The Office – Craft Beer Pub
Szczecin
POL

„Ich muss noch mal ins Büro“, murmelt der Familienvater und schleicht sich am frühen Abend aus dem Haus. Stunden später erst kehrt er zurück, ungewöhnlich gut gelaunt und völlig stressfrei. „Wo warst Du gewesen?“ heißt es mit leichtem Vorwurf in der Stimme. „Ich? Habe ich Dir doch gesagt, ich war noch mal im Büro!“

The Office, Craft Beer Pub, Szczecin
The Office – Craft Beer Pub

Dieser und ähnliche Dialoge mögen sich in Stettin mittlerweile täglich abspielen, seitdem am 8. März 2016 in der ulica Osiek direkt neben dem Sienna-Markt das Craft Beer Pub The Office eröffnet hat – das Büro.

Der Hausbrauer und Bier-Blogger sowie Vorsitzende des Westpommerschen Regionalverbands der polnischen Hausbrauervereinigung und Organisator des jährlichen Stettiner Hausbrauwettbewerbs Marcin Stefaniak fühlte sich mit all seinen bierigen Aktivitäten wohl immer noch nicht ausreichend ausgelastet und hat gemeinsam mit seinem britischen Freund Keith in bester Lage diese Craftbier Bar eröffnet.

Zwei Wochen nach Eröffnung stehe ich vor der Tür. Schwarz und gelb strahlt das Logo des Pubs in die Dämmerung, ein wahrer Lichtblick in einem Umfeld, das links und rechts eher von Weinlokalen dominiert ist. Ein kleines Gebäude nur, recht schmal, aber durch das große Fenster sieht man schon, wie zweckmäßig es eingerichtet worden ist. Ganz am Ende, an der hinteren Wand, die kleine Theke mit acht Zapfhähnen, dahinter ein großer Kühlschrank mit Flaschenbierspezialitäten, und dazwischen gerade einmal genug Platz, dass der Barmann sich einmal umdrehen kann.

Dafür aber im Gastraum genügend kleine Tische, so dass man sich in Grüppchen zusammensetzen kann. Direkt neben der Theke führt eine schmale und steile Treppe in die Kellerräume, hier stehen Sofas und Sessel, niedrige Couchtische, so dass man sich zum Bier bequem hinfläzen kann.

The Office, Craft Beer Pub, Szczecin
Gemütlichkeit im Keller

Man merkt, dass gerade erst eröffnet worden und eigentlich noch einiges zu tun ist. Es riecht noch ein wenig nach Farbe und Reinigungsmitteln, die Wanddekoration ist noch etwas improvisiert, an der steilen Treppe fehlt noch ein weiteres Geländer, um zu verhindern, dass ein Gast, der alle Biere der Reihe nach mehrmals verkostet hat, vielleicht doch einmal hinterrücks hinunterpurzelt, und vor allem: Es sind noch nicht alle Zapfhähne belegt. Erst mal abwarten, wie groß der Andrang ist, lautet die Devise, also lieber einmal öfter durchrotieren als zu viel parallel angezapft haben, so dass die Reste gegebenenfalls umkippen oder schal werden.

Aber die Sorge nach zu wenig Andrang ist wohl nicht angebracht. Zum einen gibt es in Stettin bisher noch keine reine Craftbier-Bar, das Český Film ist ja trotz seiner guten Bierauswahl eher eine Konzept-Kneipe, und zum anderen sind die angebotenen Biere von bester Qualität. Rasch wird sich das Office einen Namen machen, und immer mehr Stettiner Väter (und Mütter…) werden allabendlich aus dem Haus schleichen: „Schatz, ich muss noch mal ins Büro, Du weißt ja…“

Heute, an einem ganz normalen Dienstagabend, ist es nicht übervoll, aber einige Tische sind besetzt, und an der kleinen Theke knubbelt sich eine Handvoll Bierenthusiasten. Mittendrin Euer Chronist. Tief ins Gespräch vertieft, immer wieder neue Biere verkostend. Vor drei Tagen war er schon mal kurz hier, hatte das Gorgeous Grodzisz der Brauerei Bednary zu dessen Premiere verkostet und den Rauchgeschmack mit einem Sauerbier, dem Kwas Epsilon der Brauerei Pinta hinuntergespült. Ach, so schön es ist, einen Bierstil zu haben, den man gewissermaßen als nationales Kulturerbe betrachten kann, aber wirkliche Freunde werden der Chronist und das leichte Rauchweizen, das Grodziskie, in all seinen Abarten wohl nie…

The Office, Craft Beer Pub, Szczecin
noch werden nicht alle acht Hähne bespielt

Heute aber sieht das Angebot schon wieder ganz anders aus, die Fässer sind durchrotiert, und so beginnt die Sitzung (oder hier an der Theke vielleicht eher Stehung?) mit einem American Wheat mit Myrte, dem Mazal Ader Dagim der Brauerei Golem. Intensiv fruchtig, leicht säuerlich, ein schönes Sommerbier. Es folgt ein knackiges IPA, das Jean-Hop van Damm der Brauerei Hopium, und von der gleichen Brauerei sofort hinterher noch ein fruchtiges und spritziges American Wheat mit Citrus, das Fruiter Hauer. Beide gut. Eher schlecht das Chmielarz der Brauerei Zodiak, ein dumpf und schon alt, oxidiert schmeckendes Pilsner. Gut, dass das folgende Sweet Rye Stout mit Etiopia Kaffee, das 6th Joseph Street der Pracownia Piwa, einen hervorragenden und vor allem kräftigen Geschmack hat und die dumpfen Noten rasch von der Zunge spült.

Eine gute und vielseitige Auswahl, aber bevor sich der Chronist zum Gehen wenden kann, muss er noch zwei Flaschenbiere verkosten. Links und rechts eingekeilt, alle Fluchtwege verstellt. „Leute, ich bin müde, ich schmecke doch sowieso nichts mehr!“ Aber nein, keine Ausrede zählt. Also gut, das Blame Canada, ein Foreign Extra Stout mit Eichenchips und Ahornsirup gebraut, von Birbant & Przyjaciele. Ich bin ein wenig enttäuscht. Schmeckt zwar lecker, aber weder die Eichenchips noch der Ahornsirup kommen so richtig zur Geltung. Bin ich vielleicht doch schon zu müde, die Geschmacks- und Geruchsnerven überstrapaziert?

Eine letzte Flasche wird noch geöffnet, das Porter Warmiński, ein unfiltriertes Baltisches Porter der Brauerei Kormoran aus Olsztyn. 21° Stammwürze. Das Bier hat schon mehrere Preise eingeheimst. Zögernd probiere ich einen Schluck. Werde ich denn noch in der Lage sein, seine wahre Größe zu erkennen? Oh, ja! Ein gewaltiges Bier. Nahezu perfekt. Aber, liebe Leute, ist es nicht ein bisschen schade, dieses Bier jetzt so als letztes einer Verkostungsorgie zu öffnen und zu trinken? Hätte dieses Bier es denn nicht verdient gehabt, ganz alleine einen Abend daheim auf dem Sofa, bei bewusster Verkostung in entspannter Atmosphäre gestalten zu dürfen? Oh, doch, das hätte es.

Ich nehme mir also fest vor: Nächstes Mal nehme ich eine Flasche dieses Biers, aber sie wird behutsam nachhause transportiert, sorgfältig im Kühlschrank eingelagert und nur bei einer entsprechenden Gelegenheit ganz bewusst getrunken. Versprochen!

The Office – Craft Beer Pub ist dienstags bis sonnabends ab 16:00 Uhr, sonntags schon ab 14:00 Uhr geöffnet; montags ist Ruhetag. Zu erreichen ist das Pub völlig problemlos, bis zur zentralen Bus- und Straßenbahnhaltestelle Wyszyńskiego mit den Straßenbahnlinien 2, 3, 7, 8 und 12 sowie zahlreichen Buslinien sind es höchstens drei Minuten zu Fuß.

The Office, Craft Beer Pub, Szczecin
Wegweiser durch das Büro

Nachtrag 18. März 2017: Ein Jahr ist vergangen, The Office hat sich etabliert. Mittlerweile haben die Eigner Zeit gefunden, die Einrichtung zu vervollständigen. Ein großes Wandbild zeigt in hartem Schwarz-Weiß, Steam Punk artig, aber übersimplifizierend den Brauprozess, und auf die Tür zum kleinen Vorratsraum sind ein paar humorige Wegweiser gemalt – zu befreundeten Brauereien, aber auch zum Klo, zu den Sitzmöglichkeiten im Keller und zur Theke. Als ob letzteres nötig wäre…

Es ist inzwischen auch keine Frage mehr, ob alle acht Zapfhähne belegt werden sollen oder nicht – natürlich werden sie. Und ich werde Zeuge, wie ein KEG leer wird und man sich beeilt, rasch ein anderes anzustechen, die Holzplanke für den entsprechenden Zapfhahn neu zu beschriften, und kaum war man damit fertig, standen schon die ersten ungeduldig an der Theke und verlangten nach einer Kostprobe des neuen Biers. Es läuft also!

Ich konzentriere mich heute auf die Biere der neuen Brauerei Rockmill. Andrzej Miler und Łukasz Rokicki (aus ihren Nachnamen dann der Brauereiname abgeleitet) haben sich als Wanderbrauer in der Bytów Browar Kaszubski eingemietet. Wobei – der Begriff Wanderbrauer trifft es nicht ganz, denn das Mietverhältnis ist auf Dauer angelegt. Drei große Gär- und Lagertanks haben Andrzej und Łukasz dort fest angemietet und brauen nun nach Leibeskräften drauf los.

The Office, Craft Beer Pub, Szczecin
Rockmill

Ich beginne mit dem Play for me, einem American Ale mit 5,0% Alkohol. Schön hopfig, aber nicht zu übertrieben, nicht zu kräftiger Malzkörper – ein Bier mit einer hohen Drinkability. Schön gegen den ersten Durst des Abends.

Es folgt das Juicy Delight, ein American India Pale Ale. Auch hopfig, aber deutlich kräftiger als das vorherige Bier – 6,5%. Gut, dass es gleichzeitig einen ausgeprägten Malzkörper aufweist, andernfalls würde die Bittere des Hopfens das Bier untrinkbar machen. So aber: Ganz ausgezeichnet. Kein Bier gegen den Durst, sondern eines zum langsam Verkosten, aber sehr gut!

Und schließlich – als letztes Rockmill-Bier heute – das Mystery, ein Coffee Black India Pale Ale. Mit 7,0% das stärkste Bier im Bunde. Ein feines Kaffee-Aroma lockt die Nase, die tiefschwarze Farbe fasziniert. Im Geschmack trocken, bitter, röstig, aber neben der Röstigkeit auch ein paar interessante Hopfenaromen. Ein spannendes Bier, das einen guten Teil dieser Spannung aus dem Gegensatz der Röstigkeit und den fast schon fruchtig wirkenden Hopfenelementen bezieht. Gelungen!

Und so geht es weiter – die Liste ist noch lang, der Abend ebenfalls. Und während die Konzentration nachlässt, die genaue Analyse des jeweiligen Biers in den Hintergrund tritt, wird das Gespräch mit den anderen wichtiger. Man trifft alte und neue Freunde, und im Nu stellt man fest: Ich habe heute einmal wieder viel zu lange im Büro gesessen…

Bilder

The Office – Craft Beer Pub
ulica Osiek 10
70-535 Szczecin
Polen

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