Giesinger Biermanufaktur & Spezialitätenbraugesellschaft mbh
München
DEU

Der Tag der großen Wiedergutmachung?

Nachtrag 16. Februar 2019: Vier Jahre nach unserem ersten Besuch lassen wir es darauf ankommen und geben der Giesinger Biermanufaktur eine neue Chance. Und um es vorwegzunehmen: Sie hat sie genutzt!

Es ist erneut Braukunst Live! in München, und es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass sich die Bierfanatiker in der Giesinger Biermanufaktur zum Weißwurstfrühstück treffen.

Wir treffen um kurz nach zehn morgens ein und haben im ersten Augenblick ein Deja Vu. Alle Tische sind reserviert. Überall stehen Schildchen mit Namen, Personenzahl und Uhrzeit. Aber: Es gibt einen gewaltigen Unterschied zum letzten Mal! Wir haben den Raum noch gar nicht richtig betreten, da schießt eine der Kellnerinnen auf uns zu und fragt uns freundlich, wo wir denn sitzen wollen würden. Die meisten Tische seien erst ab später reserviert; für ein Weißwurstfrühstück hätten wir daher eigentlich die freie Platzwahl, sofern wir bis 13:00 Uhr durch wären.

Na, das hört sich doch hervorragend an, und wir nehmen unter der großen Kreidetafel Platz, auf der die hier gebrauten Biere verzeichnet sind. Aber ach, was heißt verzeichnet? Kunstvoll verkündet, in Schmuckschriften und mit viel Sorgfalt – auf dieser simplen Tafel hat sich jemand verwirklicht, der es versteht, mit einfachem Kreidestift ansprechend zu gestalten. Ein Schmuckstück.

Rasch gesellen sich die ersten anderen Braukunst Live! Besucher zu uns an den Tisch.

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Überbrückungsbier

Die Weißwürste werden frisch heiß gemacht und köcheln nicht schon stundenlang im Heißwasserbottich vor sich hin – das dauert ein wenig, und die Wartezeit überbrücke ich mit einer kleinen Bierprobe. Das Schankbier mit gerade einmal 3,8% Alkohol ist erstaunlich aromatisch, scheint aber auch eine ganz leichte Diacetyl-Note aufzuweisen. Neugierig schnuppern wir. Nach vielen Jahren in Tschechien stört es uns überhaupt nicht, andere am Tisch behaupten, sie hätten eine Wahrnehmungsschwäche für Diacetyl, wieder andere sind neugierig: „Endlich mal ein Bier, an dem wir diesen Geruch studieren können…“

Unzufrieden ist niemand.

Das Münchner Pils (5,7% – ganz schön heftig für ein Pils, eigentlich schon jenseits aller Stilvorgaben…) hat eine ganz schwache metallische Note, die aber gut zu seinem sonstigen Charakter passt. Schön trinkbar, erfrischend, klar, aber – wenn es denn wirklich so viel Alkohol hat – auch ein bisschen gefährlich. Schnell hat man bei großem Sommerdurst seinen Promillepegel höher geschraubt als eigentlich geplant…

Und schließlich das Märzen. Ebenfalls 5,7%, aber hier nicht so maskiert. Das Bier leuchtet kräftig und macht mit seinem intensiven Aroma und dem malzigen Körper von Anfang an klar, das es etwas stärker als die üblichen Trinkbiere ist. Es bleibt aber süffig, wird noch nicht zu mastig, so dass wir uns vorstellen können, auch von diesem Bier ein paar größere Gläser trinken zu können. Zu anderer Uhrzeit, versteht sich, für morgens um halb elf wäre mehr als nur ein Glas dieses Biers vielleicht nicht ganz angebracht.

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mit Andrea Seeger (links) und Andrea Nachtigall (rechts)

Zu den Weißwürsten bestellen wir uns dann aber ganz stilgerecht ein Weißbier. Es leuchtet kräftig, seine gelbe Farbe hat einen leichten, appetitlichen Stich ins orangefarbene. Der Schaum ist stabil, schneeweiß, und sowohl Aroma als auch Geschmack lassen nichts zu wünschen übrig. Würzige und phenolische Aromen paaren sich mit Fruchtnoten und einem vollen Körper, der von der Spritzigkeit gut ausbalanciert wird. 5,5%. Passt! Insbesondere zu den Würsten und Brezeln.

„Wir sollten es dabei belassen und noch einen schönen Spaziergang machen“, sagt der Verstand. „Natürlich, aber erst probieren wir noch das Giesinger Doppel-Alt“, hält das Gefühl dagegen und obsiegt. Das einem Sticke aus Düsseldorf nachempfundene Bier überzeugt ebenfalls. Eine schöne rotbraune Farbe, kräftige Malzaromen, ein bissfester Charakter. Und 7,0% Alkohol – zum Glück ist es nur eine kleine Flasche, und zum Glück probieren wir alle davon, andernfalls würden wir – wie die Weißwürste – das Mittagsläuten nicht mehr hören.

„Jetzt reicht’s aber“, beschließen meine holde Ehefrau und ich und schicken uns an, zu bezahlen und zu gehen. Da haben wir die Rechnung aber ohne die beiden Damen vom Fach gemacht, die uns gegenübersitzen. Andrea Nachtigall und Andrea Seeger bestehen darauf, dass erst noch das Munique verkostet werden muss. Nun gut, setzen wir uns halt wieder hin – eine Kostprobe geht noch. Muss gehen.

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Bier im Erlenmeyerkolben

Zu unserer Überraschung wird es in einem Erlenmeyerkolben serviert – ein netter Gag am Rande, den ich aber aus Budapest von der Brauerei Mad Scientist bereits kenne. Trotzdem witzig. Das Bier selbst gefällt. Ein obergäriges Ale, fruchtig, spielerisch, orangefarben und kräftig gespundet. Ein belgischer Charakter, wenn es denn bei Bieren so etwas geben sollte. 6,6% Alkohol, und damit eigentlich auch kein Frühstücksbier… Der Name ist ein nettes Wortspiel. Unique aus Munich?

Jetzt wird es aber wirklich Zeit, zu gehen. Ein fröhliches Prost noch in die große Runde der Bier-Enthusiasten, und bis nachher in der Halle des MVG-Museums, zum Bierfest.

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ein fröhliches Prost in die Runde der Bier-Enthusiasten

Die Treppe runter, ein schneller Seitenblick in das Sudhaus, in dem sich in den letzten Jahren, so scheint’s, nicht viel verändert hat, und dann hat uns München wieder. Gemütlich schlendern wir durch die überraschend warme Frühlingssonne zurück zu U-Bahn.

Die Giesinger Braumanufaktur hat ihre Chance genutzt, alte Scharten ausgewetzt – es war rundum gut heute. Verdientes Lob!


Und hier die Eindrücke von „damals“:

Das Giesinger Bräu gilt in München als Kult. Aber warum, das hat sich mir bei meinem Besuch am 8. März 2015 nicht nur nicht erschlossen, sondern ich war sogar insgesamt ein wenig enttäuscht. Vielleicht war meine Erwartungshaltung ob der Lobeshymnen im Internet zu hoch? Oder vielleicht wissen die Verfasser dieser Lobgesänge es nicht besser und kennen keine von den richtig guten Gasthausbrauereien? Ich weiß es nicht…

Fakt ist jedenfalls, dass …

Halt, nein! Fakt natürlich nicht. Ganz im Gegenteil, es ist rein subjektives Empfinden und meine persönliche Meinung, sowie die meines holden Eheweibs, was jetzt kommt. So wie immer, hier beim Brunnenbräu-Blog.

Wir betraten das Giesinger Bräu am späten Sonntagvormittag, bei bestem Wetter. Die Sonne strahlte durch die Fenster und ließ das gepflegte und blitzsaubere Edelstahlsudwerk glänzen. Ganz schön groß, für ganz schön viel Bier. Das Herz lachte.

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das schmucke Edelstahlsudwerk

Schnell die Treppe rauf, ins Bräustüberl. Die Hoffnung, sich hier gemütlich hinsetzen und etwas essen zu können, erstarb recht schnell, denn alle, wirklich alle Tische waren reserviert. Klar, am Sonntagmittag, da wird ausgegangen, lecker gegessen und getrunken. Völlig in Ordnung, hätten wir selber wissen können. Stattdessen fanden wir einen Platz an der Theke.

Aber obwohl wir da nun wirklich im Blickfeld des Personals saßen, war der Service doch ein wenig langsam und wenig herzlich. Irgendwie fühlten wir uns, als würden wir bei den Vorbereitungen für all die vielen Reservierungen stören. Schade.

Der Uhrzeit entsprechend entschieden wir uns für Weißwürste und Brezeln (die ausgezeichnet geschmeckt haben), und dazu probierten wir in zwei Flyern zu je 3 x 100 ml alle sechs angebotenen Biere. Prima, dass man so eine Bierprobe bestellen kann; weniger prima, dass eines der sechs Biere in der Probiergröße einen recht knackigen Aufpreis kostet.

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Bier Flyer

Die ersten vier Biere, die Untergiesinger Erhellung, das Giesinger Weizen, Giesinger Märzen und Giesinger Dunkel, waren solide Biere, aber, nun ja, wie soll ich sagen, wirkten auf uns schon ein wenig langweilig, eher uninteressant. Jedenfalls nichts so Besonderes, dass es den Kult und das Gewese, das in München um das Giesinger Bräu gemacht wird, hätten rechtfertigen können. Immerhin: Das Pils (als Saisonbier) und das Sternhagel (ebenfalls als Saisonbier) schmeckten uns beide ausgezeichnet.

Während wir so an der Theke saßen und die Mittagszeit heranrückte, kamen nach und nach die Gäste, die reserviert hatten. Und groß war unsere Überraschung: Am Acht-Personen-Tisch kamen drei Gäste, am Vier-Personen-Tisch zwei, und so fort. Sehr eigenartiges Reservierungsverhalten. Man macht sich breit auf Kosten anderer, und das Personal scheint es so hinzunehmen. Merkwürdig.

Auf jeden Fall nicht geeignet, unsere Begeisterung zu wecken. Zum einen hätten wir uns problemlos noch an einen Tisch bequem dazusetzen können, ohne irgendjemandem den Platz weg zu nehmen, und zum anderen: Wo gibt es denn so was, dass in einem Bräustüberl ein großer Tisch, an dem noch freie Stühle sind, als „besetzt“ gilt? Wie soll denn da anständige Wirtshausstimmung aufkommen?

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das Wetter hätte die Wirtshausstimmung begünstigt

Als es dann auch noch eine Weile dauerte, bis wir uns mit dem Wunsch nach Bezahlung durchsetzen konnten, setzte sich dann doch eine gewisse Unzufriedenheit durch. Insgesamt ganz nett, aber echt nix, was eine Extra-Anreise wert gewesen wäre. Kult? Nee. Dann doch eher Dutzendware.

Oder liegt’s ganz einfach daran, dass München noch keine ordentliche Gasthausbrauereiszene aufweist? Und die Ansprüche daher noch gering sind, Kultstatus leicht errungen wird, ohne Konkurrenz?

Ach, ich weiß nicht, und darum belasse ich es jetzt auch dabei.

Fazit: Grundsolide Biere, aber der Funke sprang nicht über.

Schwamm drüber.

Das Bräustüberl ist täglich ab 11:00 Uhr durchgehend geöffnet, sonntags sogar schon ab 10:00 Uhr für den Frühschoppen. Die Anreise ist mit der U-Bahn (Linie 2) und der Straßenbahn (Linien 15 und 25), jeweils Haltestelle Silberhornstraße, problemlos möglich – es sind nur wenige Schritte zu Fuß.

Bilder

Giesinger Biermanufaktur & Spezialitätenbraugesellschaft mbh
Martin Luther Straße 2
81 539 München
Bayern
Deutschland

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