flüssig & kostBar
Uerdingen (DEU)

Ein paar Minuten sind es nur zu Fuß vom Bahnhof Uerdingen zur Fußgängerzone, und nach wenigen weiteren Schritten sehe ich das hübsche alte Haus schon vor mir – eingezwängt zwischen zwei nicht ganz so hübsche Zweckbauten. Eine Handvoll Stufen führt mich zur Glastür, ich drücke sie auf und … stehe unter einem großen Kronleuchter, der an einer hohen und schön verzierten Stuckdecke befestigt ist.

Das ist mal was anderes als der übliche Industrial Chic, der in der Craftbierszene so beliebt und verbreitet ist, denke ich mir und drehe mich langsam einmal um die Achse. Zwei Biergarnituren zum Sitzen, zwei Stühle an einem kleinen Cocktailtisch, ein nett dekoriertes Schaufenster und viele kleine Kunstwerke an den Wänden. Das ist also das Spezialitätengeschäft flüssig & kostBar. Sehr stilvoll das alles!

Aus dem hinteren Raum kommt Michael Otterbein, der diesen kleinen Laden als Zentrum für Verkostungsevents im Herbst 2024 eröffnet hat, und begrüßt mich. „Schau Dich um, ich habe gleich Zeit für Dich“, signalisiert er mir und geht noch mal kurz ans Telefon.

Klar, das lasse ich mir kein zweites Mal sagen und gehe in den hinteren der beiden Räume. Auch hier wieder ein Kronleuchter, linker Hand eine kleine Theke und rechts ein Regal mit Spezialitäten. Nicht nur spannende Biere aus der Region und der Welt, sondern auch einige ungewöhnliche Weine und alkoholfreie Getränke.

Biergenuss mit Stil

„Es ist keine riesengroße Auswahl“, erzählt Michael einen Augenblick später freimütig, „aber darum geht es mir auch nicht. Ich möchte die spannendsten Bierstile hier stehen haben, vertreten von bekannteren aber auch ganz unbekannten Brauereien.“ Er deutet in das Regal. „Da stehen zum Beispiel mit Chimay oder Orval ein paar tolle Trappistenbiere, die die Bierfreaks alle kennen. Aber daneben habe ich eben auch Biere aus winzigen Brauereien hier aus der Region – die Seidenbrauerei zum Beispiel kennen selbst die Krefelder und Uerdinger meistens nicht und sind ganz erstaunt, wenn sie die Biere hier sehen.“ Er lacht. „Dabei ist das tatsächlich eine Krefelder Biermarke!“

Im Nu sind wir ins Gespräch vertieft und fangen an, zu fachsimpeln. Über Biere, Brauereien, Bierfestivals und Bierverkostungen. Es ist wie immer und überall auf der Welt: Beim Bier versteht man sich sofort.

„Apropos Bierverkostungen: Bier auf nüchternen Magen, das geht nicht gut, wollen wir erstmal einen kleinen Spaziergang durch die Stadt machen und eine Kleinigkeit essen?“ Den Vorschlag nehme ich gerne an und lasse mir in den folgenden dreißig Minuten die schönen Ecken Uerdingens und insbesondere die kleinen, kulinarischen Besonderheiten der Stadt zeigen, denn Michael macht nicht nur Tastings, sondern auch kulinarische Stadtführungen, bei denen er mit seinen Gästen in verschiedenen kleinen Spezialitäten- und Gourmet-Lädchen einkehrt, mal hier nascht, mal dort probiert und am Ende – was für ein Zufall! – immer in seiner flüssig & kostBar landet.

So auch heute: Nach kurzem Rundgang und einer kleinen Stärkung im Café landen wir wieder in der Bar, und es ist eigentlich schon Zeit für ein Bier. Irgendwo auf der Welt ist es bestimmt schon vier Uhr!

„Fangen wir doch vorsichtig mit einem Alkoholfreien an“, schlägt Michael vor und kramt eine Dose Vandestreek aus Utrecht aus dem Kühlschrank. „Playground Non-Alcoholic IPA – da musst Du ganz aufmerksam hinschmecken, um zu realisieren, dass das alkoholfrei ist“, sagt er und drückt mir die Dose nebst kleinem Probierglas in die Hand. Und was soll ich sagen: Er hat recht! Intensive Aromen von tropischen Früchten, eine kräftige und angenehme Bittere, eine schön erfrischende Rezens, und erst ganz am Ende, nach dem Schluck, kommen retronasal ganz leicht getreidige Aromen zum Vorschein, die darauf hinweisen, dass dieses Bier alkoholfrei ist. Aber so dezent, dass man bei gedankenlosem Austrinken vielleicht gar nicht darauf achtet! Sehr schön!

„Als nächstes probieren wir was, was meine Kunden nicht kriegen – ich habe mir nämich aus meinem Sommerurlaub in Estland eine Dose Apricrush mitgebracht, ein Bier der Tuletorn Brewing aus Tallinn, das im Glas aussieht wie Aprikosensaft!“ Michael schenkt mit Schwung ein, und er hat recht: Fast schon zähflüssig fließt das Bier ins Glas, entwickelt trotz des Schwungs keinen Schaum und sieht in der Tat aus wie frisch aus einer Saftflasche! Feine Aprikosendüfte, eine zarte, sanft auf der Zungenspitze bizzelnde Säure, eine viskose Textur und ein komplex-fruchtiges Aromenspiel erfreuen, aber irgendwie tritt vor lauter Fruchtflavour und Saftanmutung der Biercharakter völlig in den Hintergrund. Dass da Hopfen und Malz verarbeitet wurden? Muss man wissen – schmecken oder riechen tut man es nicht.

Trotzdem sehr nett!

„Gibt’s denn auch richtiges Bier bei Dir?“, frage ich lachend und nehme einen Gag auf, der sich in fast jeder Verkostungsrunde abspielt, wenn Otto Normalbiertrinker nämlich im Brustton der Überzeugung feststellt, dass das vor ihm stehende Stout, India Pale Ale oder sonstwie von der deutschen Pils-Norm abweichende Bier „doch gar kein richtiges Bier“ sei.

farbenfrohes Angebot

„Klar. Eins von der Scheldebrouwerij aus Belgien. Die Brauerei kennst Du, oder? Die waren ursprünglich mal in den Niederlanden, sind dann aber auf die andere Seite der Grenze gezogen. Im Hop Ruiter finden sich sehr schöne und komplexe Aromen wieder!“ Er gießt uns zwei kleine Verkostungsgläser ein. „Die Krabbe auf dem Kronkorken verweist übrigens auf das Krabbenloch – so wurde die Stadt, in der die Scheldebrouwerij ursprünglich beheimatet war, während des niederländischen Karnevals genannt“, weiß Michael noch zu erzählen, und ich stecke mir den Kronkorken in die Hosentasche, um diese Anekdote nicht zu vergessen.

Das Bier überzeugt mit kräuterigen Aromen, die mich an Salbei denken lassen. Dahinter kommen tropenfruchtige Akzente und ein für belgische Hefe typischer estriger Charakter – ein sehr schön komplex komponiertes Bier, das aber bei aller Komplexität und trotz seines hohen Alkoholgehalts von 8,0% trotzdem hervorragend durchtrinkbar ist.

Ich schiele verstohlen auf die Uhr – irgendwann im Laufe des Nachmittags müsste ich noch einen Zug in Richtung Heimat erwischen. Aber einen kleinen Zeitpuffer habe ich noch. Ich suche mir ein paar Flaschen aus dem Regal und beginne, meinen Rucksack zu füllen. Trotz noch mehrerer hundert vorzüglicher Biere im heimischen Keller scheint mich die Furcht vor einer großen Dürre zu überwältigen …

Ich bezahle meine Beute, und dann kommt Michael noch mit einer kleinen Überraschung um die Ecke: „Ich habe noch eine Flasche Gouden Carolus Christmas da, von der Brouwerij Het Anker in Mechelen. Und dazu schneide ich uns einen feinen niederländischen Gewürz-Honig-Kuchen an!“

Das ist natürlich etwas ganz Feines. Ein echtes Fünf-Sterne-Bier, das mit einem warmen, vollen Malzkörper, einer weichen Textur, feinen Anisaromen und einer gewaltigen Komplexität überzeugt, gepaart mit saftigem, weichem Honigkuchen – ach, was ist das herrlich. In winzigen Schlucken und mit kleinen Bissen genießen wir diese wunderbare Kombination. Des Biertrinkers Glück!

Mit einem vollen Rucksack, einem noch lange anhaltenden Ausklang des Weihnachtsbiers und einem glücklichen Grinsen im Gesicht mache ich mich wieder auf den Weg zum Bahnhof …

flüssig & kostBar ist mittwochs bis freitags von 14:00 bis 18:00 Uhr und sonnabends von 10:00 bis 14:00 Uhr geöffnet. Zu erreichen ist das kleine, schöne Ladengeschäft in wenigen Minuten vom Uerdinger Bahnhof aus – drei Minuten zu Fuß in Richtung Rhein, und dann noch einmal drei Minuten rechts durch die Fußgängerzone.

Bildergalerie

flüssig & kostBar
Niederstraße 39
47 829 Uerdingen
Nordrhein-Westfalen
Deutschland

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