Braukunstwerk
Münster
DEU

Schlichtheit. Reduktion auf das Wesentliche. Keine Ablenkung durch überbordende Dekoration. Fokussierung auf das, was zählt. Das Bier.

So ist es derzeit in Mode. So macht es die Bierbar Herman in Berlin, On Tap in Singapur, und so macht es seit einem Jahr auch das Braukunstwerk in Münster.

Es beginnt schon mit der Lage. Ein paar hundert Meter aus der Altstadt raus, an einer beliebigen Straße gelegen, die durch nichts auf sich aufmerksam macht. Eine langweilige, sterile Mischung aus Wohn- und Geschäftshäusern im nüchternen Stil der sechziger und siebziger Jahre.

In einem dieser Häuser der zurückversetzte Eingang zum Wohnbereich, links und rechts davon zwei ehemalige Ladengeschäfte, die sich aber – bei genauerem Hinsehen – hinter dem Treppenhaus zu einem gemeinsamen Bereich vereinen. U-förmig. Also nur einmal Geschäftsräume, aber mit zwei Eingängen rechts und links.

Mittig dazwischen das schlichte, aber dennoch deutlich zu sehende Firmenschild. Braukunstwerk. Bierfachgeschäft und Wirtschaft in einem, oder neudeutsch: Bottleshop und Tastingroom.

Ich stehe am 23. April 2016 vor der Wahl: Der linke Eingang führt in den Bottleshop. Bestimmt interessant, hier einmal zwischen den Regalen entlang zu bummeln, die Biersorten aus aller Welt zu bestaunen. Mal hier eine Flasche aus dem einfachen Holzregal zu nehmen, mal dort. Die Verpackung zu bewundern, das Etikett zu studieren, mit dem Verkäufer fachsimpeln, Erfahrungen auszutauschen, einfach nur Bier zu reden. Im unausgesprochenen Wettbewerb austesten, wer denn mehr über die Welt der Biere zu wissen meint.

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die linke Seite: Bottleshop

Ach, nein, denke ich, das wäre diesmal dem Verkäufer gegenüber nicht fair. Ich denke an die prall gefüllten Bierregale in der Garage daheim und an meine ambitionierte Reiseplanung in den nächsten Wochen. Ich werde kaum zuhause sein, weiß gar nicht, wann ich das Bier daheim alles trinken soll, und da werde ich heute wohl kaum neue Sorten dazukaufen, dem Verkäufer mit meinem Geschwätz also nur die Zeit stehlen…

Alternativ führt der rechte Eingang in den Tastingroom. Ein halbes Dutzend Biere vom Fass, beliebig viele aus der Flasche. Einmal die Liste rauf und runter verkosten. Aus schierem Trotz gegen die heute überall in Deutschland, aber besonders in Bayern stattfindenden Feiern zum 500. Jahrestag des angeblich ältesten Lebensmittelgesetzes der Welt, dem sogenannten Reinheitsgebot, sind alle sechs Zapfhähne mit Bieren bestückt, die diesem Reinheitsgebot widersprechen, mit leckeren und natürlichen Zutaten, ohne Chemie, aber eben nicht reinheitsgebotskonform gebraut sind. Tja, das wäre auch was.

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die rechte Seite: Verkostungsraum

Aber nein, viel konsumieren geht jetzt auch nicht. Es ist gerade mal um die Mittagszeit, gleich muss ich noch auf ein Bierfestival, und heute Abend gar noch mein neues Bierbuch im Rahmen einer Lesung vorstellen. Da kann ich nicht jetzt schon damit beginnen, mir die Artikulationsfähigkeit mit Konsum von gewaltigen Bieren einzuschränken. Also auch nicht.

Wie der Esel zwischen den zwei Heuhaufen stehe ich zwischen den Eingängen, bis mir schließlich die Entscheidung abgenommen wird. „Mann, steh‘ nicht dumm rum. Erstens wird jetzt noch nicht groß getrunken, weil Du nachher noch verständlich vorlesen musst, und zweitens ist rechts sowieso noch zu!“, heißt es, und ich werde, keine Widerrede zulassend, von meinem mich durch Münster begleitenden Verleger durch die linke Tür geschoben.

Bottleshop also.

Nach wenigen Augenblicken sind wir schon ins Gespräch mit Waldemar, einem der beiden Eigner des Braukunstwerks, vertieft. Zusammen mit Daniel hat er dieses Geschäft gegründet, hat aber momentan viel Stress. Daniel hat einen Bandscheibenvorfall, fällt für viele Wochen aus, und alleine ist der Laden nur mit viel, viel Anstrengung zu wuppen.

Man merkt aber nichts von der ausgefallenen zweiten Hälfte des Teams. Sorgfältig nach Ländern und Stilen sortiert stehen die Flaschen in den robusten Holzregalen. Ich freue mich, als ich eine ganze Kiste von Bieren der Pracownia Piwa entdecke, der Brauerei meines guten Freunds Tomasz Rogaczewski in der Nähe von Krakau. Aber auch gefühlte tausend andere Spezialitäten gibt es zu entdecken.

Zwischendurch kommen immer wieder andere Kunden, fragen nach Spezialitäten, stöbern herum oder füllen ganz einfach stoisch ihre große mitgebrachte Tasche mit einer leckeren Flaschen nach der anderen.

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Põhjala und weitere Brauereien mit ihren spannenden Bieren

Plötzlich steht ein Verkostungsglas vor mir: Pesakond, ein Bier der estnischen Brauerei Põhjala. Ein schwarzes, röstiges Black India Pale Ale mit Blaubeeren und Fichtenspitzen. Waldemar war nach nebenan in den Barbereich gegangen und hat uns eine kleine Kostprobe gezapft. Ein beeindruckendes Bier. Im Duft feine Blaubeernoten, im Hintergrund dazu aromatische Hopfensorten. Im Antrunk zunächst eine malzige Süße, dann breite Röstaromen, die schließlich dem terpenartigen Aroma aus den Fichtennadeln Platz machen. Ungeheuer komplex – ein Aromafeuerwerk sondergleichen. Fein komponiert, und genial, wie sich die verschiedenen Elemente auf der Zeitachse nacheinander entwickeln. Tolles Bier!

Und so haben wir doch beides in einem abgearbeitet. Bottleshop und Tastingroom.

Es kommt noch der Moment der Offenbarung: „Ich kaufe heute aber nix, Waldemar. Die Regale in der Garage zuhause quellen über …“ Bla, bla, bla. Waldemar trägt es mit Fassung. Er ist Sonderlinge wie mich gewöhnt. „Nächstes Mal aber, ja?“, fragt er nur.

Versprochen! Und nachher, auf dem Bierfestival, da treffen wir uns sowieso, und dann trinken wir ein Bier zusammen!

Das Braukunstwerk ist Bottleshop und Tastingroom in einem. Der Flaschenverkauf ist montags bis sonnabends von 12:00 bis 20:00 Uhr geöffnet; der Auschank, also der Tastingroom, donnerstags bis sonnabends ab 18:00 Uhr. Zu erreichen ist das Braukunstwerk am besten münster-typisch mit dem Fahrrad. Mit der Bahn geht aber auch, vom Hauptbahnhof sind es sieben oder acht Minuten zu Fuß.

Nachtrag 16. Juni 2018: Mit Ablauf des heutigen Tages schließt das Braukunstwerk seine Pforten. Daniels Bandscheibenvorfall ist nie richtig ausgeheilt, Waldemar leidet auch unter gesundheitlichen Problemen, und schweren Herzens entschließen sich die beiden, das Geschäft aufzugeben. Trotz aller Bemühungen hat sich niemand gefunden, der dieses Konzept nahtlos hätte weiterführen wollen, insofern ist dies leider das traurige Ende einer tollen Idee. Sehr schade. Münster ist um eine Attraktion ärmer.

Bilder

Braukunstwerk
Warendorfer Straße 44
48 145 Münster
Nordrhein-Westfalen
Deutschland

2 Kommentare

    • Ja, leider, Andreas.

      Ich habe das mitbekommen, aber bis jetzt noch keine Zeit gehabt, den Artikel zu aktualisieren. Deinen Kommentar habe ich jetzt aber zum Anlass genommen, dies zu tun. Schade. Schade für die beiden, und schade für Münster.

      Mit bestem Gruß,

      VQ

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