Braugasthaus Altes Mädchen
Hamburg
DEU

Hamburg blickt auf eine jahrhundertealte Brautradition zurück und galt in der Zeit der Hanse als eine der bedeutendsten Bierstädte der Welt. Nach dem Zerfall der Hanse ging die Produktion signifikant zurück, nur um gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts zu erneuter Blüte aufzusteigen.

Die zwei Weltkriege beschädigten Hamburgs Rolle als Bierstadt jedoch nachhaltig; die Nachkriegszeit sieht nur noch einige wenige Großbrauereien in Hamburg. Eine davon ist die Elbschloss-Brauerei, die mit ihrem Ratsherrn-Bier ab 1951 eine bekannte Marke im Portfolio hat. Aber auch deren Tage sind nach der Stilllegung der Elbschloss-Brauerei 1995 gezählt – das Ratsherrn Pilsener mit seinem markanten Etikett, das der Kopf eines Ratsherrn mit seiner dicken, weißen Halskrause ziert, verschwindet. Die Marke Ratsherrn wird durch den Getränkegroßhändler Oliver Nordmann und seine Nordmann Unternehmensgruppe gekauft, und dieser gründet 2012 die Kleinbrauerei Ratsherrn und nur wenige Monate später zusammen mit einem weiteren Gesellschafter am 4. März 2013 das Braugasthaus Altes Mädchen.

Während sich die Ratsherrn-Kleinbrauerei auf solide, aber zunächst noch nicht sehr exotische Biere konzentriert und diese in der Region vermarktet, bietet das Alte Mädchen mehr als nur einen Ausschank eben dieser Biere. Man versteht sich vielmehr als ein gehobenes Bierlokal, in dem es zahlreiche, für ihren jeweiligen Stil prägende Biere von Kleinbrauereien aus der ganzen Welt gibt. Neben den Ratsherrn-Bieren gibt es noch eine Handvoll weitere Biersorten vom Fass, darunter auch das FritzAle IPA aus Bonn / Siegburg, und die im Umfang einem kleinen Notizbuch entsprechende Bierkarte verzeichnet um die fünfzig Spezialbiere. Zu jedem dieser Biere findet sich eine kurze Beschreibung seiner Charakteristika, und bei Bedarf wissen die gut geschulten Bedienungen zu den meisten Bieren auch noch mehr zu erzählen – man legt Wert auf gute Beratung.

MiniaturAbgesehen vom Fassbier bekommt man die Biere mit einem Verkostungsglas, dem Teku-Pokal der Firma Rastal, serviert, so dass man in kleinen Portionen mit allen Sinnen genießen kann.

Der große Saal in den historischen Hallen des alten Schlachthofes ist geschmackvoll eingerichtet. Dominiert wird er von der Theke in der Mitte; rundherum gruppieren sich Sitzgruppen und Tische, in einer Ecke findet sich ein großer, offener Kamin, und während auf der einen Stirnseite für die Gäste gut einsehbar gebacken und gekocht wird, befindet sich auf der anderen Stirnseite, ebenfalls gut einsehbar und mit „Schaufenstern“ versehen, der große Kühlraum, in dem die Biere einladend präsentiert und sauber aufgereiht stehen.

In dieser Form als Craft-Bier-Lokal ist das Alte Mädchen in Deutschland wohl noch einzigartig. Einerseits die soliden Biere der Ratsherrn-Brauerei – vom blumigen, etwas grasig duftenden und milden Pils über das süßlich-herbe Zwickel und das aromatische Rotbier bis zum hopfenbetonten und gleichzeitig estrig-fruchtigen Pale Ale reicht hier mit Stand vom 30. März 2013 die Palette. Und andererseits die Vielfalt internationaler und nationaler Spezialbiere – FritzAle, Camba Bavaria, Brewers Union, Crew Ale, Maisel & Friends, Flying Dog, Westmalle, Rochefort, Chimay, Black Isle, Aarhus Bryghus, Firestone Walker, BrewDog, Sierra Nevada und noch viele Spezialitäten mehr. Hier sollte eigentlich jeder Bierliebhaber auf seine Kosten kommen können!

Nachtrag 6. Juli 2013: Nachdem der Überschwang der ersten Begeisterung abgeklungen ist, sollte ich nach einem erneuten Besuch hier vielleicht wenigstens ein paar Worte über das schon sehr hohe Preisniveau verlieren. Zwar sind die Bierpreise der Exklusivität des Angebots gerade noch angemessen, die Preise für das Essen sind aber zu saftig. Sehr schade.

Nachtrag 11. Juli 2014: Man scheint angesichts des stets gefüllten Lokals ein wenig überheblich zu werden. Ich habe mich heute veranlasst gefühlt, folgenden Kommentar an die Facebook-Pinwand des Alten Mädchens zu heften: Sitze im Alten Mädchen / Biergarten und bin unzufrieden ob Eurer Arroganz. Wenn ich bei Selbstbedienung schon jedesmal sofort zahlen muss, ist es blöd, wenn gleichzeitig die Untergrenze für Kartenzahlung auf 15.- Euro gesetzt wird. Fünf mal zwölf Euro für fünf Runden kämen theoretisch sonst locker zusammen. Heute aber definitiv nicht. Vor allem nicht, wenn ich mich vom Kassierer mit „ist eben so” abspeisen lassen muss. Dickes Minus!

Hinzu kommt, dass beim Zapfen mit dem Bier heute leider sehr rumgepantscht wurde. Das Ratsherrn Weißbier schäumt sehr stark, und der Schaum ist lange haltbar. Anstatt dann eben etwas geduldig zu sein und den Gast darauf hinzuweisen, dass es beim Weißbier wegen des Schaums etwas länger dauern könnte, füllt man mehrere Gläser halb voll, gießt sie hin und her, gießt Schaum ab, zapft nach, gießt erneut hin und her. Im Resultat ist das Bier trotz großer Schaumkrone schal und – bei dem heutigen Wetter – auch schon zu warm. Das ist Bierpflege, die ich definitiv als zum eigenen Anspruch dieses Braugasthauses nicht passend empfinde.

Bin schwer enttäuscht und habe keine große Lust, rasch wieder kommen, zumal die Bierszene in Hamburg jetzt langsam auch mit anderen guten Lokalen nachzieht.

Nachtrag 2. Januar 2015: Einem besonderen Anlass folgend, kehrte ich heute doch wieder im Alten Mädchen ein. Trotz überfülltem Lokal einen Platz am Kamin ergattert; hervorragende Biere genossen; sehr gute Beratung und Bedienung; eine Kleinigkeit zum Essen. Im Gegensatz zum vergangenen Sommer ein tolles Biererlebnis mit Maisels & Friends Chocolate Bock, Ratsherrn IPA, Brewers & Union Sunday IPA; Ratsherrn Quadrupel und Bierfabrik Berlin Eisbock vom Pale Ale (letzterer mit 18% Alkohol). Der Schreck kam erst, als uns die Rechnung präsentiert wurde…

Nachtrag 6. Juni 2015: Es ist wieder Biergartenzeit. Der Biergarten brummt, es ist Summer Ale im Ausschank, selbst im Außenbereich sind nur einige Sitzplätze frei. Und mit jeder Minute werden es weniger. Hamburg, Du hast es heute gut.

Das Alte Mädchen ist täglich ab 12:00 Uhr durchgehend bis weit in die Nacht geöffnet; sonntags zum Frühschoppen sogar schon ab 10:00 Uhr. Zu erreichen ist es problemlos mit U- oder S-Bahn; vom Bahnhof Sternschanze sind es nur wenige Meter Luftlinie. Auto empfiehlt sich nicht; im Schanzenviertel sind die Parkplätze knapp. Oder man nimmt das kostenpflichtige Parkhaus am Congresscentrum, läuft dann aber auch noch ein Stück zu Fuß.

Bilder

Braugasthaus Altes Mädchen
Lagerstraße 28b
20 357 Hamburg
Hamburg
Deutschland

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