Brauerei Lemke Berlin
Berlin
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In den S-Bahn-Bögen in der Rochstraße, auf direktem Weg zwischen der kleinen Gasthausbrauerei Das Lemke und ihrer großen Schwester, der Biermeisterei by Lemke, ist das Reich der handwerklichen Brauerei Lemke Berlin. Hier wird geschrotet, gemaischt, gekocht, vergoren und abgefüllt. Sebastian „Basti“ Oberwalder, einer der Betriebsleiter und verantwortlich für die verschiedenen Berliner Weisse Sorten der Brauerei, erwartet uns schon und führt uns durch die einzelnen Abschnitte seines Reichs.

Wir dürfen einen Blick in Sudhaus, Lagerkeller und Abfüllkeller werfen und staunen, wie weitläufig die Brauerei in den S-Bahn-Bögen letztendlich angelegt ist. Die Höhe der Bögen ist zwar begrenzt, aber ihre Anzahl bietet dann doch ganz schön viel Platz für eine Regionalbrauerei. Und die Technik fasziniert uns schon – ob es das moderne Edelstahlsudwerk ist oder die gewaltigen Gär- und Lagertanks, bei denen wir uns fragen, wie sie denn in die engen Bögen hineintransportiert worden sind. Auch die zwar alte, aber immer noch zuverlässig funktionierende Flaschenabfüllung, die gemeinsam mit KEG- und Dosenfüller einen separaten Bogen füllt, werden uns von Basti in allen Details erklärt.

das Sudwerk ist in die S-Bahn-Bögen quasi hineingequetscht

„Und dann haben wir noch“, Basti deutet an die Decke des Gewölbes, „eine kleine Rohrleitung. Eine Pipeline, quasi, durch die Würze und Bier von hier direkt unter den S-Bahn-Schienen entlang bis zur Biermeisterei by Lemke gepumpt werden können.“ Wir schauen nach oben und sehen die beiden Leitungen direkt unter der Decke in der Wand verschwinden.

Man würde nämlich aus Sicherheitsgründen die Vergärung der Berliner Weisse mit ihren Milchsäurebakterien und wilden Hefen strikt von den klassischen Bieren mit ober- und untergäriger Hefe trennen, um so einer Kreuzkontamination vorzubeugen, erläutert uns Basti. „Nicht, dass man es nicht auch mit guter Hygiene in den Griff bekäme, aber: Sicher ist sicher!“

Wir staunen und löchern ihn mit Fragen, aber irgendwann ist auch die spannendste Brauereiführung zu Ende.

„Und jetzt verkosten wir mal ein paar von unseren Bieren“, lädt Basti uns ein und öffnet das Tor zu einem weiteren S-Bahn-Bogen. „Hier reifen unsere Biere in den Holzfässern, und hier machen wir auch unsere Verkostungen!“

Uns gehen die Augen über. In bis zu vier Reihen übereinander liegen hier die unterschiedlichsten Holzfässer aus aller Welt, und in ihnen reifen Stouts, Barley Wines und dergleichen und warten darauf, dass sie verkostet, geblendet und abgefüllt werden. Allerfeinste Raritäten entstehen hier.

„Wir fangen mal mit drei verschiedenen Weissen an“, schlägt Basti vor und öffnet die ersten Flaschen.

Es geht los mit der Budike Weisse, einer klassischen Berliner Weisse ohne Frucht- oder sonstige Zusätze. 3,5% Alkohol hat sie, und sie ist nur dezent sauer. Schön ausgewogen, spritzig, perlig, und mit feinen, säuerlichen Birnennoten ist es eine sehr schöne Erfrischung zum Auftakt eines bierigen Tages. Obwohl ich Sauerbieren nur selten etwas abgewinnen kann – die Budike Weisse hat was. In ihrer feinen Balance und mit dem fruchtigen Birnenhauch spricht sie mich durchaus an!

„Womit machen wir weiter? Kirsche oder Himbeere?“ Sebastian schaut uns fragend an. Unentschlossenes Geraune, aber schließlich kristallisiert sich doch eine Mehrheit für die Himbeere raus, und rasch werden ein paar Flaschen geöffnet.

Das leuchtende Hellrot dieses Biers fasziniert. Wir können es kaum erwarten, es zu verkosten, doch zunächst erzählt Basti noch ein wenig von der Herstellung und davon, wie die Brauerei Lemke sich versucht, von den Pseudo-Weissen, die einfach nur mit Himbeersirup versetzt werden, abzusetzen.

Jetzt aber beginnt die Verkostung: Herrliche Fruchtaromen lassen schon vor dem ersten Schluck das Wasser im Mund zusammenlaufen. Dann folgt eine feine, säuerliche und fruchtige Aromenexplosion, die dadurch interessant wird, dass es im Bier keinen Restzucker gibt. Gaukelt der himbeerige Duft eine fruchtige Süße vor, fehlt diese im Schluck dann völlig. Spannend!

Zum Abschluss der Berliner-Weisse-Verkostung gibt es dann noch eine dritte Sorte, die Waldmeisterweisse. „Wundert Euch nicht – die ist gelb und nicht grün. Waldmeister selbst färbt nämlich nicht. Was Ihr sonst so an Waldmeisterbieren bekommt, das ist alles künstlich eingefärbt“, warnt uns Basti vor. Am wunderbaren sensorischen Erlebnis ändert die fehlende Farbe allerdings nichts, und wir genießen die feinen, kräuterigen Aromen des Waldmeisters, eines Krauts, das gar nicht allen Teilnehmern unserer Tour vertraut ist. Waldmeister? Woodruff? Zum Teil muss erst gegoogelt werden, um Verständnis zu erzielen.

Spannend, zu erfahren, dass Waldmeister einiges an Zellulose mit ins Bier bringt und dass die wilden Hefen die Zellulose zum Teil auch vergären können, so dass die Waldmeisterweisse im Gegensatz zu den anderen beiden Weissen trotz gleichen Basisrezepts ein bisschen mehr Alkohol hat: 4,0% statt 3,5%.

„Nehmt mal ein paar Schlucke Wasser, und dann geht’s mit unseren fassgereiften Bieren weiter“, empfiehlt Basti und köpft die erste Flasche.

eine fas(s)zinierende Verkostung

„Wir haben in dieser Serie fünf verschiedene Biere, und alle fünf haben einen lateinischen Namen mit fünf Buchstaben. Dieses hier ist das Cupam, ein im Roggenwhiskeyfass gereiftes Imperial Stout mit 14,0%“, erfahren wir. Die Komplexität der Aromen überwältigt uns. Auf nüchternen Magen – das Frühstück liegt immerhin schon ein paar Stunden zurück – gönnen wir uns nur winzige Schlucke, aber die haben es in sich. Die Whiskey-Aromen, der holzige Hintergrund, die feine Vanille, die Röstaromen, etwas Mokka und Schokolade – je länger wir schnuppern und schmecken, um so mehr Nuancen entdecken wir.

Es folgt das Misce, ein 12,5%iges Barrel Blend, bei dem Imperial Stout aus unterschiedlichen Fässer geblendet, also sorgfältig verschnitten worden ist. Eines der Fässer war mit Laphroaig-Whiskey vorbelegt, insofern findet sich ein deutlicher, aber nicht aufdringlicher, torfiger Rauchgeschmack im Bier wieder, der nicht jedem in vollem Umfang behagt. An der Komplexität des Genusserlebnisses ändert das aber nichts.

Jetzt sind wir schon beim letzten Bier der Verkostung angelangt, dem Vinum – diesmal ist es kein Imperial Stout, sondern ein Barley Wine, der im Roggenwhiskeyfass ausgebaut worden ist. 13,5% Alkohol bringt er ins Spiel und fasziniert mit seinen weinig-runden Aromen – obwohl der „Wine“ ja nur im Namen vorkommt. Aber die fruchtigen Ester der Hefe, das holzige Fundament, die weiche Vanille, die Whiskey-Aromen – alles zusammen erzeugt einen unendlich runden und weichen, in der Tat  weinigen Eindruck. Für mich persönlich das beste Bier der heutigen Verkostung. Mit Abstand!

„So, das war es für heute“, läutet Basti das Ende der Veranstaltung ein. „Ihr habt nur sehr zurückhaltend getrunken, und so sind noch einige ungeöffnete Flaschen übrig geblieben. Wenn Ihr wollt, könnt Ihr Euch noch vor der Tür in den Biergarten setzen und die Flaschen in Ruhe austrinken. Wäre ja schade drum, und bezahlt habt Ihr sie ja auch!“

Das lassen wir uns natürlich nicht zwei Mal sagen und lassen die Verkostung draußen in der Sonne sachte ausklingen. Der eine oder andere vorüberflanierende Passant schaut neidisch, während wir die restlichen wunderbaren Tröpfchen genießen.

Die Brauerei Lemke Berlin ist das Herzstück des kleinen Brauereiimperiums des Oliver Lemke. Montags bis freitags ist hier von 13:00 bis 18:00 Uhr der Rampenverkauf geöffnet; Verkostungen und Brauereibesichtigungen gibt es nach Absprache. Vom Bahnhof Alexanderplatz geht man zur Biermeisterei, und dann den S-Bahn-Gleisen folgend einfach rechts dran vorbei, bis nach zwei Minuten die bunt bemalten Brauereitore ins Auge stechen und signalisieren: „Hier bist Du richtig!“

Bildergalerie

Brauerei Lemke Berlin
Rochstraße 6 a
10 178 Berlin
Berlin
Deutschland

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