Bierreise
Tessin 2022

Da kam doch Anfang Januar 2022 eine eMail von der Schweizer Sektion der Biersommeliers, ob ich Lust hätte, an einer Bierreise ins Tessin am Wochenende der kommenden Auffahrt (so heißt Himmelfahrt in der Schweiz) teilzunehmen. Na, was war das für eine Frage?

Lust ist bei mir selbstverständlich immer vorhanden, es galt nur noch (und das gelang in Windeseile), den Brückentag freizunehmen und die Details mit Rolf Burkhard und Martina Trottmann abzusprechen.

26. Mai 2022

Bildergalerie: Der erste Tag

Bildergalerie: Die Biere des ersten Tages

Der 26. Mai 2022 – Auffahrt! – sieht uns also in gespannter Erwartung in Mendrisio auf der Hotelterrasse sitzen und ob fehlender persönlicher Kenntnis rätseln: „Gehört der da vorne zu der Bierreisegruppe?“ – „Ist die da hinten vielleicht eine Biersommelière?“ Aber wir finden dann ruckzuck zusammen, trinken aus der Hotelbar gefühlt die ganzen Vorräte des 5,2%igen Single Hop Pale Ale der Brasserie Valaisanne (mit Bravo gehopft und ein wenig eindimensional) und verteilen uns dann auf ein paar Autos, die uns wenige Kilometer die Hügel hinauffahren, und zwar … in ein Weingut!

Weinprobe in Davide Cadenazzis Weingut

Davide Cadenazzi baut hier ein paar interessante und für das Tessin durchaus noch ungewöhnliche Rebsorten an und experimentiert mit biologischem Anbau für die Artenvielfalt in seinen Weinbergen. Vorsichtig taste ich mich im herrlichen Sonnenschein im Weinberg an meine erste Weinverkostung seit Jahrzehnten heran, halte nicht nur mein Lästermaul, sondern auch den Lästereien stand, und freue mich, dass es meiner holden Ehefrau ganz hervorragend schmeckt. Interessant ist’s ja schon, aber ich gebe zu, dass mir der Ziegen- und Bergkäse, das getrocknete Ziegenfleisch und das frischgebackene Brot dann doch etwas mehr zusagen als die Weiß- und Rosé-Weine.

Nach den ersten drei Weinen zeigt uns Davide seinen Lagerkeller, und groß ist die Überraschung, als Rolf Burkhard ein paar Kartons mit TeKu-Gläsern und Bierdosen hervorzaubert. In der Brauerei 50&50 ist er gewesen, gerade auf der anderen Seite der Grenze im italienischen Varese, und hat von dort ein Italian Grape Ale und ein ungewöhnliches Saison mitgebracht.

Bierprobe im Weinkeller

So stehen wir mit anderthalb Dutzend Bierliebhabern im Weinkeller, lassen uns hervorragende Wurst- und Schinkenspezialitäten schmecken und verkosten dazu zwei hochinteressante Biere!

Bier Nummer 1, das „Graziella“, ein 6,5%iges Italian Grape Lager, hat eine leicht animalische und ledrige Nase, dann aber einen interessanten, schön balancierten Geschmack, der die Noten des Weins mit denen eines klassischen Lagerbiers harmonisch miteinander verknüpft. Bier Nummer 2 hingegen, das „L’Encompetant“, ist ein 3,5%iges Atypical Belgian Saison, wie die Dose verspricht. Eine feine phenolische Note von der Saison-Hefe paart sich mit würzigen Aromen, die sich, je wärmer das Bier im Glas wird, um so mehr in Richtung Zimt und Muskatnuss entwickeln. Sehr schön. Und höchst durchtrinkbar – trotz dieser würzigen Aromenkomplexität.

Rotwein, Grappa und Schlemmereien

Nach diesem bierigen Zwischenspiel geht es nun aber in den Gastraum der Azienda Agricola e Vitivinicola, wo wir mit vier verschiedenen, teils sehr komplexen und eindrucksvollen Rotweinen, ein paar Grappas und gewaltigen Fleischplatten bis tief in die Nacht verwöhnt werden.

27. Mai 2022

Bildergalerie: Der zweite Tag

Bildergalerie: Die Biere des zweiten Tages

Mit einem Kleinbus fahren wir nach dem Frühstück nach Bioggio in die Birrificio San Martino in Bioggio, die auch als Birrificio Ticinese bekannt ist. Vor vielen Jahren war ich mit meiner holden Ehefrau schon einmal hier zu Gast, aber viel hat sich seitdem verändert: Seinerzeit residierte die Brauerei noch in einer Halle im Gewerbegebiet von Stabio, ist danach in die Insolvenz gegangen, wurde von der großen Brauerei Schützengarten aufgekauft, nach Bioggio umgezogen und mit einem neuen Sudwerk ausgestattet. Was geblieben ist? Die Philosophie, ein paar recht durchtrinkbare Biere im Standardportfolio zu vermarkten und daneben das Label „Bad Attitude“ für exotischere, fordernde Biere zu nutzen.

Wir verteilen uns in der großen Produktionshalle, erkunden die letzten Winkel des Sudhauses, schauen bei der Flaschenabfüllung zu, wundern uns, dass es zur Zeit eine Etikettenknappheit gibt und die frisch abgefüllten Flaschen zunächst ohne Etiketten palettiert werden müssen, und fragen den anwesenden Mitarbeitern Löcher in den Bauch. So erfahren wir auch von der Flaschenknappheit. Statt großer Paletten billiger Flaschen aus der Ukraine gibt es nur noch kleine Paletten teurerer Flaschen aus Slowenien, das Handling wird schwieriger, die Lieferungen unregelmäßiger, und überhaupt: Es ist für kleine Brauereien gerade eine ganz schön schwere Zeit.

in der Birrificio San Martino

Den Bieren merkt man dies zum Glück nicht an, und wir verkosten uns durch das ganze Angebot:

  • La Helles – Pale Ale (Fass) 5,2%
  • maroni – birra alle castagne (Fass) 5,8%
  • La Bella – Witbier con erbe ticinese (Flasche) 5,5%
  • La Nostra – naturale della casa (Flasche) 5,2%
  • Bad Attitude – Kurt – American Pale Ale (Flasche) 4,5%
  • Bad Attitude – Hobo – White India Pale Ale (Flasche) 6,3%
  • La Rossa – Amber Ale (Fass) 6,7%
  • Bad Attitude – Dude – India Pale Ale (Flasche) 7,1%
  • La Bella – Witbier con erbe ticinese (frische Flasche direkt vom Abfüller) 5,5%

Wir legen eine ganz schöne Schlagzahl hin und sind innerlich hin- und hergerissen vor dem Ehrgeiz, alle Biere verkosten zu wollen, und dem Anspruch, dies auch in der gebührenden Ruhe und Konzentration zu tun. Und dann wollen wir uns ja auch noch unterhalten, uns gegenseitig näher kennenlernen und Spaß haben …

Dass man gut und gerne noch einen Ticken drauf legen kann, dann beweisen uns nach einem kurzen Transfer die Jungs im Offcina della Birra. Einst als Birrificio di Bioggio bekannt, hat sich diese Gasthausbrauerei zu einem beeindruckenden Craftbierzentrum entwickelt. Restaurantbetrieb und Brauerei sind wirtschaftlich voneinander getrennt worden, die alte (kleine) Brauerei wurde durch eine neue und viel größere ersetzt (die alte steht als Dekorationsstück so, dass sie vom Restaurant aus durch die großen Glaswände gesehen wird), viele neue (und größere) Lagertanks sind hinzugekommen, und in einem exklusiven Bottleshop werden die hier gebrauten Biere standesgemäß angeboten.

Wir betreten den Bottleshop, und uns fällt die Kinnlade herunter. Eine beeindruckende Deko, ein herzlicher Empfang durch Eric Notari, den Brauer und Gründer, seinen Sohn Lucio Notari und den Biersommelier Davide Manara, und – als wir um die Ecke biegen – ein Wurst- und Käsebüffet, das den Begriff Apéro, mit dem in der Schweiz ein paar Getränke mit ein paar Häppchen bezeichnet werden, ins Extrem dehnt. Wenn das ein Apéro sein soll, dann möchte ich nicht wissen, wie hier ein richtiges Essen aussieht …

Davide drückt jedem eine Flasche Bier in die Hand. Gerne zum direkt aus der Flasche trinken, um den ersten Durst zu stillen. Auf Wunsch allerdings auch mit Glas: Animals Pivo – 32 Swiss Hockey Beer, 4,6%. Ein Lagerbier im tschechischen Stil, benannt nach einem Eishockeyteam, und gedacht zum schnellen Wegexen.

Schnelles Wegexen ist allerdings auch zweckmäßig, denn unsere Gastgeber drängen schon: Auf geht’s, ins Sudhaus! Presto!

Wir stehen zwischen Lagertanks und Sudwerk. Sehr viel hat sich seit meinem Besuch vor neun Jahren hier verändert, und wir erfahren, dass sich auch weiterhin viel verändern wird. Mehr Tanks, mehr Biere, noch mehr Pläne. Eric und Lucio, die uns alles bis ins Detail zeigen und erklären, sprühen vor Ideen und dazugehöriger Energie. Hier herrscht – Pandemie, Ukrainekrieg, Wirtschaftskrise hin oder her – eine tolle Aufbruchsstimmung.

Während wir noch mit großen Augen umherschauen, wird ein großer Pitcher aus dem Lagertank gezapft: „Das ist unser ‚Good Wolf‘. Eigentlich noch viel zu grün, um es zu zwickeln, aber Ihr wisst das wohl einzuordnen, oder?“ Nickend trinken wir das Jungbier, das noch fast wie Bierwürze schmeckt.

Und noch ein zweites gezwickeltes Bier wird schnell hinterhergeschoben, das Lisbeth, ein India Pale Ale. Schon deutlich reifer und damit auch schon viel schmackhafter und bierähnlicher.

Nach diesem recht furiosen Auftakt geht es wieder zurück in den Schankraum, zum Apéro. Also zum Schlemmerbüffet. „Wir machen das wie folgt: Ihr haltet immer einen kleinen Abstand zum Tisch, und ich laufe immer im Kreis, bringe Euch die Biere, Ihr verkostet sie, ratet, was es für ein Stil ist, und dann sammele ich sie wieder ein. Immer im Kreis!“, erklärt Davide.

Es beginnt ein Reigen, der uns regelrecht unter „Bierstress“ setzt. Blitzschnell kommen die Biere, werden schön vor uns positioniert, und kaum sind sie serviert, geht es los. „Na, was ist es für ein Stil?“ – „Wie schmeckt es?“ – „Was meint Ihr? Wieviel Alkohol?“ Dann die Auflösung, was es ist, und schon kommt das nächste Bier.

„Bierstress“ im Officina della Birra

Wir müssen uns ranhalten, um nicht die Übersicht zu verlieren. Ach ja, Speck, Käse, Wurst, fritierte Häppchen, Brot, Gebäck, Honig – all das muss ja auch noch verkostet werden. Vielleicht sogar mit dem jeweiligen Bier kombiniert werden. Fast schon steht uns der Schweiß auf der Stirn, und als Chronist habe ich alle Hände voll zu tun, die Übersicht über die getrunkenen Biere zu wahren:

  • 90 Nové – Pale Ale (Fass) 4,6%
  • Valona – Amber Ale (Fass) 5,5%
  • Innah – India Pale Ale (Flasche) 6,0%
  • Lisbeth – India Pale Ale (Fass) 7,5%
  • Mithra – Irish Red Ale (Flasche) 5,6%
  • Oroincenso – Birra Scura (Flasche) 8,0%
  • Kremlin – Imperial Russian Stout (Flasche) 9,0%
  • Fire Dance – Bourbon Oak Ale (Flasche) 6,6%
  • Dragrà – Seasonal Brown Ale (Flasche) 6,0%
  • 021.01 – Pastry Imperial Saison (Flasche) 7,5%
  • Marilyn – Seductive Imperial Pils (Flasche) 8,0%
  • Out of Sight – Raspberry Imperial Stout (Flasche) 9,0%

Uff! Was für ein Ritt durch die Bierwelt!

Einen kleinen Moment Pause gönnt uns das Team der Officina della Birra. Aber nur einen kleinen. Gerade so lang, wie die Jungs benötigen, draußen im Hof alles für die Sauerbier & Käse Verkostung aufzubauen.

Ein paar Minuten später treten wir auf den Hof. Die Sonne brennt, aber unter einem kleinen Zeltdach steht eine Zapfanlage, und dahinter grinsen uns unsere Gastgeber an. Langsam fährt Eric einen Gabelstapler aus der Garage. Er transportiert eine Europalette, und darauf vier bunt dekorierte Käseplatten! Was für eine überzeugende Inszenierung!

Den Auftakt dieser spannenden Verkostung macht ein Margherita Sour, ein Sauerbier, dessen Säure sehr ausgeprägt und direkt ist. Eigentlich gar nicht mein Fall. Aber in Kombination mit simplem Quark mit Zucker auf Vollkornbrot wird es plötzlich ausgewogen und mild. Na sowas!

Es folgt das „A Womp Bomp a Loom op a Womp Bam Boom”, das Tutti Frutti Sour. Nicht ganz so sauer, ein wenig runder, gebraut mit Mango und Erdbeeren. Dazu ein milder Bergkäse mit ganz groben Himalaya-Salz-Körnern. Hört sich merkwürdig an, passt aber ganz toll. Die Säure harmoniert mit dem Fett des Käses, das Salz, so merkwürdig es klingt, mit den Fruchtaromen. Davide strahlt, und Lucio wird nicht müde, den Namen des Biers geduldig zu wiederholen. Sind wohl nicht allzuviele Rock’n’Roll-Fans ins unserer Gruppe, die sich an Little Richard und seinen Song Tutti Frutti erinnern …

Sauerbier und Käse, serviert mit dem Gabelstapler

Weiter geht’s mit einem Bohemian Sour Lager aus dem Jahr 2020, dem „Rhapsody“. Dazu ein fester, goudaartiger Käse mit einer dicken Kruste aus geschrotetem schwarzem Pfeffer. Passt ebenfalls hervorragend, ist allerdings nicht ganz so überraschen wie die erste Kombination und nicht ganz so begeisternd wie die zweite. Trotzdem prima!

Den Abschluss unserer Sauerbier & Käse Verkostung markiert das Americana, ein Strong Ale con Uva Americana affinata in Barrique di Rovere aus dem Jahr 2020. Eric und Davide erklären, dass das Etikett aus Holz sei. Eine hauchdünne Schicht aus Eichenholz sei abgehobelt worden, so dünn, dass sie sich wie feste Pappe bedrucken und auf die runde Flasche kleben lasse. Das kräftige und nur leicht saure Bier passt mit seinen festen Barrique-Aromen hervorragend zum deftigen Stilton Blauschimmelkäse. Beide, Bier und Käse, kommen robust und selbstbewusst daher und ergänzen sich so ganz vorzüglich.

Sensorisch geradezu entkräftet gehen wir wieder in die Halle hinein, die die Brauerei und den Bottleshop beherbergt. Aber es ist noch nicht Schluss für heute!

Als Krönung des Tages, als Glanzlicht, gibt es noch einen Barley Wine, und zwar einen in Bourbon Barrels gereiften mit 15,0% Alkohol: „ODB Innkeeperʼs 99 – MMXIX 20Y“. Malzig, sanft, viskos gleitet er über die Zunge in den Rachen und rundet die heutige Brachialverkostung hervorragend ab. Ein gewisser Zeitdruck („Wir haben zwar den ganzen Nachmittag Zeit, aber das Programm ist gewaltig.“), der Ehrgeiz unserer Gastgeber und die Vielfalt der angebotenen Biere haben eine gewisse Unruhe gebracht; der Barley Wine erdet uns aber wieder und zwingt uns zu langsamem, bedächtigem Genuss.

Unser Kleinbus bringt uns jetzt hinaus in die Berge, und zwar zur Eremo San Nicolao. Eine kleine Einsiedelei, mit einer Kirche und einer kleinen Grotte, und daneben befindet sich ein gemütliches Restaurant mit zwei Terrassen, die einen herrlichen Blick ins Tal bieten. Gutes Bier gibt es hier zwar keins, dafür aber feines Essen in sehr schöner Atmosphäre, Zeit für Gespräche und für die, die Geschmack dran haben, auch ein paar interessante Weine und Schnäpse. Faszinierend, wie abgelegen manche Restaurantbetriebe sind – und dennoch ist jeder Sitzplatz auf den beiden Terrassen belegt.

Eremo San Nicolao

Es ist schon spät, als der Wirt sich ein historisches Kostüm überzieht und uns zum Abschluss des Abends eine Führung durch die kleine Kirche und die Grotte daneben gibt. Lange ist es her, dass sie als Einsiedelei genutzt worden ist – heute ist sie aufgrund der recht gleichmäßigen Temperaturen ein Lagerkeller für die guten Weine des Restaurants, und in der urigen Atmosphäre finden dort gelegentlich auch Verkostungen statt.

28. Mai 2022

Bildergalerie: Der dritte Tag

Bildergalerie: Die Biere des dritten Tages

Nach Cadenazzo in die Malteria Ticinese führt uns die erste Fahrt am heutigen Morgen. Aber, ach, was heißt schon Cadenazzo? Der Ort ist ja schnell gefunden, aber dann geht es über winzige Wege, kaum breiter als unser Kleinbus, im Zickzack durch die Felder. Irgendwann kommen wir doch auf einem abgelegenen Bauernhof an, wo uns Manuel Bolliger schon winkend erwartet.

Gemeinsam mit dem Eigentümer des Hofs, Adrian Feitknecht, hat er 2019 in einer Scheune eine kleine Mälzerei eingerichtet. Hier produzieren die beiden auf einer hochmodernen, vollautomatisierten Anlage rund 500 kg Biomalz wöchentlich. Geduldig erklärt er uns die Funktionsweise der Anlage, zeigt uns alle technischen Details und überrascht nicht wirklich mit der Antwort auf die Frage, wo die Gerste für das Malz denn herkomme: „Von hier. Das Gerstenfeld beginnt 1,20 m hinter der Anlage“, lacht er und deutet auf die Außenwand der Scheune.

die Malteria Ticinese

Der Start der kleinen Mälzerei sei ein bisschen schwierig gewesen, gibt Manuel zu, die Pandemie habe da ganze Arbeit geleistet. Aber mittlerweile habe man eine Reihe fester Abnehmer in der Region, fügt er noch hinzu, und lächelnd bittet er uns in den Raum nebenan. Eine gemütliche Verkostungsecke und ein bestens bestückter Kühlschrank erwarten uns dort, und gegen eine dezent raschelnde Spende in die bereitgestellte Dose dürfen wir uns nach Herzenslust bedienen. Die einzige Auflage: Bis viertel nach zwölf, spätestens aber halb eins müssten wir draußen sein, dann kämen die ersten Gäste zur Hochzeitsfeier, die heute auf diesem herrlichen Hof ausgerichtet werde.

Es beginnt ein emsiges Kreuz- und Querverkosten, bei dem es fast schon schwerfällt, die Übersicht zu bewahren. Ich versuche mich trotzdem an einer Rekonstruktion:

ein emsiges Kreuz- und Querverkosten

  • Brasserie Valaisanne – Sans Alcool – Triple Hopped (Flasche) 0,0%
  • Brauerei Schützengarten – Lakers Red – Bier gebraut aus Wasser des geschmolzenen Eishockeyfeldes der Scrj Lakers (Flasche) 5,7%
  • Monsteiner – SteinBock Bio-Bockbier (Flasche) 6,5%
  • Birrificio Valle Maggia – Ciao, Ticino – Blonde Ale (Flasche) 4,2%
  • Birra Bozz – Perla … TI! – Una Pils Originale (Flasche) 5,0%
  • Microbirrificio Rigamonti – birra Mater artigianale (Flasche) 4,4%
  • Birrificio Sottobisio – Xtücc Weiss (Flasche) 5,7%
  • Birrificio Fin – Evelyn – American Wit Beer (Flasche) 5,5%
  • Weyermann – 16 Jahre Verband der Biersommeliers – Imperial Red Ale (Flasche) 6,5%
  • Piccolo Birrificio Clandestino – Montinera – Imperial Russian Stout (Flasche) 9,0%

Mit fortschreitender Zeit wechselt der Blick immer häufiger zwischen der Uhr mit den unerbittlich weiter wandernden Zeigern und dem Kühlschrank, in dem noch so viele leckere Spezialitäten stehen.

Rolf beruhigt uns. „Ihr bekommt heute noch genug Bier“, lacht er und bittet uns zurück in den Bus.

Der Transfer nach Lugano vergeht wie im Flug, und schon rollen wir vor der Broken City Brewing Co. aus. Hier empfängt uns Rodrigo Silva und zeigt uns zunächst das Sudhaus. Etwas über fünf Hektoliter könne er hier pro Sud brauen, und jeweils ein Doppelsud ginge in die fünf Lagertanks. Die Biere müssten vor allem hopfig sein, erzählt er und lacht. „Sie sollen in erster Linie uns selbst schmecken!“, fügt er noch hinzu. Begleitet wird die kurze Besichtigung von einer Verkostung des Tóla, einem 4,8%igen Organic Helles Lager. Schön durchtrinkbar ist es – sowohl direkt aus der Dose als auch aus dem Plastikbecher.

Brauereibesichtigung in der Broken City Brewing Co.

Nach der Besichtigung geht es ein Stockwerk höher, vorbei an einem mit Biergartengarnituren und Europaletten ausgestatteten Freisitz in den Taproom. Rodrigo und sein Partner in der Brauerei, Fabio Colombo, verköstigen uns hier mit feinen Wurst- und Käsespezialitäten, Pickles, Avocadomus, Hummus und knusprigem Brot. Dazu servieren sie fleißig, ohne Hast, aber auch ohne unnötige Pausen, den ganzen Reigen der hier gebrauten Biere:

  • Japanese Lager (Fass) 3,8%
  • American Pilsner (Fass) 5,0%
  • Hoppy Table Saison (Fass) 4,0%
  • Basil Lemon Gose (Fass) 4,8%
  • Very Trapped in the Trap – Festbier (Fass) 5,8%
  • LVGA Pale Ale (Dose) 4,5%
  • New England IPA (Fass) 6,0%
  • Coffee DIPA – Masaba Coffee, Cocoa, Lactose (Fass) 8,5%
  • Reset My Heart – Imperial Stout with Masaba Coffee, Cacao Nibs, Vanilla and Cinnamon (Dose) 8,0%

wir verkosten so vor uns hin

Während wir so vor uns hin verkosten, verstreicht der Nachmittag fast unbemerkt. Langsam wird es Zeit, wieder aufzubrechen und die netten Gespräche mit Rodrigo und Fabio abzubrechen. Zehn verschiedene Biere haben wir probieren können.

Gerade, als wir alle wieder im Bus sitzen, kommt Rodrigo noch mit einer Palette voller Bierdosen angeflitzt: „Dieses hier habt Ihr gar nicht probiert!“ Er drückt jedem von uns eine Dose Mexican Chocolate Stout in die Hand und stellt fest, dass wir dann daheim eine schöne Erinnerung an diesen Brauereibesuch hätten. Auch nicht schlecht!

Wir nutzen den Bustransfer, schlummern ein bisschen, und landen schließlich in Stabio in der Bar Indios. Auf den ersten Blick eine x-beliebige Bar, wie man sie im Tessin und in Italien an jeder Straßenecke zweimal finden kann. Auf den zweiten Blick allerdings offenbart sich das Geheimnis: Ein paar sehr sorgfältig bestückte Zapfhähne und eine Reihe von Kühlschränken mit höchst interessanten Bieren aus der Region, aber auch aus der ganzen Welt. Wir können also genau dort weitermachen, wo wir vorhin bei Manuel aufgehört haben: Eine Flasche nach der anderen köpfen und kreuz- und querverkosten.

in der Bar Indios

Aber ach, die Helden sind müde. Die Schlagzahl ist schon lange nicht mehr so hoch wie heute Vormittag. Die gleißende Sonne trägt ihr Übriges dazu bei, sie macht uns träge und faul. Dennoch: Es kommen ein paar schöne Biere zusammen:

  • BFM – La Salamandre – Spicy Wheat Ale (Flasche) 5,5%
  • Brasserie BFM – La Saison – Bière acidulée (Fass) 6,0%
  • Brouwerij De Ranke – Audenaerde Kriek – Kriek Oud Bruin [2020] (Flasche) 6,5%

Zahlenmäßig jetzt nicht so beeindruckend, aber hoch interessant. Und: Wir haben hier ja auch nicht so viel Zeit – schon heißt es wieder, in den Bus einzusteigen.

Gemütlich zockeln wir das Muggio-Tal hoch. Die Straße wird immer enger und immer steiler, die Kurven zahlreicher. Uns fallen die Augen zu, und biermüde lassen wir uns vom Bus in den Schlaf schaukeln. Nach rund einer Dreiviertelstunde bemerken wir im Unterbewusstsein, dass der Bus anhält. Sind wir da? Nein, aber die Kehren sind mittlerweile so eng, dass der Fahrer anhalten und umsetzen muss.

Nach einer weiteren Viertelstunde sind wir endlich da: Die Osteria Manciana. Ein kleines, feines Restaurant am Ende der Welt. Noch ein paar hundert Meter, und die Straße endet. Weiter ginge es dann nur noch zu Fuß. Die italienische Grenze ist nur wenige Meter entfernt, und als das noch eine wirkliche Bedeutung hatte, war die Osteria ein Stützpunkt für Schmuggler.

Für uns sind drei Tische in einem voll verglasten Anbau reserviert, so dass wir einen beeindruckenden Blick in das Tal genießen können. „Ob’s hier wieder nur Wein gibt?“ Ich kann meine Lästerzunge einfach nicht zurückhalten …

„Och, ich denke, die haben auch ein recht gutes Bier“, zwinkert Rolf mir zu, und da kommt schon der junge Kellner und präsentiert uns feierlich …

… eine Magnum-Flasche Chimay Grande Resèrve, Jahrgang 2021.

eine Magnum-Flasche Chimay Grande Resèrve, Jahrgang 2021

Großer Szenenapplaus! Der Kellner strahlt, und Rolf, der die Flaschen besorgt und bereitstellen lassen hat, schmunzelt still und zufrieden vor sich hin. Überraschung gelungen!

Das Essen steht dem Aperitif-Bier in nichts nach, und wir schwelgen, als gäbe es kein Morgen. Als die beiden Magnum-Flaschen geleert sind, steigen wir um auf Menabrea Ambrata, ein solides Alltagsbier, aber man merkt, dass der Bierdurst für heute bei den meisten gestillt ist.

Zwei Tage Intensivverkostung, das hinterlässt Spuren, und so ist es während der Rückfahrt ins Tal, die natürlich wieder eine Stunde dauert, ruhig im Bus. Nur ab und an ist ein verstohlenes Schnarchen zu hören …

29. Mai 2022

Der dritte Morgen im Hotel Milano in Mendrisio hält für uns eine Überraschung bereit: Als wir auf den Flur treten, stehen vor unserer Tür vier Flaschen des Imperial Red Ale, das in der Weyermann Brauerei in Bamberg anlässlich des 16. Jahrestreffens des Verbands der Biersommeliers eingebraut worden ist.

vier Flaschen Imperial Red Ale

Gestern hatten wir es bei Manuel verkostet, und offensichtlich hatten unsere neuen Freunde mehr von diesem Bier mitgebracht gehabt, als dann verkostet werden konnte.

Was für eine nette Geste zum Abschluss dieser wunderbaren Bierreise!

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