Wann hat man schon mal die Gelegenheit, eine Brauerei dieser Größe wirklich zu besichtigen und nicht nur in einem Besucherzentrum weit abseits der eigentlichen Produktion mit ein paar Multimedia-Erlebnissen abgespeist zu werden? Oft gibt’s das nicht. Und bei der Oettinger Brauerei in Braunschweig normalerweise schon gleich gar nicht.
Heute aber schon!
Bei Eiseskälte stehen wir mit einer Gruppe Biersommeliers vor dem Eingang und werden von Brauer Max Meyer empfangen, der uns zunächst mal in den Schalander hochbringt und uns ein Bier vor die Nase stellt. „Tja, keine schöne Zeit, unsere Brauerei zu besuchen“, fängt er an. „Während ich hier nämlich mit Euch durch das Sudhaus laufen werden, findet drüben die Betriebsversammlung statt, bei der bekanntgegeben wird, ob man uns schon zum Ende des Jahres oder doch ‚erst‘ Ende März nächsten Jahres schließen wird.“
Letzte Chance also, um die ehemalige Feldschlößchen-Brauerei, die zunächst 1989 von Holsten übernommen worden war, zusammen mit dieser 2004 in den Besitz von Carlsberg gelangte und 2009 von Oettinger übernommen und umfirmiert worden war, zu besichtigen.
„Lassen wir uns die Laune nicht verderben. Nehmt noch einen Schluck, und dann gehen wir los!“, grinst Max, und auf geht’s.

zwischen den riesigen Sudkesseln
Minuten später turnen wir zwischen den riesigen Sudkesseln hin und her und können uns vorstellen, warum diese Brauerei üblicherweise nicht für Besichtigungen freigegeben ist. Zum einen gibt es nix Hübsches zu sehen. Nur riesige Anlagen, die nicht für’s Auge, sondern für die betriebliche Effizienz gebaut sind. Auf Optik, Styling oder gar Instagrammability hat hier niemand geachtet. Die Brauerei muss funktionieren. Punkt. Und zum anderen sind die Gänge und Treppen schmal, steil, teilweise rutschig. Nix für große Gruppen, und schon gar nicht für Menschen, die aus Neugier überall rumspielen wollen und sich dann möglichst noch die Pfoten an irgendeinem heißen Rohr verbrennen oder sonstigen Unfug anrichten.
Interessant ist es trotzdem. Es geht hin, her, rauf, runter. Wir haben die Orientierung schon längst verloren, Max noch nicht.
Hier noch ein Gang, da noch eine Treppe, und dort noch ein paar Stufen. Plötzlich stehen wir in der Schaltzentrale des gigantischen Lagerkeller. Vor uns, hinter uns, neben uns die unteren Enden der gewaltigen Gär- und Lagertanks.
„Das wäre ja mal was, aus so einem riesigen Tank ein Bier zu zwickeln“, fange ich in Gedanken an zu träumen, und als hätte er meine Gedanken gelesen, geht Max zu seinen Brauerkollegen, holt einen großen Kunststoffpitcher und geht zum nächsten Tank. Geduldig füllt er ihn mit Hefeweizen, das man sonst definitiv nicht zu trinken bekommt, selbst wenn man Oettinger-Fan sein sollte. Oettinger braut nämlich im sogenannten High-Gravity-Verfahren, braut die Biere also mit deutlich höherer Stammwürze ein und verdünnt das fertige, viel zu starke Bier erst unmittelbar vor der Abfüllung auf die beabsichtigte Verkaufsstärke.
Das Hefeweizen, das wir jetzt in unsere Gläser bekommen, hat eine Stammwürze von 14,2% statt der üblichen rund 12%, und es schmeckt dementsprechend kräftig und aromatisch. Bananige und aprikosenartige Fruchtaromen steigen uns schon von weitem in die Nase, und sein voller und runder, fast schon sämiger Körper erinnert uns beinahe schon an einen Weizenbock. Den Oettinger gar nicht im Angebot hat …
Ein tolles Bier. Das beste Oettinger, das ich je hatte.
Wir zwickeln weiter. Es gibt noch das Pils mit kräftigen 14,0% Stammwürze, das aber noch ein bisschen jung ist und deutlich schwefelt, und dann noch das Export mit 13,5% Stammwürze. Letzteres wieder sehr vollmundig, rund und ausgesprochen gut.

selbst zwickeln in der Großbrauerei
Hochzufrieden dackeln wir ein paar Meter weiter in den nächsten Produktionsabschnitt, und hier bekommen wir noch ein zweites Mal das Export, diesmal aber aus dem Abfülltank, soll heißen, es ist schon filtriert und runterverdünnt. So, wie es dann in die Flaschen und Dosen kommen wird. Aber: Knallfrisch! Auch das schmeckt sehr ansprechend, wenn auch im direkten Vergleich zum Bier vorher jetzt vielleicht etwas dünn wirkend. Da wir allerdings sogar selbst zwickeln dürfen, trotzdem ein Extra-Erlebnis.
Hoch zufrieden gehen wir zurück zum Schalander, wo wir unsere Jacken und Rucksäcke geparkt hatten. Ein spannender Einblick, ein paar ganz besondere Biere, die wir verkosten konnten, und ein Brauer, der gemeinsam mit seinen Kollegen alles gezeigt hat, was wir sehen wollten, alle Fragen beantwortet hat, mit uns bis in den letzten Winkel gekrochen ist und sichtlich auch Spaß an der ganzen Aktion hatte.
Danke, Max!
Und danke auch an Iris Eickert, Leiterin der Sektion Nord des Verbands der Diplom Biersommeliers, die die Besichtigung hier organisiert hat.

Abschluss einer eindrucksvollen Brauereibesichtigung
Die Oettinger Brauerei Braunschweig ist nicht für den Publikumsverkehr geöffnet; wie die Pressemitteilungen unmittelbar im Anschluss an unseren Besuch verlautbaren ließen, wird sie zum 31. Dezember 2025 geschlossen. Das Ende für eine seit 154 Jahren bestehende Braustätte.
Oettinger Brauerei
Wolfenbütteler Straße 33
38 102 Braunschweig
Niedersachsen
Deutschland

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