Bierpaket aus Zuggelrade
Zuggelrade
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Was manche Menschen doch für Schätzchen in ihren Kellern haben!

Wer jetzt nicht weiß, wer oder was Zuggelrade ist, der braucht sich nicht zu schämen. Bei einer Einwohnerzahl von wenigen Dutzend ist dieses kleine Örtchen weithin unbekannt, was allerdings insofern schade ist, als es irgendwo in Zuggelrade einen Keller gibt, in dem ein lieber Mensch oder, besser, eine liebe Menschin Bierspezialitäten bunkert, wahre Schätzchen, nach denen sich Bierliebhaber die Finger lecken.

Und dann kommt ein Bierpaket im Allgäu an. Aus eben diesem Zuggelrade. Mit diversen Büchern, Zeitschriften und Gedöns – Dingen, die es zurückzugeben galt.

vier frische Biere, vier alte Biere

Aber eben auch: Mit vier frischen Bieren, frisch aus einer kleinen Brauerei irgendwo am Schweriner See. Biere, die es im Allgäu bestimmt nicht zu kaufen gibt. Und mit vier alten Bieren, jahrelang gelagert, fast vergessen. Biere, die es nicht nur nicht im Allgäu, sondern vielleicht sogar überall nicht mehr zu kaufen gibt.

Was macht man damit? Es bewusst und in Gedanken an die Absenderin genießen und verkosten. Nicht sinnlos wegtrinken, sondern jeden Schluck sachte und langsam über die Zunge fließen lassen.

Auf geht’s:

„Hennings Pils“

Das „Hennings Pils“ der Handwerksbrauerei Hennings hat 5,4% Alkohol. Mit seiner goldgelben Farbe und dem schneeweißen, stabilen Schaum gefällt es in seiner Optik gut. Das Aroma ist neutral herb, mit ganz leichten vegetalen Anklängen. Auf der Zungenspitze blitzt kurz eine ganz leichte Restsüße auf, dann macht sich aber rasch eine pilstypische Bittere breit, die aber, wie schon der Geruch, es etwas an Aromatik fehlen lässt. Nach dem Schluck bleibt diese Bittere einen Moment haften, könnte aber prägnanter und komplexer in ihrer Charakteristik sein; auch die retronasalen Aromen bleiben eindimensional. In der Summe ein gut trinkbares, durchaus fehlerfreies, sich aber nicht nachhaltig einprägen wollendes Bier.

„Hennings Dunkler Bock“

Der „Hennings Dunkle Bock“ fließt schön satt ins Glas. Er ist kräftig braun, leicht trüb, hat 7,2% Alkohol und nur sehr wenig, leicht beigefarbenen Schaum. Der Geruch ist dezent, mit feinen, süßlichen Malzaromen und einem bisschen Karamell. Der erste Moment auf der Zunge ist eine harmonische Fortsetzung des Aromas – Süße, Malz, Karamell, vielleicht sogar ein Hauch von Röstmalz, den ich spüre. Dann aber verblasst das Bier schlagartig. Statt kräftiger Fülle bleibt es eher schlank. Wässrig wäre zu viel gesagt, aber für einen Dunklen Bock mit diesem Alkoholgehalt bleibt das Bier farblos und dünn. Der Schluck und der folgende Abgang sind dann konsequenterweise unauffällig und zurückhaltend. Keine Fehlaromen, stattdessen eine durchaus harmonische Komposition, aber es fehlt der erwartete Wumms.

„Hennings Holz-Bock“

Das nächste Bier der Handwerksbrauerei Hennings ist laut Etikett ein Bier, das extra eingebraut wurde, um es im Holzfass lagern zu können, dann aber vorher schon so gut geschmeckt hat, dass ein gewisser Anteil unter dem Namen „Holz-Bock“ ohne weitere Holzfasslagerung abgefüllt wurde. Es hat 7,8% Alkohol, eine dunkelbraune, fast schwarze Farbe und nicht übermäßig viel, aber schönen, kremigen und stabilen Schaum. In der Nase spüre ich viel, viel Malz, eine dezente Röstnote und ein bisschen schwarze Schokolade. Der Antrunk ist kräftig und sämig, im Mund breitet sich das Bier mit viel Selbstbewusstsein aus. Schokolade, Espresso, ein bisschen Röstmalz, aber auch eine vollmundige Süße schmecke ich heraus. Im Abgang kommt dann eine feine, durchaus deutlich zu spürende, aber dezent auftretende Bitter zum Vorschein, die gerade so stark ist, dass sie Lust auf den nächsten Schluck macht. Der große, kräftige und mich persönlich beeindruckendere Bruder des etwas schwindsüchtigen „Dunklen Bocks“.

„Hennings Strong Ale“

Das vierte und letzte Bier aus der Handwerksbrauerei Hennings ist das „Strong Ale“. Obergärig, kupferfarben, klar, 7,8%ig. Gekrönt von feinem, fast weißem Schaum. Der Duft ist estrig-fruchtig, man merkt sofort, dass hier eine klassische Ale-Hefe gearbeitet hat. Der Antrunk ist weich und schmeichelt der Zunge mit einer feinen Süße, die mit den duftigen Estern auf das Feinste harmoniert. Mild und sanft rinnt das Bier über Zunge und den Rachen hinunter und wird stets begleitet von den tänzerisch-verspielten Fruchtnoten, die sich auch retronasal geschickt ins Bewusstsein rücken können. Die im Hals spürbare Bittere ist kräftiger als vor dem Schluck erwartet, bleibt aber blitzsauber und durchaus sanft. Eine gut gelungene Interpretation eines belgischen Ales.

„Coco d’Or“

Eine besondere Spezialität ist das „Coco d’Or“, ein Beer-Sec der SchwarzwaldGold Braumanufaktur e.K., die leider nicht mehr existiert. In unserem Bier-Brevier Unser täglich Bier gib uns heute ist Martin Walschebrauer, der dieses Bier seinerzeit gebraut hat, ein eigener Text gewidmet, und zwar der vom 13. Juli: „Lass mal reden“. Anders als der Name Beer-Sec suggeriert, handelt es sich beim „Coco d’Or“ aber nicht um ein Bier-Sekt-Gemisch, sondern ein nach dem sogenannten „Reinheitsgebot“ gebrautes Weizenbier, das seinen besonderen Geschmack einer Sekthefe und der Hopfensorte Saphire verdankt. Es hat eine dunkelgelbe, fast schon orangene Farbe, kann fast völlig klar dekantiert werden, wenn man das möchte und die Flasche vorher ein paar Tage aufrecht im Kühlschrank gestanden hat, oder genauso gut gleichmäßig hefetrüb eingeschenkt werden, wenn man die Flasche vorsichtig schwenkt. Es moussiert schön und bildet nur dann, wenn man es mit dem Hefebodensatz eingeschenkt hat, einen stabilen Schaum, bleibt sonst eher ohne Schaumkrone. Der Duft ist intensiv sektartig, da spielt die Hefe selbstbewusst auf. Auf der Zunge ist das Bier sehr spritzig und trocken, die Sektaromen sind auch hier im Vordergrund, wenn auch eine gewisse, ganz leicht an Kekse erinnernde Malzigkeit im Hintergrund zu spüren ist. Der Schluck ist trocken, und am Gaumen spürt man eine dezente Bittere, die für einen Moment ahnen lässt, dass es sich hier nicht um einen Sekt, sondern um ein echtes Bier handelt. Ein Bier für ganz besondere Anlässe und Momente.

„A swig of P!O!P – Draught Bass“

Eine Flasche hausgebrautes Bier unbekannten Ursprungs hat sich ebenfalls in dieses Paket geschlichen. „A swig of P!O!P – Draught Bass“ steht auf dem selbstgedruckten Etikett, und 4,7% sind als Alkoholgehalt angegeben. Das Bier hat eine dunkelgelbe Farbe, ist gleichmäßig und deutlich trüb und wird von reichlichem und lange haltbarem Schaum gekrönt. Im Geruch ist eine gewisse Fruchtigkeit zu spüren, die im allerersten Moment an Erdbeeren aus der Dose erinnert, dann aber rasch ins Unidentifizierbare abdriftet und auch ein paar gemüseartige Nuancen entwickelt. Der Antrunk und der Geschmack sind geprägt von dem, was ich in englischen Ales häufig vorfinde: Eine hefige, leicht adstringierende und entfernt an nassen Karton erinnernde Charakteristik. Ich werde wohl nie eindeutig feststellen können, ob das von der Hefe kommt, von Oxidation im klassischen Brauprozess stammt und gegebenenfalls sogar beabsichtigt ist. Mir behagt es nicht immer, sondern nur, wenn es in Kombination mit kräftiger Hopfung auftritt. Das ist hier aber nicht der Fall. Insofern ein zwar interessantes Bier, aber eines, das ich nicht ausdrücklich noch einmal kaufen würde – wenn es überhaupt kommerziell erhältlich wäre. Was es als Hausbräu ja nun mal nicht ist.

„Hoppeditz“„Goseator“

„Goseator“, also gewissermaßen eine Gose auf Steroiden – ein sehr spannendes Bier, das die Brauerei im Bayerischen Bahnhof in Leipzig da gebraut hat. Laut Beschreibung ein „Double Bock Ale Brewed with Spice and Matured in Tequila Oak Barrels” mit, obacht!, 10,5% Alkohol. Die Flasche ist komplett englisch beschriftet, stammt meines Wissens aus dem Jahr 2013 oder so und ist wohl gar nicht für den deutschen Markt bestimmt, hat es nun aber doch zu mir geschafft. Mittelbraun und ein wenig trübe fließt das Bier ins Glas und will so gar keinen Schaum entwickeln, so dass ich am Schluss durch beherztes Plätschernlassen nachhelfen muss. Ich schnuppere am Glas und stelle eine deutliche Säure mit fruchtigen Akzenten fest. Ein bisschen reife Pflaume, ein bisschen (aber nur wenig) Tequila, vielleicht auch etwas Stachelbeere. Auf der Zunge ist die Säure prägnant, aber angenehm, und wirkt durch den mineralischen Charakter des Biers (Salz ist eine der Zutaten) und seinen recht vollen Körper sehr ausbalanciert. Ich bin kein Sauerbierfan, aber das gefällt mir! Sanft fließt das Bier über die Zunge, an den Zungenseiten spüre ich deutlich das Salz, und beim Schluck sowie direkt danach macht sich eine angenehme alkoholische Wärme breit, während retronasal wieder die frischen Fruchtaromen und die Säure spürbar werden. Sehr schön. Deutlich besser, als ich von einem Sauerbier erwartet habe. Nicht nur für ein Sauerbier, sondern sogar absolut gesehen ein vorzügliches Bier!

„Hoppeditz“

Aus der Helios Braustelle in Köln Ehrenfeld kommt das achte und letzte Bier, das „Hoppeditz“ – ein Bier, das in Kollaboration mit Sebastian Sauers Freigeist Bierkultur entstanden ist. Die Flasche muss so ungefähr aus dem Jahr 2013 stammen, aber nix Genaues weiß man nicht. Es hat 7,5% Alkohol, eine tiefbraune Farbe, ist extrem trüb und bildet einen leichten, beigefarbenen Schaum aus. Der Geruch ist malzig, etwas honigartig, hat ein paar Karamellnoten und eine feine Säure, bei der ich aber nicht weiß, ob sie seinerzeit beabsichtigt war oder erst im Laufe der Jahre entstanden ist. Der Antrunk ist süßlich, sehr vollmundig, etwas röstig und erinnert mit seiner dunklen Malzcharakteristik ganz entfernt an ein Altbier, ist nur viel intensiver und leicht säuerlich. Im Abgang macht sich eine fruchtige Note nach in Madeira eingelegten Pflaumen breit (retronasal) und es formt sich eine leichte, etwas kratzige Bittere aus. Eine interessante Trinkerfahrung nach all den Jahren.

Acht spannende Biere, jedes für sich eine bewusste Verkostung wert. Biere aus einem verborgenen Keller in Zuggelrade.

Wo immer das ist.

Bilder

2 Kommentare

    • Ach, Mensch, Esther,
      den Text siehst Du jetzt erst, weil Du zu selten in meinem Blog stöberst.
      Ach, Mensch, Esther,
      Du kannst mich schon erreichen, aber es dauert manchmal eine Weile, bis ich Deine Nachrichten lesen und beantworten kann.
      Ach, Mensch, Esther,
      mir geht es den Umständen entsprechend ganz gut.

      Ach, Mensch, Esther,
      ich freue mich über Deine Worte!

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