Craft Bier Bar Hannover
Hannover
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Hannover – die langweiligste Großstadt Deutschlands. Noch langweiliger als Bielefeld, und das ist immerhin eine Stadt, deren Existenz von einigen Satirikern gleich völlig geleugnet wird. So heißt es. Aber hakt man detailliert nach, so sind es zum einen das Fehlen eines örtlichen Dialekts und somit die konsequente Nutzung feinsten Hochdeutschs und zum anderen eine gewisse Nüchternheit, die hier zweifelsohne vorherrschen. Beides mag etwas kühl wirken. Aber Langeweile? Ganz gewiss nicht!

Nüchternheit und Sachlichkeit? Ja, allerdings. Definitiv. Und die findet sich auch im Namen der Bier Bar, vor der ich gerade stehe. Wie nennt der Hannoveraner eine Craft Bier Bar? Eben. Genau so. Craft Bier Bar. Wirklich nicht originell. Aber, und auch das gilt es zu würdigen, definitiv nicht irreführend. Keine verkrampft witzigen Wortspiele, keine gezwungene Originalität, keine an den Haaren herbeigezogene Assoziation zu den Worten Hopfen, Malz, Hefe oder Bier oder Verballhornung derselben. Stattdessen: Eine Bar, in der es Craft-Bier gibt.

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niedersächsisches Fachwerk und schöner Sandstein aus dem Weserbergland

Ich stehe also am 29. Dezember 2015 vor dem uralten Gebäude. Das Erdgeschoss ist aus Sandstein aus dem Weserbergland, und die Stockwerke darüber sind schönes, niedersächsisches Fachwerk. Es steht bestimmt unter Denkmalschutz. Auf dem Balken zwischen Erdgeschoss und den Fachwerkstockwerken kann ich im fahlen Laternenlicht eine Inschrift entziffern: „Wir Jungen haben die Aufgabe, neue Wege zu suchen und zu bahnen, und den Mut, sie zu gehen.“ Sie erinnert schmerzlich daran, dass dieses schmucke Fachwerkhäuschen von den Nazi-Schergen als Jugendheim der hannoverschen Ortsgruppe der Hitler-Jugend missbraucht worden ist. Geschichte kann nicht umgeschrieben, nicht ungeschehen gemacht werden, und so ist es gut, dass dieser Sinnspruch erhalten geblieben ist und uns nun, in einer Zeit, in der humanitäre Krisen in der Welt auf ein Wiedererstarken ekelerregender Nazi-gleicher Propaganda treffen, als Mahnung dient, als Mahnung dienen kann.

Der Denkmalschutz ist es wohl auch (oder ist es doch eher die hannoversche Nüchternheit?), der eine bunte, schlimmstenfalls kitschige Leuchtreklame verbietet, lediglich eine kleine Tafel und ein angeschraubtes, unbeleuchtetes Schild laden in die Craft Bier Bar ein.

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der Schwerpunkt liegt auf Bieren aus der Region, aber auch vieles andere ist vertreten

Ich gehe die paar Stufen in das Hochparterre und in die Bar. Vor wenigen Stunden erst ist Ian „Lemmy“ Kilmister von Motörhead kurz nach seinem siebzigsten Geburtstag überraschend gestorben, und irgendwie erwarte ich unterbewusst, dass als Reminiszenz jetzt laute Rockmusik von Motörhead laufen müsste – aber weit gefehlt. Nur leise Musik, gepflegte Atmosphäre. Bin ich jetzt enttäuscht?

Nein. Nicht wirklich. Spätestens nach dem Blick auf die Theke definitiv nicht. 24 + 1 Zapfhähne sind an der Rückwand angebracht. 24 Fassbiere, und einmal bestes Hannoveraner Leitungswasser. Bekannte internationale Brauereien sind vertreten, aber – und das gefällt mir persönlich besonders gut – auch ein paar regionale Biere: Mashsee ist vertreten, die Brauerei von Kolja Gigla und Alexander Herold, gerade „umme Ecke“, Richtung Maschsee. Und Robens Kerkerbräu aus Eldagsen, einem winzigen Örtchen südwestlich von Hannover – Bier von Robert Kathöwer und Jens Hölzel. Aber auch bis Hamburg, zu Fiete Matthies‘ Wildwuchs Brauwerk und zu Simon Siemsglüß‘ Buddelship Brauerei ist es ja nicht weit, deren Biere gelten hier auch noch als regional.

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ein ruhiger Tisch in der Ecke

Ich suche mir einen kleinen Tisch im hinteren Bereich und verkoste zwei ganz besondere Spezialitäten von Robens Kerkerbräu. Zunächst den Eisbock Rudis Delirium. Dunkelbraun steht er im Glas, fast schon viskos wirkte er beim Einschenken. Nur wenig Schaum. Sehr weich, sehr süß, fast schon likörartig schmeckt er, rinnt langsam über die Zunge. Elf Prozent Alkohol hat er, und die spürt man deutlich. Nicht nur die alkoholische Wärme im Mund und am Gaumen, sondern leider auch eine ganz leichte Spritigkeit im Aroma. Aber diese Spritigkeit ist auch das Einzige, was stört. Ansonsten: Ein tolles Bier. Großer Genuss!

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Rudis Delirium

Aber es kommt noch besser. Das zweite Bier von Robert und Jens, das Celebration Stout Barrel Aged (Cognac), ist nahezu perfekt. Zwölf Monate hat es im Cognac-Fass reifen können, und sowohl die Holzaromen vom Fass als auch die Cognac-Noten kommen wunderbar heraus. Auch hier elf Prozent Alkohol, aber hier sind sie besser maskiert als im Eisbock. Die alkoholische Wärme ist zu spüren, ja, aber keine Spritigkeit, sondern angenehme Weinbrand-Aromen, sehr komplex, weich, warm. Ein noch tolleres Bier. Noch größerer Genuss!

Nach diesen zwei großen Biererlebnissen ist es unmöglich, mit einem normalen Trinkbier fortzusetzen – jedes Pale Ale oder gar simple Lager würde verblassen, und so habe ich mir den Besuch hier in der Craft Bier Bar heute selber leichtfertig verkürzt. Schon am frühen Abend trolle ich mich, ziehe weiter – nur noch ein kurzer Blick zurück auf das hübsche Fachwerkhäuschen im Licht der Straßenlaternen.

Die Craft Bier Bar Hannover ist montags bis sonnabends ab 16:30 Uhr geöffnet; sonntags ist Ruhetag. In der Nähe einen Parkplatz zu finden, ist ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen, aber von der U-Bahn-Station Markthalle / Landtag sind es nur drei Minuten zu Fuß.

Nachtrag 21. März 2019: Nach einem Besuch in der Mashsee Brauerei und im Craft Beer Kontor haben wir noch nicht genug und bilden uns unbedingt noch einen Absacker in der Craft Bier Bar Hannover ein. Nun gut, die U-Bahn setzt uns unweit des Ballhofplatzes ab, in wenigen Minuten sind wir rübergelaufen und stehen vor dem Tresen mit der schier endlos langen Reihe von Zapfhähnen.

Etwas richtig Schweres, so wie bei meinem letzten Besuch vor etwas mehr als drei Jahren, ist jetzt nicht drin – dann würde der Tag morgen, immerhin noch ein normaler Arbeitstag, zu schwerfällig beginnen. Alkoholfrei muss es aber auch nicht sein…

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die Auswahl fällt schwer

Neugierig beobachtet der junge Mann hinter der Bar, wie ich geduldig alle Biere abscanne und mich schließlich, nach schier ewiger Wartezeit, für ein Citrus IPA der kroatischen Garden Brewery entscheide. Und für ein großes Glas aus dem Hahn Nummer 25, ein großes, frisches Glas Leitungswasser.

Beides entpuppt sich als gute Wahl. Das IPA mit seinen 7,2% erweist sich als noch nicht so alkoholstark, dass es den Abend jetzt vorzeitig beenden würde, aber als kräftig genug, und zwar sowohl vom Malzkörper wie auch von der hopfigen Fruchtigkeit und Bittere, dass es mich zu fesseln vermag. Ich genieße den Duft, und Schluck für Schluck lasse ich das Bier über die Zunge rinnen.

Und immer dann, wenn ich das Gefühl habe, mich zu sehr an den Geschmack zu gewöhnen, kommt das Hannoveraner Leitungswasser zum Einsatz. Ein kräftiger Schluck spült Zunge und Gaumen frei, so dass der nächste, winzige Schluck Bier erneut sein ganzes Potenzial ausspielen kann.

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Citrus IPA der kroatischen Garden Brewery

Sollte man eigentlich viel öfter machen. Wenn man denn nicht immer so merkwürdig angesehen würde, wenn man ein großes Glas Wasser vor sich stehen hat. Aber was wissen sie denn schon, die Leute, die dann so starren? Gar nichts wissen sie, sonst starrten sie nicht. Oder ist es der Neid? Der Neid, der entsteht, weil sie selbst vielleicht auch gerne ein Glas Wasser zum Bier hätten, dem Gruppenzwang der testosterongeschwängerten Vereinskameraden aber unterliegen und nicht als Weichei gelten wollen? Ach, wer weiß. Meine Gedanken fliegen vor und zurück, und irgendwie ist es mir herzlich egal. Egal, was die anderen denken, und noch egaler, warum sie so denken, wie sie denken. Lass sie starren. Ich setze meinen Wechselgenuss fort. Ein Schluck Wasser, ein Schluck IPA. Und ich bin zufrieden.

Bilder

Craft Bier Bar Hannover
Ballhofstraße 5
30 159 Hannover
Niedersachsen
Deutschland

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