1. Thurgauer Bierzugfahrt
Frauenfeld – Wil
CHE

Organisierte Bierwanderungen sind in der Schweiz sehr beliebt. Schmale Pfade mit toller Aussicht und herrlicher Natur, und unterwegs stehen immer mal wieder Brauereistände, an denen man spannende Biere degustieren kann.

Dass so etwas auch mit der Eisenbahn statt den Wanderstiefeln geht, zeigt die 1. Thurgauer Bierzugfahrt:

Auf der knapp zwanzig Kilometer langen Frauenfeld-Wil-Bahn verkehren die Züge tagsüber im Halbstundentakt und haben neben den beiden Endstationen drei feste Haltebahnhöfe: Matzingen, Wängi und Münchwilen. Perfekte Voraussetzungen für die Organisatoren: An jedem Bahnhof baut eine Brauerei einen kleinen Ausschank auf, und an den Endbahnhöfen gibt es zusätzlich noch die Möglichkeit, etwas zu essen. Ausgestattet mit einem Tagesticket können die Teilnehmer dann den ganzen Tag hin- und herfahren und die Biere von fünf verschiedenen Brauereien genießen.

das Kombi-Ticket

Pünktlich um elf Uhr stehen wir am 3. September 2022 am Bahnhof in Frauenfeld. Das Hotelzimmer ist bereits bezogen, und so können wir uns unbeschwert auf das Bier konzentrieren. In der Touristeninformation bekommen wir einen kleinen Rucksack mit etwas Marschverpflegung (Mineralwasser, Salzstangen und getrocknete Apfelringe), einem TeKu-Pokal mit dem Wappen der 1. Thurgauer Bierzugfahrt und ein Kombi-Ticket, das sowohl als Tagesticket für die Frauenfeld-Will-Bahn als auch als Zählkarte für die Bierproben dient.

Der Zug fährt pünktlich ab – Kunststück, wir sind ja schließlich in der Schweiz! Zehn Minuten später erreichen wir den ersten Bahnhof: Matzingen. Neben dem kleinen Bahnhofsgebäude wartet die Brauerei Bruder Bier aus Frauenfeld auf uns, und wir haben nun eine halbe Stunde Zeit, die hier angebotenen drei Biere zu verkosten:

  • Sud 120 – Dry Hopped Saison (6,0%)
  • Sud 112 – Mosaic IPA (6,5%
  • Sud 108 – American Amber Ale (5,9%)

Wir setzen uns mit unseren Probiergläsern auf die bereitgestellten Bierbänke und genießen. Alle drei sind stilgetreu gebraute und solide Biere. Ein guter Auftakt, allerdings trinken wir unter dem Eindruck „gleich kommt der nächste Zug“ viel zu schnell und müssen uns selbst etwas mäßigen. Eine halbe Stunde ist allemal genug für drei Bierpröbchen!

Biergenuss in Matzingen

Fünf Minuten sind es nur von Matzingen bis Wängi, wo die Brauerei Brauschüür ihren Stand aufgebaut hat. Ein heftiger Regenschauer zwingt uns (und den Ausschank) unter das Vordach des Gasthauses direkt hinter dem Bahnhof, und so stehen wir dichtgedrängt unter der Markise und degustieren:

  • Kranebärger Kölsch (5,0%)
  • Fläckvieh Amber (4,8%)
  • Wiises Schöfli Weizen (4,8%)

Man merkt, dass die Schweiz nicht in der Europäischen Union ist, denn der Kölner Brauerei Verband hätte der Brauschüür ob des Kölsch schon längst die Hölle heiß gemacht.

Auch hier stilechte und sehr ordentliche Biere, und diesmal nehmen wir uns auch ein bisschen mehr Zeit zum Trinken. So fällt uns dann auch auf, dass im Gegensatz zu den Bierwanderungen andernorts oder den zahlreichen Bierfestivals, die wir schon besucht haben, die Menschen am Ausschank sehr sorgfältig darauf achten, die Biergläser wirklich nur bis zum Eichstrich zu befüllen und auch sofort das entsprechende Feld auf dem Kombi-Ticket abzuknipsen. Merkwürdig. Zwar völlig korrekt, aber dennoch ungewöhnlich, dass nicht großzügig über den Daumen eingeschenkt oder gar bei einem besonders guten Bier noch ein kleiner Nachschlag angeboten wird. Nicht, dass es nicht auch so reichen würde, aber komisch ist es schon, wie präzise der Eichstrich beachtet wird.

Erneut dauert die Bahnfahrt nur fünf Minuten, bis wir in Münchwilen aussteigen. Der Regen hat schon wieder aufgehört, insofern ist es eigentlich Luxus, dass die MÜKON Brauerei ihren kleinen Stand im Holz-Fahrradschuppen aufgebaut hat und somit weitestgehend von Witterungseinflüssen unbeeindruckt ihr Bier ausschenken kann. Der Brauer Beat Müller steht selbst an den drei Zapfhähnen, und das ist auch gut so, denn zwei seiner drei Biere sind stilistisch eher ungewöhnlich. Die Gäste haben Fragen, und Beat steht geduldig Rede und Antwort.

  • Salz-Rosmarin-Honig-Bier
  • WaldBEERe – Weizenbier mit Früchten
  • Prime Time Hell

Beat Müller von der MÜKON Brauerei

Neun Biere haben wir jetzt schon verkostet, und auch wenn es nur kleine Probiermengen sind, spüren wir den Alkohol so langsam. Aber damit sind wir nicht allein – die Stimmung steigt auch unter unseren Mitreisenden. Ein erstes Verkostungsglas geht zu Bruch, und ein anderer armer Tropf stellt fest, dass er sein Ticket an der vorherigen Station hat liegen lassen. Lautes Gejohle, und die ganze Gruppe steigt in den Gegenzug und fährt wieder zurück.

Wir hingegen erreichen nach weiteren fünf Minuten die Endstation Wil. Gegenüber vom Bahnhof befindet sich das Restaurant perron f, und dort auf der Terrasse hat die Barfuss Brauerei ihren kleinen Stand aufgebaut, um die nächsten drei Biere anzubieten:

  • Pale Moon Pale Ale (4,3%)
  • RazzBerry Summer Ale (5,2%)
  • Nord Haus Whiskey Vanilla Porter (6,0%)

Meine holde Ehefrau bestellt sich als erstes das Whiskey-Vanilla-Porter. Höflich erklärt ihr der nette junge Zapfer, dass es doch vielleicht besser wäre, erst die eher milden Biere zu trinken und dann zum Abschluss die Aromenbombe, aber da holt er sich eine freundliche, aber bestimmte Abfuhr: „Nee, nee, ich trinke jetzt drei Mal das Porter. Die Leichtbiere überspringe ich einfach!“ Der junge Mann macht große Augen und füllt ihr Glas achselzuckend mit dem Porter.

Hier im perron f bekommen wir auch einen kleinen Snack, der allerdings nicht ausreicht, unseren durch das Bier angefachten Hunger zu stillen. Wir bestellen also à la carte und machen eine schöne Mittagspause. Lang genug, dass unsere Mitreisenden mit geraumer Verspätung auch wieder auftauchen – das liegengelassene Ticket hat sich gefunden, der arme Tropf strahlt wieder.

Und auch der andere Unglücksrabe ist zufrieden. Mit großen, traurigen Kulleraugen hat er der netten Dame von der Barfuss Brauerei das Schicksal seines Bierglases geschildert, und kurz bevor er ganz in Tränen ausgebrochen wäre, hat sie ihm ein neues geschenkt.

Zufriedenheit allerorten.

Wir machen uns wieder auf die Rückreise. Frisch gestärkt halten wir erneut in Münchwilen und verkosten weiter – auf der Hinfahrt hatten wir uns die Gläser geteilt, so dass wir jetzt noch ein paar freie Felder zum Abknipsen haben.

Auch in Wängi machen wir noch einmal Halt; diesmal genießen wir die Brauschüür-Biere im Trockenen. Da schmecken sie gleich noch mal so gut.

„Jetzt noch Matzingen, und dann zur Endstation“? Leider nicht …

„Jetzt noch Matzingen, und dann zur Endstation“, denken wir uns, haben die Rechnung aber ohne unsere Ehefrauen gemacht. „Wir fahren jetzt durch bis zur Endstation, da gibt’s auch noch genug Bier“, legen sie fest, und so bleiben wir im Zug sitzen, bis wir wieder in Frauenfeld sind.

Hier sind es ein paar Minuten zu Fuß bis zum Brauhaus Frauenfeld, wo wir im etwas schlichten Biergarten die letzten drei Biere verkosten:

  • Pale Ale (4,2%)
  • Honey Brown (6,0%)
  • Hell (4,8%)

Auch hier wird wieder sehr präzise bis zum Eichstrich eingeschenkt, und pünktlich um 18:00 Uhr ist dann auch Zapfenstreich. Wer will, darf sich gerne in den Schankraum setzen und dort à la carte und gegen gutes Geld weitertrinken, aber die 1. Thurgauer Bierzugfahrt ist hiermit beendet.

Schön war’s!

Gemütlich spazieren wir zu unserem Hotel, wo noch die eine oder andere Bierspezialität auf uns wartet. Fünfzehn verschiedene Biere haben wir genossen, viel Spaß mit unseren Mitreisenden gehabt und die Präzision der Schweizer Eisenbahn erlebt, insbesondere, wenn in Wängi auf der einspurigen Strecke die beiden Züge von links und von rechts sekundengenau in den zweispurigen Bahnhof einliefen und synchron auf beiden Seiten des Bahnsteigs zum Halten kamen.

Eine Bierwanderung mit dem Nahverkehrsbähnchen – warum nicht? Es war zwar nicht ganz billig, aber ein großer Spaß!

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