Josef Heinrich Horstmöller „Altes Gasthaus Leve“ GmbH & Co. KG
Münster
DEU

Münstersch Alt – ein Bierstil, der fast ausgestorben ist. Heller als das Düsseldorfer Alt, mit einer leichten Milchsäurenote, gleichwohl hopfig herb. Jahrelang gab es nur noch eine einzige Brauerei, die dieses Bier so gebraut hat, wie es „schon immer“ geschmeckt hat, wie verklärt behauptet wird, aber nie bewiesen werden konnte, und zwar die Brauerei Pinkus Müller. Mittlerweile gibt es auch noch Philipp Overbergs Gruthaus Brauerei, aber auch wenn dessen Überwasser Alt geschmacklich allemal mit dem des Pinkus mithalten kann – sein Ausstoß ist einfach zu gering, um schon jetzt eine allgegenwärtige Alternative bieten zu können. Was nicht heißt, dass es in wenigen Jahren schon ganz anders aussehen kann.

Möchte man nun aber an einem Sonntag oder einem Feiertag ein Münstersch Alt genießen, verkosten, gerne auch in größeren Mengen verfrühschoppen, dann steht man im erzkatholischen Münster vor dem Problem, dass alle Schänken, die das Überwasser Alt anbieten, erst abends öffnen. Die Brauerei Pinkus Müller und ihr Ausschank haben sonn- und feiertags gleich ganz zu, und so tappt der Reisende rat- und ziellos durch die Münsteraner Altstadt, deren wunderbares Ambiente ihn in einer solchen glutwüstendurstigen Situation nun überhaupt nicht aufheitern kann, ja, nicht einmal in der Lage ist, überhaupt an ihn heran zu kommen.

Glückes Geschick, wer in einer solchen Situation einen Einheimischen kennt, der Abhilfe weiß und eine gute Adresse nenen kann: Das Alte Gasthaus Leve.

Das älteste Gasthaus der Stadt. Keine Bierbar im eigentlichen Sinne. Craft-Bier-Fanatiker werden enttäuscht sein. Aber doch: Für ein gutbürgerlich-klassisches Gasthaus, ein gepflegtes Haus mit durchaus gehobener Gastronomie und gutem Service, eine überraschend große Bierauswahl. Neun Zapfhähne sind bestückt. Einige mit Konzernbier üblen Rufs – Krombacher, Bitburger, sogar Bitburger 0,0. Mit Dortmunder Kronen und Reissdorf Kölsch geht es aber durchaus in die Regionalität, und mit mehreren Sorten Pott’s aus Oelde und – und deswegen sind wir ja hier! – Münstersch Alt vom Pinkus Müller ist doch durchaus etwas am Hahn, das das Bierliebhaberherz wenn schon nicht aus der Brust springen, so doch wenigstens ein wenig hüpfen lässt.

MiniaturMan setze sich also in einen der vielen Schankräume im weitverzweigten Gasthaus, genieße zunächst das wunderbare Ambiente mit den alten Fliesen, viel Kupferzeugs, geschmackvoller, wenn auch tendenziell schon zu leichter Überladenheit neigender Dekoration, und dann bestelle man ein Pinkus Alt. Der klassisch gekleidete Kellner serviert in Windeseile, stilvoll das leuchtend weiße Leinentuch über dem Unterarm, ganz alte Schule. Und das Alt ebenfalls. Alte Schule. Hellgelb, ganz leicht opak, würziger Geruch, voller und süffiger Geschmack mit einem Hauch Säure. Ein wunderbares Bier für einen sonnigen Sonntagvormittag. Schnell noch eins, bevor das Essen kommt. Und zwischen den Gängen gerne auch noch das eine oder andere.

Alternativ, am heutigen 4. Juni 2015, gerne auch das Pinkus Classic. Ein Spezialbier, gebraut mit einer uralten Getreidesorte, Dr. Francks grannenabwerfender Imperialgerste. Ein nur noch selten angebautes Getreide, noch seltener wird es vermälzt, und doch habe ich gerade vor wenigen Tagen schon einmal ein Bier mit diesem speziellen Korn getrunken. Da scheint sich eine Mälzerei ganz bewusst diesem Thema gewidmet und mehr als nur eine Brauerei begeistert zugegriffen zu haben. Ganz wunderbar.

Bierpflege, Speisenqualität, Service und Ambiente gehen Hand in Hand, der kritisch beobachtende Gast ist versucht, die altbackene Formulierung vom ersten Haus am Platze aus den Gehirnwindungen hervorzukramen, wäre sie doch nicht gar so staubig und vom schwulstig-schwülen Konservativismus der Nachkriegszeit geprägt.

Also, anders formuliert: Schön hier, und mit Stil! Jawoll, das ist es. Münstersch Alt, genossen mit Stil!

Das Alte Gasthaus Leve liegt mitten in der Münsteraner Altstadt; Parkhaus dicht dabei, aber natürlich fährt man im Münster nicht mit dem Auto, sondern mit dem Rad. Oder höchstens mal mit dem Bus (die Haltestelle Eisenbahnstraße mit etwa einem Dutzend Buslinien ist hundert Meter weiter) oder der Bahn (Hauptbahnhof 500 m entfernt). Es ist Münsters älteste Gaststätte, bereits 1607, also deutlich vor dem Westfälischen Frieden, gegründet worden (wenn auch unter anderem Namen). Die typisch westfälische und Münsteraner Küche wird täglich von 12:00 bis 24:00 Uhr serviert, kein Ruhetag. Und zumindest am 4. Juni 2015 konnte man auch schon deutlich vor 12:00 Uhr ein Bier zum Frühschoppen bekommen und draußen in der Sonne, vor dem Eingang genießen.

Nachtrag 20. Februar 2016: Seit Anfang 2016 ist das Alte Gasthaus Leve sonntags nicht mehr geöffnet. Schade.

Bilder

Josef Heinrich Horstmöller „Altes Gasthaus Leve“ GmbH & Co. KG
Alter Steinweg 37
48 143 Münster
Nordrhein Westfalen
Deutschland

3 Kommentare

  1. Es gibt übrigens nicht weit von Münster, nämlich in Beckum, ein weiteres helles Westfälisches Obergäriges Alt zu probieren, das von Stiefel Jürgens. Das ist immerhin die älteste Brauerei Westfalens (http://www.stiefel-juergens.de/) und sicherlich auch mal einen Besuch und Bericht wert.

    • Herzlichen Dank für den Tipp – wenn ich mal wieder in der Gegend bin, fahre ich da mal wieder vorbei. Ich war da mal vor vielen Jahren, aber ohne allzu genau auf das Bier zu achten und ohne Bilder zu machen… Höchste Zeit, diesen Lapsus zu tilgen.

  2. Moinsen,
    „eine Haxe mit Rotkohl, Sauerkraut, Bratkartoffeln und zwei Bier“ (Aufsichtsbehörde: Gewerbeaufsicht der Stadt Münster) sind noch zu zahlen. Bitte zieht das und eine ordentliche Portion Trinkgeld der Stadt Münster ab. Meine Bewertung: 5 Sterne!
    Beste Grüße,
    Marco

    PS – Fragt nicht wieso, aber die Stadt Münster zwingt mich zu außergewöhnlichen Maßnahmen. Die spinnen, die Römer…

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