Craft Beer Kontor
Hannover
DEU

Ich schaue auf mein Telefon. 20:02 Uhr. Zu spät. Das Craft Beer Kontor hat nur bis 20:00 Uhr geöffnet. War die Straßenbahnfahrt in die Südstadt nun umsonst?

Gemütlich hatten wir in der Mashsee Brauerei gestanden, Bier getrunken und erzählt. Über Gott und die Welt, von der Bierszene in Deutschland, von der Geschichte der Brauerei und natürlich auch vom Craft Beer Kontor, das Kolja Gigla seinerzeit gemeinsam mit der Mashsee Brauerei gegründet hatte – Brauerei und Bierladen in einem.

Nachdem schon nach zwei Jahren die Räumlichkeiten aus allen Nähten platzten, zog die Mashsee Brauerei in ein Gewerbegebiet ein paar Kilometer weiter südlich in Döhren, und das Craft Beer Kontor breitete sich aus. Gleichzeitig wurde es von der Familie Crowder übernommen, weil für Kolja Brauerei und Bottle Shop an zwei verschiedenen Standorten nicht mehr zu wuppen waren.

„Jetzt habt Ihr die Brauerei hier gesehen, jetzt müsst Ihr natürlich noch ins Craft Beer Kontor“, stellen Kolja und Søren, die uns durch die heiligen Hallen geführt haben, fest und schauen auf die Uhr. „Oh, das wird aber knapp. Die machen um acht zu. Am besten, wir rufen da mal an und geben Bescheid, dass Ihr noch kommt. Janina bleibt bestimmt noch ein paar Minuten länger!“

Natürlich nicht. Ausgerechnet heute ist Janina Crowder, der das Kontor gehört, nicht da, sondern nur ihr Vater Jim, und der sagt am Telefon, dass er eigentlich pünktlich Schluss machen will. Puh, dann aber los! Kolja fährt uns zur Straßenbahn, zum Glück kommt auch gleich ein Zug, und wenige Minuten später stehen wir vor der Tür des Kontors. Aber zu spät.

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Zu spät?

Wir schieben die Tür vorsichtig auf und lugen hinein. „Wir sind’s!“, signalisieren wir vorsichtig, und mit gespieltem Gegrummel winkt uns Jim rein. „Kommt her, ein Bier gibt’s noch“, grinst er.

Wir schauen uns um. Die Wände sind mit Regalen vollgestellt. Sorgfältig sortiert stehen hier Flaschen und Dosen aus aller Welt, bestimmt zweihundert verschiedene Marken. Ein Regal mit belgischen Spezialitäten, ein Regal mit Porters und Stouts, ein Regal mit IPAs, eines mit Pale Ales, und so geht es weiter. Uns fällt die Kinnlade runter…

In der Ecke des Raumes eine kleine Theke mit drei Zapfhähnen. Drei spannende Biere, von 3,8% bis 10,4% ist alles dabei. Ob wir alle drei schaffen werden? Vermutlich nicht, wir wollen Jims Geduld nicht überstrapazieren, also entscheiden wir uns für das Mashsee Session Lager, das 3,8%ige, als erfrischenden Schluck nach der Rennerei von der Straßenbahn hierher. Ein schönes, frisches, prägnant gehopftes Bier für den großen Schluck, um den Durst zu löschen.

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Mashsee Session Lager

Mit dem Glas in der Hand wandern wir die Regale ab, und fast wie von einer magischen Kraft gesteuert, greift meine rechte Hand immer wieder in eines der Regalfächer, nimmt eine Dose oder Flasche und stellt sie in der Mitte auf dem großen Tisch ab. Zwischendurch erzählt Jim von der einen oder anderen Brauerei, von der Hannoveraner Bierszene, von der Zusammenarbeit mit den Craftbrauern der Region oder von Anekdoten mit Gästen und Kunden, die er im Craft Beer Kontor erlebt hat.

Wir quatschen uns fest. Der Dosen- und Flaschenberg in der Mitte wächst und wächst. Und natürlich bekommen wir auch noch die beiden anderen Fassbiere zur Verkostung. Jim schaut schon lange nicht mehr auf die Uhr. Wir auch nicht.

Wir verkosten das Fuggles IPA, das in einer Kollaboration des Utrechter Brewpubs Kromme Haring mit der Brouwerij Kees entstanden ist. Kees Bubberman war ja lange Jahre bei der Brouwerij Emelisse, bevor er sich schließlich selbständig gemacht hat, und in den Kesseln seiner Brauerei ist dieses Fuggles IPA entstanden. Nur 5,0% hat es, und mit den weichen, ehr heuartigen oder grasigen Aromen des englischen Fuggles-Hopfens wirkt es für ein India Pale Ale sehr untypisch. Aber nicht schlecht, ganz gewiss nicht.

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sorgfältig nach Bierstilen sortierte Regale

Mit dem Craft Beer Kontor hat die Familie Crowder mittlerweile einen ganz hervorragenden Anlaufpunkt für spannende und teils sehr exotische Biere geschaffen. Zwar liegt es ein wenig im Hinterhof, aber wenn man die Einfahrt erstmal gefunden hat, dann glaubt man, sich im Bierparadies wiederzufinden.

An das Bierparadies müssen wir auch denken, als wir das dritte und letzte der Fassbiere verkosten, das Black Boar der irischen Brauerei The White Hag. Ein Bourbon Barrel Aged Imperial Oatmeal Stout mit gewaltigen 10,2% Alkohol. Fast schwarz, mit nur wenig, dafür aber lange haltbarem, kremigem, beigefarbenem Schaum. Intensive Whisky-Aromen, Vanillenoten, aber auch Mokka riechen wir. Der Antrunk ist kräftig, malzig, ein bisschen alkoholisch und bereits wenige Tropfen füllen den ganzen Mund geschmacklich aus. Whiskyduft und holzige Komponenten steigen auf, und beim Ausatmen durch die Nase kommt eine ganz neue Komplexität zum Vorschein – der retronasale Effekt ist bei diesem Bier ganz vorzüglich.

Jetzt gemütlich vor einem prasselnden Kamin zu sitzen, viel Zeit zu haben für gute Gespräche, für das Sinnieren über die Vergangenheit, das Planen der Zukunft – das Black Boar wäre das richtige Bier für diese Szenerie.

Nun, gute Gespräche haben wir auch so; allein, es fehlt an Kamin und Zeit. Wir wagen jetzt doch mal einen Blick auf die Uhr und stellen fest: Wir haben Jim schon eine ganze Überstunde beschert. Pünktlich Schluss machen wollte er heute, und stattdessen hat er sich auf endlose Biergespräche mit uns eingelassen. Danke dafür, und für Deine Zeit, Jim!

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die anderen Gäste sind bereits verschwunden

Die letzten anderen Gäste sind schon lange verschwunden, und nun geht es zur Kasse. Der Rucksack ist mal wieder prallvoll und höllisch schwer, der Weg zu Fuß und mit der Straßenbahn zum Hotel in der Nordstadt wird beschwerlich. Aber das ist der Preis, den wir zahlen müssen, um den Bierkeller mit besten Spezialitäten auffüllen zu können…

Das Craft Beer Kontor: Was Kolja Gigla scherzhaft als seinen Brauereiausschank bezeichnet hat, ist so viel mehr. Es ist ein ausgezeichneter Bottle-Shop mit einem vielseitigen und spannenden Angebot, bestens sortiert. Es ist ein kleiner Ausschank, in dem drei wechselnde Fassbiere verkostet werden können und natürlich auch alle anderen Flaschen- oder Dosenbiere, die sich im Kühlschrank finden. Es ist aber auch ein Treffpunkt der Hannoveraner Bierliebhaber, ein Kommunikationszentrum und nicht zuletzt eine Bildungseinrichtung, in der mit angeleiteten Tastings und mit Braukursen die Liebhaber guten Biers ihren Horizont erweitern und ein ganz neues Geschmacksuniversum entdecken können.

Vermutlich also die beste Bieradresse der Region.

Das Craft Beer Kontor ist mittwochs bis freitags von 12:00 bis 20:00 Uhr geöffnet; sonnabends von 12:00 bis 18:00 Uhr. An den anderen Tagen ist zu. Zu erreichen ist es am besten mit der Straßenbahn der ÜSTRA, Linien 1, 2, 8 und 18, Haltestelle Schlägerstraße, und von dort 150 m in Richtung Osten.

Bilder

Craft Beer Kontor
Schlägerstraße 17
30 171 Hannover
Niedersachsen
Deutschland

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