und gerade weil die exotischen Zutaten nur zurückhaltend eingesetzt worden sind.

Zufrieden sitze ich an einem der einfachen Holztische und sinniere noch etwas vor mich hin. Hendrik Sell ist es mit dem beereau gelungen, einen eigenen Stil zu verwirklichen. Weder der moderne Industrial Chic, noch krachlederne Brauhausgemütlichkeit, sondern langsam wachsende und sich einfach von selbst ergebende Dekoration. Manches geplant, manches eher spontan und improvisiert wirkend. Bis hin zu Resten geschmolzener Wachskerzen, die auf den ersten Blick wie impressionistische Kunst, auf den zweiten Blick und je nach Perspektive eher wie ein Wonnespielzeug von Amorelie aussehen. Absicht? Zufall? Hendrik gibt sich bedeckt und ahnungslos…

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Wonnespielzeug?

Ein bisschen versteckt, aber doch eigentlich ganz wunderbar zu erreichen ist das beereau. Eine definitiv erwähnens- und besuchenswerte kleine Craftbierbar in der an Bierbars so reichen Szene Berlins. Eine wunderbare Auswahl, ausgezeichnete Beratung, niedrige Preise, Gemütlichkeit und überraschend feine Sandwiches – jederzeit wieder. Eine große Bierempfehlung!

Die Bierbar beereau ist täglich ab 14:00 Uhr geöffnet, sonntags und montags ist üblicherweise zu (occasionally open, vermerkt die Reklametafel an der Straße draußen). Von der Station Oranienburger Tor der Linie U-6 sind es nur wenige Schritte bis zur Bar, weniger als eine Minute.

* Onkel Google weiß natürlich Rat und klärt mich später auf, das Galgant zu den Ingwergewächsen gehört. Aha!

Bilder

beereau
Claire-Waldoff-Straße 4
10 117 Berlin
Berlin
Deutschland

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